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TENNIS: DTB beurlaubt Daviscup-Kapitän Stich

Nach dem Rauswurf von Stich steht der DTB vor einem Scherbenhaufen. Für die Spiele in Venezuela übernimmt Patrik Kühnen als Interims-Teamchef das Ruder.

Das deutsche Daviscup-Team steht 11 Tage vor dem Abstiegsspiel gegen Venezuela vor einem Scherbenhaufen. Der Deutsche Tennis Bund (DTB) entließ am Montag Teamkapitän Michael Stich nach dessen angekündigtem Rückzug sowie Kritik an Mannschaft und Verband mit sofortiger Wirkung. »Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Daviscup-Kapitän und den Spielern ist offensichtlich nicht mehr gegeben«, begründete DTB-Präsident Georg von Waldenfels diesen völlig überraschenden Schritt, der einem Rauswurf gleich kommt. Stichs früherer Daviscup-Mitstreiter Patrik Kühnen wird bei der Partie vom 20. bis 22. September in Karlsruhe kommissarisch das Amt das Daviscup-Kapitäns übernehmen.

Aus nach elf Monaten

Damit scheiterte nach knapp elfmonatiger Amtszeit in Stich bereits der dritte Daviscup-Sieger nach Boris Becker und Carl-Uwe Steeb als Teamchef. Der 33-Jährige war mit seinem geplanten Coup, Altstar Becker für das Venezuela-Spiel zu reaktivieren, auf Kritik der Verbandsspitze und der Spieler gestoßen. »So lange es diese Mannschaft nicht schafft, sich als Mannschaft zu finden, werden die noch endlos viele Daviscup-Kapitäne verschleißen. Es sind alles tolle Persönlichkeiten, aber als Mannschaft funktionieren sie nicht«, sagte Stich.

Haas und Schüttler mauerten

Thomas Haas und Rainer Schüttler hatten für den Fall eines Becker-Comebacks angekündigt, »eventuell« nicht spielen zu wollen. In einer vorab verbreiteten Erklärung schrieb Stich dazu: »Diese Aussage stellt sich für mich als eine eindeutige Beschneidung meiner Kompetenz als DTB-Teamchef dar und ist daher für mich in keiner Weise akzeptabel.«

Nominierung für Venezuela steht

Als letzte Amtshandlung nominierte Stich neben Haas (Hamburg) und Schüttler (Bad Homburg) noch Nicolas Kiefer (Holzminden) und David Prinosil (Amberg) für die Begegnung gegen Venezuela. »Das sind die Spieler, von denen ich eine Zusage habe«, erklärte Stich, der nach der Nominierung nachlegte: »Diese Mannschaft, die jetzt spielt, ist den Beweis schuldig geblieben, dass sie es kann. Sie sind nie über die 2. Runde hinaus gekommen. Das sind alles Lippenbekenntnisse, wenn ich höre, wir wollen den Daviscup gewinnen.«

Spieler bedauerten Entlassung

Die kritisierten Spieler bedauerten die Entlassung Stichs. »Dieser Schritt überrascht mich sehr, aber ich will mich davon nicht ablenken lassen«, sagte Haas am Montag in Taschkent, wo er in dieser Woche am ATP-Turnier teilnimmt. Schüttler erklärte: »Ich halte das für das falsche Signal. Hoffentlich kehrt bald Ruhe im Team ein. Sonst bin ich bald 30 und habe im Daviscup immer noch nichts erreicht.«

Gestörtes Verhältnis zueinander

Das Verhältnis zwischen Kapitän, Verband und Spielern war bereits vor den Aussagen vom Montag gestört. Der Wimbledonsieger von 1991 betonte, er habe am Rande der US Open mehrfach versucht, mit den Spielern über einen Einsatz von Becker ins Gespräch zu kommen, weder von Haas noch von Schüttler aber eine Antwort erhalten. Er habe leider erfahren, dass er weder von den Spielern noch vom DTB ein großes Maß an Unterstützung erhalten habe, beklagte Stich. »Es ist oft bei Lippenbekenntnissen geblieben, denen keine Taten folgten. Ich habe bis zum heutigen Tag vom DTB kein ernsthaftes Feedback auf mein Konzept erhalten, das ich im Mai vorgestellt habe.«

DTB bestreitet Vorwürfe

DTB-Präsident Georg von Waldenfels wies dies zurück. Der Verband habe den Olympiasieger von 1992 im Doppel mehrfach eingeladen, um über seine Vorstellungen zu diskutieren. »Stich hat alle Sitzungen abgesagt und ist nicht erschienen«, sagte Waldenfels am Montag und sprach von »vorgeschobenen Gründen« für den von Stich geplanten Rückzug Ende Oktober. So lange hätte sein Ein-Jahres-Vertrag gedauert, der auf Ehrenamtlichkeit beruhte.

Weltgrößter Tennisverband ind er Krise

Die Krise rund um das Daviscup-Team wirft ein weiteres Schlaglicht auf die Amtszeit des DTB-Präsidenten, der seit knapp drei Jahren an der Spitze des weltgrößten Tennis-Verbandes steht. Der ehemalige bayerische Finanzminister sieht sich von Anfang an konfrontiert mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten des DTB, die eng verbunden sind mit dem sportlichen Niedergang nach dem Abtritt seiner Weltstars Becker, Stich und Steffi Graf. Innerhalb des DTB wird von Waldenfels vorgeworfen, ein überforderter Manager dieser zum Teil hausgemachten Krise zu sein.

Marc Zeilhofer und Robert Semmler

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