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Tennis: Wer profitiert von Nadals Aus?

Sein Finaleinzug war eingeplant, jetzt ist er ausgeschieden: Rafael Nadal hat überraschend in der zweiten Runde von Wimbledon verloren. Nun ist das Feld offen und viele lauern auf einen Überraschungscoup - auch ein Deutscher.

Es war ein Satz, den man nicht erwarten konnte, der im Wortschatz dieser Person nicht zu existieren schien. Doch nach seinem Sensations-Aus in der zweiten Runde von Wimbledon sah Rafael Nadal offenbar keine andere Möglichkeit als einzugestehen, dass er im fünften Satz "keine Chance“ auf den Sieg gehabt hatte. Nadal, die Nummer zwei der Welt, sagte dies nach einer Pleite gegen Lukas Rosol, die Nummer 100 der Welt.

Der Sieg des 26 Jahre alten Außenseiters, zuvor in Wimbledon noch nie im Hauptfeld, war ein Erdrutsch-Erfolg, eine der größten Überraschungen der vergangenen Tennisjahre. Denn in eben diesen war die Tatsache, dass Nadal, Roger Federer und Novak Djokovic bei einem Grand-Slam-Turnier mindestens in die zweite Runde kommen, so sicher, wie der Fakt, dass jeden Tag die Sonne aufgeht.

"Das war so, als ob ein tschechisches Zweitliga-Team bei Real Madrid gewonnen hätte, im Bernabeau-Stadion“, sagte Rosol: "Das ist wie ein Wunder für mich, ich habe unglaublich gespielt. Das war das beste Match meines Lebens“, so der Tscheche, der zuvor auf der ATP-Tour nur 19 Partien gewonnen hatte.

Rosol hat etwas geschafft, was nicht vorgesehen war. Er hat einen Spieler rausgeworfen, der bei seinen vergangenen fünf Auftritten in London immer das Finale erreichte, zweimal gar triumphierte.

Nadal verliert Platz zwei in der Weltrangliste

Auch in diesem Jahr hatte niemand daran gezweifelt, dass Nadal mindestens das Finale erreicht, zumal ihm die Auslosung ein Duell mit Federer oder Djokovic nicht vor dem Endspiel beschert hatte. Nun ist er raus – und muss die Konsequenzen tragen. Da der 26-Jährige die 1200 Weltranglistenpunkte aus dem Vorjahr nicht verteidigen kann, verliert er Platz zwei im Ranking an Federer.

Doch das Ausscheiden hat noch viel weiter reichende Folgen. Die untere Hälfte des Tableaus, insbesondere das vierte Viertel, ist nun komplett offen, es wird auf jeden Fall einen Überraschungs-Finalisten geben. Ein Spieler, der vor dem Turnier kaum dran geglaubt haben wird, darf nun um den Titel spielen.

Eine Chance, die eine Vielzahl von Profis zu Bestleistungen animieren dürfte. Insbesondere Andy Murray will den Briten endlich einen Wimbledon-Triumph eines Einheimischen schenken. Doch die Nummer vier des Turniers könnte im Viertelfinale auf den Spanier David Ferrer treffen. Und der warf ihn zuletzt bei den French Open eben in jener Runde aus.

Ein hoffnungsvoller Kandidat ist auch Vorjahres-Halbfinalist Jo-Wilfried Tsonga. Der spektakulär spielende Franzose wartet noch immer auf seinen ersten Grand-Slam-Titel, eine bessere Chance als jetzt wird sich so schnell nicht ergeben.

Kohlschreiber profitiert direkt vom Nadal-Aus

Doch auch ein Deutscher versucht den ganz großen Coup zu schaffen. Philipp Kohlschreiber, vor dem Turnier angeschlagen und in der ersten Runde gegen Tommy Haas kurz vor dem Aus, ist der größte Profiteur vom Aus Nadals. Eigentlich hätte er in der dritten Runde gegen den Spanier spielen sollen – nun konnte er den erschöpften Rosol problemlos aus dem Weg räumen. Und auch der Sprung ins Viertelfinale ist machbar, die nächste Aufgabe Brian Baker ist ebenfalls lösbar. Der US-Amerikaner stürmte in diesem Jahr zwar schon von Platz 456 auf Position 126, unter anderem durch den Finaleinzug in Nizza.

Doch der 27-Jährige musste sich schon durch die Qualifikation quälen, eine einfachere Aufgabe in einem Grand-Slam-Achtelfinale wird Kohlschreiber in seiner Karriere kaum mehr bekommen. "Die Chancen sind ausgeglichen, es wartet ja nicht Roger Federer. Das Viertelfinale wäre unmenschlich geil", sagte Kohlschreiber.

Dass es danach für den Deutschen noch weiter geht, ist nahezu auszuschließen. Den 28-Jährigen wird es nicht groß stören. Schon der Viertelfinaleinzug würde ihm 360 Weltranglistenpunkte und eine Verbesserung auf ungefähr Platz 20 bringen. Es wäre ein neuer Karriere-Bestwert.

Während in der unteren Tableau-Hälfte also ein wilder Kampf um den Finaleinzug tobt, ist die Situation im oberen Bereich wesentlich klarer. Es wäre eine ebenso große Sensation wie das Aus von Nadal, wenn Federer und Djokovic nicht in der Runde der besten vier aufeinander treffen – und damit das vorgezogene Finale ausspielen würden.

Mag Mayer doch Rasen?

Federer überstand die dritte Runde gegen den famos aufspielenden Franzosen Julien Benneteau zwar nur mit großer Mühe. Doch ihn und Djokovic wird die Aussicht auf einen vermeintlich einfachen Finalgegner zusätzlich motivieren.

Das verhindern will Florian Mayer, der in der oberen Tableau-Hälfte ebenfalls im Achtelfinale steht und damit zusammen mit Kohlschreiber für ein extrem positives Abschneiden der deutschen Tennisherren sorgte. Der 28-Jährige irritierte zuletzt mit seiner Absage der Olympischen Sommerspiele. Während andere Spieler wie Tommy Haas alles getan hätten, um in London starten zu dürfen, verzichtete Mayer, obwohl er qualifiziert war.

Eine unter rationalen Gesichtspunkten nicht zu verstehende Entscheidung, die Mayer damit begründete, dass er zu alt sei, um jede Woche zu spielen und ihm zudem Sand besser liegen würde als Rasen.

In Wimbledon zeigte er etwas anderes. In der dritten Runde räumte er die polnische Turnierüberraschung Jerzy Janowicz aus dem Weg – unter anderem mit mehreren Becker-Hechtsprüngen. Eine Rasenabneigung sieht anders aus.

Jetzt trifft Mayer auf Richard Gasquet, als Weltranglisten-19. genau zehn Plätze vor Mayer positioniert. Im vergangenen Jahr standen sich beide zweimal gegenüber, der Franzose siegte jeweils. Die Partien fanden auf Hartplatz und Sand statt. Auf Rasen haben beide noch nicht gegeneinander gespielt. Vielleicht findet Mayer ja doch noch seine Freude an diesem Belag.

sportal.de / sportal

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