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Robby Naish in Hamburg: Die Surflegende wandert auf dem Wasser

Was machen Sportler, wenn sie in allen Sportarten auf dem Wasser alles gewonnen haben, was es zu gewinnen gibt? Sie erfinden das "Stand up Paddling" und verbringen damit den Lebensabend.

Über 10 endlos lange Kilometer spürte Sonni Hönscheid den Atem der Australierin Angela Jackson im Nacken. Keine Briefmarke passte zwischen die Bretter der Konkurrentinnen. Eine nervlich unglaublich anstrengende Situation für die 31jährige Sylterin, zumal die Australierin den weniger anstrengenden Platz einnahm. Sie fuhr in Sonnis Windschatten. Doch Sonni behielt die Nerven und setzte sich im Endfinish mit drei Sekunden Vorsprung an die zweite Stelle des Long Distance Rennen in der Hamburger Hafencity. Erste wurde die Neuseeländerin Annabel Anderson, die zurzeit in einer anderen Liga fährt.

Stand up paddle, kurz SUP heißt die Sportart, die sich als der aktuelle Trendsport in Europa etabliert und die als Speed Wettbewerb vom 16.8. bis zum 18.8. bei Sonnenschein, Sommertemperaturen und einigen obligatorischen Regenschauern in der Hamburger Hafencity stattfand. In dem einzigen Tourstop der "Stand up World Series" in Deutschland stach die Weltelite ihre Paddel ins bräunliche Hafenwasser und kämpfte um Weltcuppunkte. Immerhin war der Event Sportsenator Michael Neumann ein Besuch wert.

Wie schon das Surfen, Windsurfen und Kiten, kommt auch das jüngste Pferd aus dem Stall der Surf Ikone und des zig fachen Weltmeisters Robby Naish. "Es war die alte Garde der Wassermänner", sagte Robby im Gespräch mit stern.de. "Surfer wie Dave Kalama, Laird Hamilton, Archie Kalipa und ich waren es, die vor ein paar Jahren die ersten Stand Up Paddle Boards in die Wellen legten. Wir wollten nach dem Surfen, Windsurfen und Kiten etwas Neues, etwas Ruhigeres. So ließen wir die Bretter konstruieren und fuhren los."

Robby Naish war aus dem sonnigen Hawaii nach Hamburg in die Hafencity gekommen. Robby, der selbst nicht mehr aktiv ist, hatte ein Team am Start. Sein Ziehsohn, der Hawaiijaner Kay Lenny, startete im Sprint und in der Long Distance und kam in beiden Disziplinen souverän als Erster ins Ziel.

In blauen Boardshorts und mit Schirmmütze stand der Wassermann am Kai und schaute den Rennen zu, paddelte auf einem seiner Bretter im Hafenbecken herum oder sprach mit seinen Teamfahrern. Immer wieder kamen Leute vorbei, immer wieder schrieb Robby mit schier unendlicher Geduld seinen Namen auf alles, was ihm unter die Nase gehalten wurde. Mützen, Flyer, T-Shirts, Boards und Paddel. Viele Besucher, für die Robby Naish immer noch die Surf, Windsurf und Kitesurflegende schlechthin ist, ließen sich mit ihm fotografieren.

Warum boomt das Stehpaddeln gerade jetzt, was macht diesen Sport zu der neuen Trendsportart? "Du musst nicht jahrelang üben, bevor du Spaß an diesem Sport hast. Man braucht ein bisschen Gleichgewicht und erlebt sofort, was diesen Sport auszeichnet."

Was genau ist das? Ein Blick auf den Wettbewerb mitten im Hafenbecken führt zu einer sehr überzeugenden Antwort. "Man kann überall paddeln, wo es Wasser gibt", führt Robby aus. "Und zwar unabhängig von Wind oder Wellen. Und warum das Paddeln so etwas Besonderes ist, das merkst du erst, wenn du auf dem Brett stehst: Es ist die meditativste Sportart, die ich kenne. Auch wenn man es nicht glaubt, aber das Stehen auf dem Brett gibt dir ein vollkommen anderes Gefühl, als würdest du in einem Kanu sitzen. Du gleitest durch die Landschaft und entspannst dich. Und nebenbei trainierst du auch noch deine Muskeln ohne es zu merken." Die Menschen würde heutzutage mehr auf ihren Körper achten, meint Naish. Es gebe ein neues Körperbewusstsein. Jeder wisse, dass Sport zu einer gesunden Lebensführung gehört. Und da passe das Paddeln ins Bild.

Im Wettkampf gibt es keine Entspannung

Die Starter im Hamburger Hafen hatten mit dem meditativen Teil dieser jungen Sportart nichts zu tun. Sie kämpften um Weltcuppunkte. Entspannt ist was anderes. Sonni Hönscheids Wangenknochen traten scharf hervor, als sie sich knapp vor der Australierin um die Wendemarke kämpfte. Alles in ihr arbeitete auf Hochtouren. Den Gewichtsverlust nach diesem Rennen wünschen viele sich nach einer Woche Diät.

Sonni, die für SIC startet, pendelt zwischen Sylt, Fuerteventura und Hawaii und ist 12 fache deutsche Meisterin im Wellenreiten. Auf Sylt hat sie an diesem Wochenende eine Ausstellung mit farbenfrohen psychedelisch -maritimen Motiven eröffnet. Der Start im Sprint musste dafür weichen. Es gibt also auch ein Leben jenseits des Brettes. Warum tut sie sich diese Schinderei an? "Ich bin ehrgeizig. Und beim Stand up Paddling zählt, an welcher Stelle ich ins Ziel komme. Beim Surfen war ich abhängig von den Wellen und dem Wohlwollen der Preisrichter. Hier gibt es klare Richtlinien. Das kommt mir entgegen."

Vor vier Jahren wechselte die blonde Amazone Bretter und Wohnort. Auch das Training musste sie umstellen. Tägliches Laufen und Radfahren stehen auf dem Programm. Als sie im Frühjahr für das härteste SUP Rennen der Welt, dem Molokai2oahu über 50 Kilometer gestartet ist, rannte sie auf Hawaii die Sanddünen rauf und runter. Aber niemand kann permanent auf Hochtouren laufen. Auch die erfolgsverwöhnte Sonni schätzt den meditativen Touch des Paddelns. "Das Schöne ist ja, es gibt für alle Bedürfnisse das richtige Brett. Wenn ich nicht für die Rennen trainiere, dann lasse ich mich von meinem Cruising Board auf Fuerteventura durch die Wellen schaukeln und genieße es unendlich!"

Robby Naish Surfs Pavones

Marina Kramper

Wissenscommunity