Tagebuch vom 26.06. Vorbei an Gottesacker und Schlachtfeld

Die 'Uca' hat Point Alpha überquert und ein bisschen Sonne abgekriegt. Es gab Spaghetti, trockene Kleidung - und den Blick auf das Fischparadies Neufundlandbänke.

Donnerstag, 26. Juni 2003

Zwei Uhr 25 zeigt die Borduhr - mit der Nachtruhe ist es vorbei. Seit einer guten halben Stunde erschüttern wieder abwechselnd das Fräsgeräusche gefierter Schoten und das Schlagbohrgeräusch der Grinder den Rumpf der 'Uca', der in dieser Nacht - Pech gehabt mit der Koje - zwanzig Zentimeter über meinem Kopf verläuft. Bis dahin rauschte das Boot mit gutem Wind von achtern durch die Nacht und bedurfte kaum einer Segelkorrektur. Jetzt hat der Wind gedreht, und es wird wieder getrimmt. Die Crew schont sich nicht. Arbeitet Tag und Nacht mit höchster Motivation. Akzeptiert auch den vierten Segelwechsel binnen einer Stunde klaglos als sportliche Herausforderung, obwohl es eine echte Schinderei ist, die zentnerschweren Säcke an Deck zu schleppen und wieder unter Deck zu stauen. Und nimmt deswegen mit gelassener Genugtuung zur Kenntnis, das ihr Boot sich inzwischen auf einen der vorderen Plätze im Regattafeld vorgearbeitet hat

Jenseits von Point Alpha

14 Stunden genau ist es her, dass wir den Point Alpha, den südlichsten Gefahrenpunkt treibender Eisberge, unseren Ansteuerpunkt im Atlantik passiert haben. Danach ging das Schiff auf Nordwestkurs und fuhr zeitweilig mit Spinnaker und Stagsegel unter 965 Quadratmeter durch die erstaunlich gleichmütige und unbewegte See. Der Regen hörte auf, manchmal kam die Sonne durch, und es gab Gelegenheit, zur Feier des Wendepunktes echte Spagetti mit Pesto zu essen sowie Sachen zu trocknen und das Schiff zu lüften - dringend notwendig, aber letztlich doch erfolglos. Nicht das Boot müffelt, seine Insassen stinken. Vier Stunden später, so hatte es unser Navigator Juan Vila vorhergesagt, würde es mit den karibischen Gefühlen ein Ende haben. So war es. Gegen 16 Uhr verließen wir den Golfstrom und fuhren in eine Nebelwand, die wie mit dem Lineal gezogen über dem Ozean stand. Wasser- und Lufttemperatur fielen in Minuten von 23 auf 14 Grad. Aber der achterliche Wind mit 19, 20 Knoten blieb uns erhalten, und es war eine geisterhafte stille Rauschefahrt durch die wabernde weiße sichtlose stille Wasserwelt in die langsam einsickernde Schwärze der Nacht.

Glück und Leid an den Neufundlandbänken

Irgendwann müssen wir wieder in einen nördlichen Wirbel des Golfstroms geraten sein. Das Wasser wurde wieder warm, der Nebel wich. Dieser Wechsel von warmem Wasser aus dem Golf- und kaltem aus dem Labradorstrom hat einen der fruchtbarsten Äcker der Weltmeere geschaffen: die Neufundlandbänke, auf die wir jetzt zufahren. Ihre Entstehung verdanken sie den Eisbergen, die hier, wenn sie in den Golfstrom gerieten, abzuschmelzen begannen und die Last aus Steinen und Geröll, die sie mit sich führten, auf den Meeresboden sinken ließen. Der hob sich im Laufe der Jahrtausende immer weiter und wurde zum Laichplatz und Lebensraum gigantischer Fischschwärme. Die einen schützte das kalte Wasser, die anderen das warme, wieder andere die Süßwasseranteile durch schmelzendes Eis und alle das riesige Nahrungsangebot, das sie sich wechselseitig machten. "Dort auf den Bänken des Meeres liegt das Gold, das ergiebiger ist als alle Minen zu Guayana", rühmte schon der Kapitän der legendären 'Mayflower' John Smith, einer der ersten Kenner dieser Meeresregion. Die ‚Grand Banks‘ wurden zur Legende und zum Magneten für Fischer - auch aus Europa. Schon 1850 wurden hier um die fünf Millionen Stück Kabeljau aus dem Meer gezogen; viele davon von Dory-Fischern, die in kleinen Booten von einem Mutterschiff aus unterwegs waren. Aber die reichen Fischgründe waren mit ihren schnell wechselnden Winden, plötzlich hereinbrechenden Stürmen und unberechenbaren Nebeln auch eine der gefährlichsten Meeresregionen. In einer einzigen Nacht mit plötzlichem Nebel, auffrischendem Wind und dann einsetzendem Schnee sind 200 portugiesische Dory-Männer ums Leben gekommen. "O mar sagado quantodo teu salsao lagrimas de Portugal", fragt ein Fado: Unerbittlich Meer, wie viel von deinem Salz stammt aus den Tränen Portugals?

Es ist langsam hell geworden, während ich dies geschrieben habe. Mit 16 Knoten fährt die 'Uca' durch ein in der Morgendämmerung freundlich grau glitzernder Meer; ein Meer, das ein Gottesgarten ist, ein Schlachtfeld, ein Friedhof. In den nächsten Tagen, hat Juan vorhergesagt, würde es kälter werden.

Peter Sandmeyer

Mehr zum Thema



Newsticker