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NFL: Any Given Wednesday - LeBron James und die NFL

Die NFL-Kolumne hat Einiges zu erklären: Zum Beispiel, was LeBron James mit der NFL zu tun hat oder warum einige Coaches glauben, dass sie sich immer wieder neu erfinden müssen. Außerdem finden Dirty Harry und Robin Hood ihren Platz. Und: es darf gratuliert werden.

Ein kluger Ratschlag lautet: Wenn du auf deine potentiellen Schwiegereltern triffst, vermeide die Themen Sport und Politik. Bei beiden liegen die Emotionen meist blank, bei beiden entsteht am ehesten eine hitzige Diskussion, beide sind am besten dafür geeignet, tief Gräben zwischen zwei Parteien auszuheben. Oder um es mal unfeiner mit Dirty Harry aka Clint Eastwood auszudrücken: "Meinungen sind wie Arschlöcher, jedermann hat eins."

Genau dies ist aber auch der Reiz, der im Sportjournalismus liegt. Man weiß meist, wenn man eine Top Ten aufstellt, hat mindestens ein Leser eine andere Meinung - und das ist gut so. Ich fände es sehr, sehr langweilig, wenn alle Leser unisono meine Kolumnen und Artikel abnicken würden. Und manchmal, da verrate ich sicher kein Geheimnis, weiß man beim Schreiben sogar schon, welcher Fraktion man mit der eigenen Meinung auf den Schlips tritt.

Warum dieser ganze Sermon über Meinungen? Eigentlich nur, damit ich mal wieder LeBron James kritisieren kann. Ja, ich weiß, dies ist eine NFL-Kolumne und eigentlich hat der Kollege Oliver Stein das Wort in der NBA. Aber der Vizekönig von Miami äußerte sich in der letzten Woche zu einem NFL-relevanten Thema und das bringt mich auf den Plan.

Der Rächer der Enterbten

James sah sich nämlich bemüßigt, den ESPN-Analysten und Ex-NFL Spieler Merril Hoge für dessen Kritik an Broncos-Quarterback Tim Tebow zurechtzuweisen. Hoge hatte in einer ESPN-Sendung Tebows Qualitäten als limitiert bezeichnet und seine Zweifel daran bekräftigt, dass Tebow der Quarterback ist, der den Broncos einen Titel beschert.

Das schien wiederum James auf den Plan zu rufen, der Hoge per Twitter scharf anging: "Wie wäre es damit, ihn zu ermutigen und ihm das Beste zu wünschen, anstatt dieser Hasstiraden." Hmm, man kann sich Hoges Aussagen gerne vier- bis fünfmal angucken - von einer Hasstirade ist meiner Meinung nach nicht viel zu erkennen. Hoge machte nur seinen Job und der ist nun einmal die Beurteilung der Leistung von NFL-Spielern. Wie langweilig wäre es, wenn die TV-Experten dieser Welt in jeder Sendung über jeden Spieler sagen würden: "Ich denke er schafft das und wünsche ihm nur das Beste." Dieser Job hieße Coach, Mister James, nicht Sportjournalist.

Wahrscheinlich hat James sich die Kritik an seiner Person nach den sehr dürftigen Leistungen in den vierten Vierteln der NBA-Finals so sehr zu Herzen genommen, dass er jetzt den Robin Hood der kritisierten Sportstars spielt.

So wird die Geschichte rund?!

Um noch einmal auf den Ursprung der Tebow-Geschichte zurückzukommen: Anlass war natürlich die Quarterback-Debatte in Denver, wo sich Headcoach John Fox zwischen Kyle Orton und Tebow entschieden hat - zu Ungunsten Tebows, dem nicht nur Hoge NFL-Qualitäten abspricht. Orton sollte vor Wochenfrist übrigens zu den Dolphins wechseln, doch das Geschäft platzte.

Die Reaktion der Fans in Miami? Quarterback Chad Henne, dessen Qualitäten ebenfalls fragwürdig sind, wurde beim Training ausgepfiffen. Nicht erst seit dieser Episode stehen die Dolphins bei meiner persönlichen Super Bowl-Favoritenliste ganz unten. Auf einmal werden übrigens Stimmen laut, die über eine Verpflichtung Tebows in Miami spekulieren. Der Vorteil? Er, James und vielleicht auch Henne können in Südflorida eine Selbsthilfegruppe für kritisierte Profis gründen.

Einmal Genie, immer Genie?

Es gibt Wochen, da ist man der NFL für Themen sehr, sehr dankbar. Diese Woche ist so eine. Nach der Geschichte um LeBron James und Tim Tebow sorgt die Free Agency für Schlagzeilen. Zwar nicht mehr so spektakulär wie noch in der Vorwoche, aber noch mit einigen interessanten Wechseln. In der Redaktions-Diskussion sorgten allerdings die Patriots-Verpflichtungen der Vorwoche für einiges an Redebedarf, so dass ich hier endlich eine meine Lieblingstheorien über Coaches auspacken darf.

Wie bekannt, hat Bill Belichick sich einmal mehr zum Samariter der Liga aufgeschwungen und sich der vermeintlichen Problemfälle Chad Ochocinco und Albert Haynesworth angenommen. "Warum macht er das?", so fragten mich einige Kollegen. "Nun, ich habe da eine Theorie", sagte ich - und schreibe sie hiermit nieder.

In der Bundesliga würde es man vielleicht das Felix-Magath-Syndrom nennen, doch in der NFL kommt es noch gehäufter vor, das "Aber-ich-bin-immer-noch-ein-Genie"-Syndrom. Dies befällt meist Erfolgscoaches, die von den Medien zu Genies hochgelobt wurden, seit einiger Zeit aber keine Titel mehr erringen konnten.

Gefallene Genies

Wie seinerzeit Mike Shanahan bei meinem Leib- und Magenteam, den Broncos. Der konnte sich zwei Super Bowl-Siege hintereinander auf die Fahne schreiben, wurde mit der Zeit aber immer mehr zum Schatten seiner alten Erfolge, die Legende vom Offensiv-Genie hielt sich jedoch hartnäckig. Bei mir sorgte Shanahan Mitte der 2000er so für zerstörte Fernbedienungen und ähnlichen Collateralschäden, weil er zum Beispiel drauf bestand, die ersten 20 Spielzüge einer Partie vorzuschreiben und damit nicht auf die Verteidigung der Gegner zu reagieren. Ihm zu Ehren würde ich dieses Phänomen Shanahan-Syndrom nennen.

Den jüngsten Auswuchs dieses Syndroms konnte man im letzten Jahr bei den Washington Redskins sehen, als er den erfahrenen Quarterback Donovan McNabb zwei Minuten vor dem Ende zugunsten Rex Grossmanns aus dem Spiel nahm. Die Reaktion des NBC-Experten und Ex-NFL Verteidigers Rodney Harrison auf profootballtalk.nbcsports.com: "Ich würde Rex Grossmann noch nicht einmal die letzten zwei Minuten in einer High School Partie spielen lassen." Wo war LeBron James übrigens damals? Was soll denn der Hass, Rodney?

Patriots-Coach Belichick fällt mittlerweile in dieselbe Kategorie, droht ihm doch seine Reputation mehr und mehr wegzuschwimmen. Schließlich haben die Patrios seit den drei Erfolgen 2001, 2003 und 2004 keinen Super Bowl-Titel und seit 2007 keinen AFC-Titel mehr gewinnen können. Unkündbar bleibt er für Besitzer Robert Kraft sicher weiterhin, doch die Auszeichnung als Genie wurde ihm sicher erstmal von den Schulterklappen genommen.

Also versucht er mit zwei Spielern, die als schwierig gelten, seinen Ruf als Genie wiederherzustellen. Das Risko ist sogar sehr gering: Wenn Ochocinco und Haynesworth einschlagen, hat er alles richtig gemacht. Wenn die beiden sich wirklich als Gift für das Team erweisen, haben die Pats mit Tom Brady und anderen Führungsspielern genug Autoritäten, um die Stimmung in der Kabine wieder gerade zu rücken.

Doo-Rags stehen auch Bronze-Büsten

Von Coaches, die ihre vergangenen Lorbeeren zurückholen wollen, zu Leuten, die sich bereits auf ihren Lorbeeren ausruhen: Deion Sanders, Shannon Sharpe, Marshall Faulk, Richard Dent, Chris Hanburger, Les Richter und NFL-Films Gründer Ed Sabol zogen am letzten Wochenende mit viel Brimborium in die Hall of Fame ein.

Natürlich dominierten die beiden Lautsprecher Deion Sanders und Shannon Sharpe die Zeremonie. Während Sharpe in einer sehr bewegenden Rede die Hall-of-Fame-Bewerbung für seinen älteren Bruder Sterling abgab und seiner Großmutter mit einer Film-Hommage dankte, verbesserte Neon Deion das Aussehen seines Bronze-Abbilds für die Hall of Fame: Er stattete die Büste mit einem Kopftuch, einem sogenannten Doo-Rag, aus, dass er in Spielen immer getragen hatte.

Und damit ein kleiner Internet-Video-Tipp: Einfach mal die beiden Reden von Sanders und Sharpe auf der offiziellen NFL-Seite angucken, es lohnt sich. Beide sind übrigens meiner Meinung nach ein Must-See, wenn sie als TV-Experten unterwegs sind. Nicht so sehr wegen ihrer fachlichen Expertise - sie bieten immer eine Show. Und dies sage ich nicht nur, weil Sharpe ein Ex-Bronco ist und ich mir mit Neon Deion den Geburtstag teile. Und damit gratuliere ich allen neuen Hall of Famern und Deion zum gestrigen Geburtstag.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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