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Risiko Hochleistungssport: Der Tod trainiert mit

Der Tod des Leichtathleten René Herms wirft Fragen auf: Wie kann ein scheinbar gesunder Spitzensportler so plötzlich sterben? Tatsache ist, dass viele Athleten fahrlässig mit ihrer Gesundheit umgehen. Der Leistungsdruck ist hoch und viele verdrängen die Risiken, erklären Sportmediziner gegenüber stern.de.

Von Tim Schulze

Der Schock über den plötzlichen Tod des deutschen 800-Meter-Läufers René Herms ist noch nicht überwunden. Die Schwiegermutter hatte den erst 26-jährigen Athleten am vergangenen Samstag tot in seiner Wohnung in Lohmen bei Pirna gefunden. Am Freitag hatte er sich noch von seiner Trainingskollegin Claudia Marx verabschiedet. Anzeichen für eine Tragödie gab es nicht. Trainer, Kollegen und Angehörige traf der Tod des sechsmaligen Deutschen Meisters wie aus heiterem Himmel.

Die Polizei schloss schnell eine Straftat oder einen Suizid aus. Gegen den Willen der Witwe Steffi Herms ordnete die Staatsanwaltschaft in Dresden daraufhin eine Obduktion der Leichnams an. Noch dauern die aufwendigen Blut-Untersuchungen an, Gewissheit über die genaue Todesursache wird erst in einigen Tagen herrschen.

Aber der Fall wirft schon jetzt Fragen auf. Wie kann ein scheinbar kerngesunder Athlet, der unter permanenter medizinischer Kontrolle steht, so plötzlich sterben? Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Immer wieder erleiden Hochleistungssportler einen plötzlichen Tod oder kollabieren wie zuletzt der Kölner Fußball-Profi Ümit Özat. Die Folgen einer Herzmuskelentzündung ließen den Türken während eines Bundesligaspiels zusammenbrechen. Ümit überlebte, wird aber erst in Monaten – wenn überhaupt - wieder spielen können.

Herzmuskelentzündungen, die durch verschleppte Infekte ausgelöst werden, stellen ein großes Risiko dar. Sie können bei Routineuntersuchungen nicht festgestellt werden. "Da muss der Sportler selbst kommen oder der Befund wird zufällig gestellt. Wir sensibilisieren die Leistungssportler darauf, Infekte ernst zu nehmen. Aber es gibt keine Garantie", sagt der Sportmediziner Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule in Köln im Gespräch mit stern.de.

Spitzensportler nehmen Risiken in Kauf

Beim Fußballspieler Marc-Vivien Foe lag der Fall anders. Der Kameruner Nationalspieler war 2003 ebenfalls während eines Spiels zusammengebrochen und konnte nicht mehr gerettet werden. Die Ärzte hatten eine Missbildung des Herzens übersehen. Foe hätte gar nicht spielen dürfen. Sein Herz hielt der Belastung nicht stand.

Hochleistungsathleten nehmen häufig hohe Risiken in Kauf - und das hat Gründe. "Sportler ignorieren oft körperliche Warnsignale, weil die Leistungsmaximierung im Vordergrund steht" sagt Predels Kölner Kollege Ingo Froboese. Es sei nicht nur übermäßiger Ehrgeiz, oft hingen existenzielle Fragen am Erfolg des Spitzenathleten. Neben dem Druck von Medien, Sponsoren und Verbänden müssen Ergebnisse geliefert werden, sonst fliegen sie aus der Sporthilfe. Nicht jeder kann sich vollständig über Sponsoren finanzieren, gerade wenn man in der zweiten Reihe steht. Ein paar Zehntelsekunden zu langsam, eine verpasste Qualifikation für eine Europa- oder Weltmeisterschaft und schon geht es "existentiell an die Knochen", sagt Froboese. Der Athlet steht gewaltig unter Druck.

Herms Tod macht stutzig

Auch Herms wurde regelmäßig sportmedizinisch untersucht. Herzmuskelentzündungen führen bei Hochleistungssportlern in der Regel zu einem Belastungstod. Der Sportler bricht zusammen, wenn sein Körper auf Hochtouren läuft. Das war bei Herms nicht der Fall, der allein vor dem Computer sitzend einen Ruhetod starb. "Das macht mich ein bisschen stutzig" meint Froboese dazu.

Der Kölner Sportmediziner weist auf einen weiteren Missstand in der Welt des Hochleistungssports hin: Die Bereitschaft, mit selbst zusammengestellten Medikamenten-Coktails den Körper noch leistungsfähiger zu machen, sei weit verbreitet. Immer noch. Das funktioniere auch mit erlaubten Substanzen. Hinzu kommt: Athleten seien ihren Trainern oft hörig und würden kritiklos "Selbstgebrautes" schlucken. Und so ein Medikamenten-Mix kann tödlich sein. Die Risiken sind nicht absehbar. Die Siebenkämpferin Birgit Dressel starb 1987 mit 26 Jahren an einem toxisch-allergischen Schock - ausgelöst durch eine Vielzahl von Medikamenten, mit denen sie sich über einen langen Zeitraum vollgepumpt hatte.

Herms wollte zurück auf das Siegerpodest

René Herms wollte noch einmal angreifen. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking hatte er verpasst. Sein Ziel waren die Weltmeisterschaften in diesem Jahr in Berlin. Seine sportlichen Ziele definierte er so: Alles aus sich herausholen und seine Träume ohne Doping verwirklichen - "auch wenn ich dadurch nicht immer ganz oben auf dem Siegerpodest stehen kann." Die Frage bleibt, ob er sich daran gehalten hat.

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