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NFL: NFL-Kolumne - Prämien für Verletzungen des Gegners

Eine der bekanntesten US-Serien für Hobby-Kopfgeldjäger dürfte Americas Most Wanted sein, wo die meistgesuchten Verbrecher des Landes ihren unrühmlichen Auftritt haben. In der NFL, genauer bei den Saints, wurden dagegen Verteidiger gesucht, die für ein teilweise nicht unerhebliches Entgelt den Gegner vom Platz beförderten.

Wenn man das Wort Kopfgeldjäger hört, denkt man unweigerlich an Colt Seavers, der mit Zigarre in der Badewanne sitzt, Boba Fett, der seine Beute eingefroren befördert oder Dog aus der Reality Show, der den Übeltätern gerne ins Gewissen redet. An teilweise 150 Kilogramm schwere Footballspieler denkt man zunächst jedoch nicht.

Doch genau jene, nämlich die Verteidiger der Saints, sollen in den letzten drei Jahren von Defensive Coordinator Gregg Williams auf eine Art Kopfgeldjagd geschickt worden sein. Wie eine NFL-Ermittlung herausfand, waren bis zu 27 Spieler an diesem "Programm" beteiligt, das Belohnungen für die Verletzungen von Gegenspielern vorsah.

Börse von 50.000 Dollar

Ein Gegner, der nach einem Hit nicht mehr auf die Beine kam, war demnach 1500 Dollar wert, ein Gegner, der mithilfe des vom Golf bekannten Elektromobils vom Feld transportiert werden musste, deren 1000. In den Playoffs wurden diese Prämien entsprechend erhöht. Und es gab Spezialprämien für bestimmte Gegenspieler, so sollten die Saints-Verteidiger gezielt Jagd auf Kurt Warner und Brett Favre machen. 50.000 Dollar hielt Williams dafür in seinem Pool bereit, er – der nun bei den St. Louis Rams in Lohn und Brot steht – hat bereits gestanden und das Ganze als einen "fürchterlichen Fehler" bezeichnet. Die NFL untersucht noch und prüft mögliche Strafen.

Zudem haben sich mehrere Spieler der Washington Redskins gemeldet, dass Williams in seiner Zeit in der US-Hauptstadt ein ähnliches System von Belohnungen unterhielt. Bis zu 8000 Dollar seien laut Washington Post in die Taschen besonders aggressiver Spieler geflossen. Nun mag so mancher sagen, dass solche Summen für Profi-Sportler nicht der größte Ansporn sein dürften. Doch Obacht, wir reden hier nicht nur von Millionären, für den einen oder anderen könnte ein solcher Bonus schon Anreiz genug sein. Zumal bei den Playoffzahlungen von Summen in fünfstelliger Höhe gemunkelt wird.

Nicht nur Williams droht Ungemach, sondern auch seinem ehemaligen Boss, Saints-Headcoach Sean Payton, der von dem Pool gewusst haben soll, und natürlich auch New Orleans. Schon spricht man von einer Strafe, die alles bisher Dagewesene überschatten wird. Die Bestrafung für die New England Patriots für das illegale Filmen von gegnerischen Handsignalen waren der Entzug des ersten Draftpicks und die Zahlung von 250.000 Dollar. Außerdem musste Coach Bill Belichick eine halbe Millionen hinlegen.

Die NFL muss durchgreifen

Um es gleich Mal zu sagen – die Existenz einer solchen Kopfgeld-Liste sollte nicht wirklich überraschen. Es wäre schließlich bei weitem nicht das erste Mal, das moralische Grenzen überschritten werden, um sich im Sport einen Vorteil zu verschaffen. Der Aufschrei, der nun durch die Medien geht, ist dabei vielleicht etwas zu schrill. Aber: Williams und die Saints sind die ersten, bei denen es aufgedeckt wurde und werden sich nun warm anziehen müssen. Und man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei um einen klaren Regelverstoß handelt. Solche Bonuszahlungen sind streng verboten.

Die NFL ist somit in der Pflicht auf das Strengste gegen diese Affäre vorzugehen, schließlich hat sich die Liga auf die Fahnen geschrieben, die Spieler gegen Verletzungen besonders schützen zu wollen. Commissioner Roger Goodell geht seit Jahren rigoros gegen illegale Hits vor und wird nicht anders können, als an den Saints und Williams ein Exempel zu statuieren.

Zum Super Bowl durchgeboxt?

Strafe muss und wird also sein – mit Recht. Was allerdings völlig überzogen ist, ist das Gerede um die Fragwürdigkeit des Super Bowl Sieges 2009, der in die Kopfgeld-Ära hineinfällt. Schließlich kegelten die Saints-Verteidiger nicht reihenweise die Gegner raus und spielten sich gegen Rumpfmannschaften zu den Siegen.

Dazu kommt, dass die Herren auf dem Spielfeld auch ohne Kopfgeld nicht selten die Gesundheit der Gegner aufs Korn nehmen. Nicht, um ihn ernsthaft, zu verletzen, nein. Doch wie unter anderem ESPN-Radiomoderator Mike Golic, ehemaliger Verteidiger in der NFL, zugab, ist es Gang und Gäbe in der Liga auf die Schwachstellen gegnerischer Spieler loszugehen. Man wisse doch vor einem Spiel, wenn der Gegenüber zum Beispiel am Knie verletzt sei. Dann bearbeite man dieses, um den betreffenden Spieler durch Schmerzen zu behindern.

Mannings Nacken

Wofür ich dieser Geschichte dankbar bin, ist, dass sie sogar unfreiwillig einen Bogen zu der von allen vermuteten Offseason-Geschichte schlägt, deren Hauptrolle Peyton Manning spielt. Einmal abgesehen davon, dass New Orleans den Titel 2009 gegen die Indianapolis Colts gewannen, sein Ex-Coach Tony Dungy hat gegenüber Peter King von Sports Illustrated erklärt, dass Manning Probleme mit seinem Nacken von einer Spielsituation im Jahre 2006 herrühren könnten, als die Colts gegen die Redskins spielte.

Was dies mit der Kopfgeld-Affäre zu tun hat? Die aufmerksamen Leser werden es sich bereits denken können: Der Defensive Coordinator der Redskins hieß Williams. Sind also dessen Kopfgelder Schuld an einem möglichen Karriereende eines der größten Quarterbacks aller Zeiten?

Wenn man möchte, kann man sicher noch zig andere Spielszenen finden, in denen Teams unter Williams Fittichen – er war außer den bereits genannten Teams bei den Houston Oilers, Tennessee Titans, Buffalo Bills und Jacksonville Jaguars tätig – gegnerische Spieler verletzten. Ob mit Absicht oder nicht, bleibt heute schwer zu sagen. Ein Fakt ist allerdings, dass zu der Zeit in der sie passierten, viele dieser Spielzüge von den Referees nicht geahndet wurden.

Das bedeutet, der Regelverstoß wurde nur in der Kabine mit der Auslobung des Kopfgeldes, aber nicht auf dem Feld begangen. Jetzt in alten Spielaufzeichnungen nach expliziten Beweisen zu suchen und tollkühne Behauptungen aufzustellen, halte ich doch für fragwürdig.

Was ist denn nun mit Manning?

Gerne würde ich obige Frage beantworten – ich kann es nur ebensowenig wie alle anderen. Nur eines ist derzeit sicher: Sein Bonus ist morgen fällig. Dann wissen wir zumindest, ob er die Colts verlässt.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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