Tennis-Skandal Das Warten auf die Beweise


Das internationale Tennis hat endgültig ein Wettskandal erfasst. Es häufen sich die Bekenntnisse von Profis, die auf verschobene Partien hinweisen. Noch fehlt es an Beweisen, doch die Indizien sind erdrückend.
Von Mathias Schneider

Der vergangene Sonntag verlief lange harmonisch, bis Patrik Kühnen aus heiterem Himmel ein Anruf erreichte, der unmittelbares Krisenmanagement erforderlich machte. In einigen Minuten werde in der ARD-Sportschau ein sich nicht zu erkennen gebender deutscher Tennisprofi über Wettbetrug im großen Stil auspacken, raunte ihm ein Bekannter zu. "Ich war überrascht wie alle", sagt Kühnen. Als Kapitän des Daviscupteams und Direktor des ATP-Turniers von München muss er dieser Tage zu den einflussreichsten Figuren im deutschen Tennis gezählt werden. Schon deshalb dürften ihn die folgenden Minuten besonders getroffen haben. Das deutsche Tennis war im Zentrum des Wettskandals angekommen.

Der Informant, noch immer nicht bekannt, will nach eigenen Worten nämlich von einem deutschen Kollegen zum Betrug angestiftet worden sein. Er habe freilich widerstanden. Der ausstrahlende WDR verweist auf eine Liste 140 verdächtiger Matches hin, die ihm selbst und auch dem Dachverband der Profis, der ATP, vorlägen. 154 Spieler und elf Spielerinnen seien im Fadenkreuz der Ermittler. "An mir ist das bisher vorbei gegangen", sagt Kühnen. Der Brisanz ist er sich bewusst: "Es geht um die Glaubwürdigkeit und Integrität des Tennissports." Die Furcht, dass sein ohnehin unter fehlendem Sponsoring leidender Sport weiter Schaden nimmt, schwingt bei jedem Wort mit.

"Ich habe ja keine Beweise"

Dabei scheint das Tennis bereits seit Jahren vom Geschwür Manipulation befallen, wenn auch noch immer der Nachweis eines konkreten Verstoßes ausbleibt. Dafür erscheint die Indizienkette bei einer Vielzahl von Partien in den vergangenen fünf Jahren erdrückend. So verlor der Russe Nikolaj Dawidenko im polnischen Sopot als turmhoher Favorit gegen den Argentinier Martin Vasallo. Die Nummer vier der Welt war mit einer Quote von 10:1 ins Match gestartet. Dawidenko gewann auch noch den ersten Satz, dennoch gingen plötzlich riesige Summen für einen Sieg des krassen Außenseiters ein, obgleich nichts auf einen Umschwung hindeutete. Am Ende waren allein beim Anbieter Betfair vier Millionen Pfund für die eigentlich wenig bedeutende Partie gesetzt worden. Dawidenko verlor prompt den zweiten Durchgang, um im dritten Satz wegen einer Verletzung nach drei Spielen zurückzuziehen. Der Wettanbieter hatte da bereits die Partie aus der Wertung genommen, zu groß war der Verdacht.

Der Belgier Gilles Elseneer erklärte, ihm seinen 100.000 Euro geboten worden, wenn er nur sein Erstrundenspiel in Wimbledon 2005 gegen Potito Starace verlöre. Er winkte entrüstet ab. Bereits zu Beginn der Jahrtausendwende geriet der ehemalige Weltranglistenerste Jewgeni Kafelnikow in der Branche in den Verdacht, nicht immer sein bestes Tennis zu spielen, wenn es nicht gerade um Grand-Slam-Titel ging. In München sei der Russe einst mit gepackten Koffern zur ersten Runde erschienen, erzählt ein Funktionär, der nicht genannt werden möchte. "Ich hatte und habe ja keine Beweise."

Im Jahr 2003 machte sich der Spanier Carlos Moya auf dem Stuttgarter Weissenhof gegen den Deutschen Tomas Behrend verdächtig. Der Favorit verlor nicht nur gegen Behrend in zwei Sätzen, kurz vor der Partie gingen vielmehr plötzlich höhere Summen auf seine Niederlage bei einem Anbieter ein. Dass für Moya als eines der Zugpferde eine erkleckliche Antrittsprämie gezahlt worden war, machte die Angelegenheit umso ärgerlicher.

Auch Physiotherapeuten und Sparringspartner sind der Versuchung ausgesetzt

Die Liste verdächtiger Matches ist lang. Der Engländer Andy Murray erklärte, ein jeder wisse um die fragwürdigen Vorgänge auf der Tour, vor allem weniger betuchte Akteure seien gefährdet. Hintermänner und Täter konnte auch er nicht nennen. "Und genau da bekomme ich einen Hals. Sie sollen endlich Namen nennen und hart bestrafen. So wird das Tennis nur runter gemacht und nichts ändert sich", sagt der deutsche Profi Rainer Schüttler, einst selbst absolute Weltklasse und nicht im Ruf, sich mit den dunklen Mächten des Sports einzulassen. Schüttler stand einst der Vertretung der Tennisprofis als Sprecher vor. Man habe schon damals über das Problem gesprochen. Er selbst sei nie angesprochen worden, glaube deshalb, dass nur ganz wenige Profis involviert seien. "Aber vielleicht bin ich auch zu naiv."

Dabei müssen die Profis gar nicht einmal unmittelbar in die schmutzigen Machenschaften eingebunden sein, um Gegenstand des Betruges zu werden. Vor allem die notorisch unterbezahlten Physiotherapeuten der ATP wie auch billige Sparringspartner sind der Versuchung ausgesetzt, aus ihrem Wissen durch eine Art Insiderhandel Kapital zu schlagen. "Wenn einer weiß, dass ein Spieler oder eine Spielerin nicht fit ist, könnte er damit viel Geld verdienen", sagt der Turnierdirektor des Porsche-Grand-Prix von Stuttgart, Markus Günthardt. Konkrete Fälle sind ihm bei den Frauen noch nicht untergekommen. "Aber wenn man weiß, wie viel Geld im Spiel ist, ist es natürlich ein Problem."

Dawidenko hat übrigens auch in Paris wieder früh verloren. Bereits im Achtelfinale unterlag er Marcos Baghdatis glatt mit 2:6, 2:6. Noch im Vorjahr hatte der scheue Grundlinienspieler das Turnier gewonnen. An einen Betrug glaubt diesmal dennoch niemand. Stattdessen sagt ein Profi: "Jeder hat doch schon vorher gesehen, dass der verletzt ist und hier nur spielt, um seinen Anteil am Bonustopf für die Mastersturniere durch eine Absage nicht zu gefährden."


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