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Tennis-Star Andrea Petkovic Clever und hart


Das deutsche Damen-Tennis hat einen neuen Star: Andrea Petkovic. Bei den French Open gehört sie zu den Geheimfavoriten auf den Titel - auch weil sie in Vielem an Steffi Graf erinnert.
Von Klaus Bellstedt

Da war er endlich wieder: der "Petko-Dance". Sehr zum Missfallen ihrer Fans hatte Andrea Petkovic zuletzt ja auf ihr cooles Siegritual-Tänzchen verzichtet. Aber jetzt nach dem Turniersieg in Straßburg musste die Freude raus - denn die war doppelt groß. Zum einen gelang es Petkovic, durch den Triumph von Straßburg eine perfekte Generalprobe für die French Open hinzulegen. Zum anderen machte sie schon wieder einen kleinen Satz in der Weltrangliste. Petkovic kletterte um drei Plätze auf Rang zwölf vor und erreichte damit rechtzeitig vor dem zweiten Grand-Salm-Turnier des Jahres in Paris die beste Platzierung ihrer Karriere. Man glaubt es kaum: Seit dem 13. August 1999 war keine deutsche Tennisspielerin so gut gelistet. Damals hatte Steffi Graf als Weltranglistendritte ihren Rücktritt vom Tennissport erklärt.

Andrea Petkovic hat zwar erst zwei Turniersiege in ihrer Laufbahn eingefahren, aber in der Szene ist der Hype um ihre Person jetzt schon enorm - weil sie das Potenzial für die großen Schlagzeilen hat: Die 23-Jährige ist Einser-Abiturientin, übersprang eine Klasse, spricht vier Sprachen fließend (Deutsch, Englisch, Französisch, Serbisch), modelt, studiert nebenbei Politik, macht Musik und Videoblogs, liest auch mal Goethe, twittert mit so viel Esprit, dass sie schon über 13.000 "Follower" hat und wünscht sich nach langen Turnierreisen nichts mehr, als ihre alten Freunde in Darmstadt wiederzusehen, die "alle von Tennis keine Ahnung haben und zum Glück auch nicht darüber sprechen wollen". Andrea Petkovic ist keine gewöhnliche Tennisspielerin, sie ist eine intelligente Athletin, eine mit dem gewissen Extra.

Dass sie ihre Schullaufbahn bis zum Schluss durchgezogen hat, ist ein besonderes Merkmal in ihrer Vita. Für Klaus Hofsäss, den langjährigen Trainer und Berater von Steffi Graf, ist das sogar ein Teil ihres Erfolgsrezepts: "Andrea hat Abitur, sie studiert nebenbei. Ihr geistiger Horizont ist viel größer, als zum Beispiel derer vieler amerikanischer Tennisspielerinnen, die beides einfach nicht unter einen Hut bekommen und oftmals dann die Schule schmeißen." Bei denen, so Hofsäss im Gespräch mit stern.de, würde die Karriere anfangs zwar oft hoffnungsvoll verlaufen, der schnelle Absturz sei dann aber programmiert - auch weil sie immer nur Tennis, Tennis, Tennis im Kopf hätten.

Zuviel Petko-Hype

Anders bei Petkovic, deren Intelligenz sich immer stärker auch in ihrem Spiel widerspiegelt. Wer sie auf dem Platz beobachtet, sieht eine extrem durchtrainierte, hart arbeitende und um jeden Punkt kämpfende Athletin, die ihr Trainer, Petar Popovic, deswegen "als den Rafael Nadal auf der Damentour“ bezeichnet. Aber in ihrem Spiel geht es nicht nur um Kraft und Willensstärke. "Sie baut Ballwechsel auf, bestimmt in den langen Rallyes das Tempo und variiert in ihren Schlägen. Das ist neu", sagt Klaus Hofsäss, der Petkovic in seiner spanischen Tennis-Akademie selber schon trainiert hat. "Andrea Petkovic hat Tennis verstanden."

Und die 23-Jährige hat mittlerweile auch verstanden, dass ihr zuviel Wirbel nicht gut tut. Nachdem der Hype um ihre Person beim Fed-Cup-Wochenende in Stuttgart Mitte April ihren Höhepunkt erreicht hatte und ihre Leistungen anschließend unter dem Trubel anfingen zu leiden, zog die Hessin die Notbremse. Petkovic gab keine Interviews mehr, schottete sich ab - und wurde für den Kurswechsel mit dem Sieg in Straßburg belohnt. Vor dem zweiten Saison-Highlight in Paris, das für Petkovic am Dienstag mit der Partie gegen die junge Serbin Bojana Jovanovski startet, hält die Melbourne-Viertelfinalistin an ihrer Maxime fest: keine Interviews. "Ich möchte mich vollkommen auf meine Vorbereitung konzentrieren", entgegnet Petkovic derzeit auf alle Anfragen.

Hofsäss zieht Vergleiche zur Gräfin

Es scheint so, als habe Andrea Petkovic genau zum richtigen Zeitpunkt ihr inneres Gleichgewicht auf dem Platz gefunden. Das findet auch Barbara Rittner, eine ihrer besten Freundinnen und Kapitänin des deutschen Fed-Cup-Teams: "Sie ist viel taffer geworden, lässt sich vom Druck nicht mehr so leicht unterkriegen und strahlt in den entscheidenden Momenten innere Ruhe aus." Wo das dann hinführen kann? "Wenn sie so weiter macht, hat sie die Möglichkeit, auch mal ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen", ist sich der frühere Wimbledonsieger Michael Stich sicher. Vielleicht ja schon bei den French Open. Dort zählt übrigens noch eine andere Deutsche zum erweiterten Favoritenkreis: Julia Görges. Die 22-Jährige hat sich in den letzten Monaten im Fahrwasser von Petkovic auch schon auf Rang 18 der Weltranglisten vorgearbeitet - und sorgte zuletzt mit zwei Siegen über die Nummer 1 der Welt, Caroline Wozniacki, für Furore. Mit Sabine Lisicki und Kristina Barrois hat der Deutsche Tennis-Bund weitere hoch veranlagte junge Damen in der Hinterhand.

Als letzte Deutsche konnte bei den French Open übrigens, klar, Steffi Graf triumphieren. Und jetzt also Andrea Petkovic? Graf-Intimus Klaus Hofsäss scheut den Vergleich mit der deutschen Weltsportlerin nicht: "Man kann die beiden schon nebeneinander stellen. Petkovic ist eine intelligente und mittlerweile auch außergewöhnlich fitte Tennisspielerin, die hart und akribisch im Training arbeitet. Das alles erinnert mich an Steffi Graf." Jetzt muss sie nur noch liefern. Den "Petko-Dance" wird in Deutschland dann vielleicht bald jeder kennen.

Mit DPA


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