HOME

Tour de France der Frauen: "Wovon sollten wir Doping bezahlen?"

Stell Dir vor, es ist Tour de France, und niemand schaut hin: Nach dem Ende der Frankreich-Rundfahrt der Frauen erklärt die einzige deutsche Fahrerin, Birgit Söllner vom Team Specialized, auf stern.de, warum Frauen nicht dopen und wie die sportlichen Perspektiven sind.

Frau Söllner, Sie sind als einzige Deutsche in diesem Jahr bei der Tour de France mitgefahren. Warum hat man in der Heimat davon nichts mitbekommen?

In Deutschland hat Radsport einen deutlich niedrigeren Stellenwert als in Frankreich oder Italien, da geht es den Männern ja auch nicht anders. Es gibt zigtausend Rennen und Rundfahrten, aber alles spricht immer nur von der Tour de France.

Wie kann man sich die Tour de France der Frauen überhaupt vorstellen?

Im Grunde wie die Rundfahrt der Männer, allerdings deutlich kürzer, dieses Jahr ging sie nur über sechs Etappen. Früher war die Frankreich-Rundfahrt das Rennen schlechthin für Frauen, sie ging über 16 Etappen und war sehr beliebt. Dann gab es Probleme mit dem Weltverband, zwei Jahre hat sie gar nicht stattgefunden. Nun wollen sie die Veranstalter wieder zu alter Größe zurückführen.

Ihr Team hat es auf den zweiten Platz geschafft. Sind Sie zufrieden?

Sogar mehr als das. Wir haben als Team alles erreicht, was wir wollten, was nur dank einer sehr starken Mannschaftsleistung möglich war. Emma Pooley, unsere beste Fahrerin, ist Dritte geworden, ich selbst bin auf dem achten Platz gelandet. Und unser Youngster Caterine Josefsson ist Zweitbeste in der Nachwuchswertung.

Wie war die Wahrnehmung in Frankreich selbst, waren viele Menschen an der Strecke?

Als wir am Ende durch die Pyrenäen gefahren sind, war die Stimmung überragend. Überall waren Partys am Streckenrand, Familien sind mit ihren Campingwagen angereist. Natürlich nicht ganz so viele, wie man es von den Männern kennt. Aber Frankreich ist eben eine Radsportnation.

Bei den Männern hat das den Vorteil, dass sie mit ihrem Sport sehr viel Geld verdienen können...

... Was bei uns nicht der Fall ist, leider. Wir verdienen nichts, wenn wir Rennen fahren, im Gegenteil, wir sind froh, wenn wir die Kosten decken können. Eine Woche lang mit zwei Autos durch Frankreich fahren, was das alleine an Benzin kostet... Hinzu kommen Startgelder, Hotels und die Verpflegung.

Wie hoch sind die Preisgelder im Frauenradsport?

Bei einem deutschen Rennen kommen wir im Schnitt auf etwa 10 Prozent dessen, was den Männern gezahlt wird. Bei der Tour de France ist es anders, da wird es vielleicht ein Prozent sein, aber ganz sicher bin ich mir nicht.

Womit lassen sich so eklatante Unterschiede erklären?

Wir haben kaum Medienpräsenz und damit auch weniger Sponsoren. Was dazu führt, dass wir alle nebenbei berufstätig sind. Ich arbeite als Sachbearbeiterin in einem Büro; wenn ich Rennen fahre oder professionell trainiere, muss ich dafür meinen Jahresurlaub nehmen. Ich trainiere jeden Tag neben der Arbeit, je nach Trainingsphase zwischen zwei und sieben Stunden. Es wäre ein Traum, wenn ich mich nur aufs Radfahren konzentrieren könnte.

Hilft Ihnen wenigstens der Verband, der Bund Deutscher Radfahrer (BDR)?

Als lizenzierter Radprofi muss ich zwar Mitglied im BDR sein, aber finanziell unterstützt werde ich nicht. Unser Bundestrainer und der Verband haben da eine etwas komische Ansicht. Sie fördern Rennfahrerinnen nur, wenn sie jung sind. Ab einem gewissen Alter ist man automatisch aus der Förderung raus - egal wie gut man ist.

Gibt es Gründe für diese Haltung beim BDR?

Das müssen Sie die Leute dort selbst fragen, ich weiß es auch nicht. Vielleicht gibt es einfach kein Interesse am Frauenradsport. Wenn etwas auf die Beine gestellt wird, kommt es immer aus den Teams heraus. Und wenn man den Verband wirklich braucht, dann wird man allein gelassen.

Wann hätten Sie ihn denn mal gebraucht?

Vor ein paar Jahren hatte ich bei einem Schweizer Team unterschrieben, das neu gegründet werden sollte. Es musste alles sehr schnell gehen, letztlich hatte ich keinen gegengezeichneten Vertrag in den Händen. Und plötzlich fiel dem Hauptsponsor ein, dass er sein Engagement zurückziehen wollte. Da war es bereits Mitte Dezember, alle Transfers waren gelaufen, ich stand ohne Team da. Da habe ich beim BDR angefragt, ob man mir vielleicht rechtlich beistehen oder bei der Suche nach einem neuen Team helfen könnte. Der Verband teilte mir mit, dass es ihm sehr Leid für mich täte, aber dass er nichts für mich tun könne.

Dann muss die Frage ja fast anders herum lauten: Was tun Sie für den Verband? Also was zahlen Sie denen so im Jahr?

Die BDR-Lizenzgebühr kostet mich 180 Euro. Um die zu bekommen, brauche ich zusätzliche Versicherungen, die meinen Profi-Status abdecken. Insgesamt komme ich da auf 500 Euro im Jahr. Für die Ausrüstung kommt ja zum Glück der Hauptsponsor Specialized auf.

Lässt Sie das nicht verbittern? Woher nehmen Sie da die Motivation, weiterzumachen?

Ich bin jetzt im 13. Jahr Radprofi, und wahrscheinlich ist es so, dass ich mich daran gewöhnt habe. Es ist einfach nie anders gewesen: Dem Verband sind die Frauen nicht wichtig. Es ist die Liebe zum Sport, die mich weiterfahren lässt. Es motiviert mich, wenn ich ein gutes Rennen fahre, wenn ich mit meinem Team Erfolg habe. Auch mein Freund unterstützt mich sehr.

Die hohen Gehälter im Männerradsport wurden über Jahre mit Ausnahmeleistungen der Athleten begründet; nun stellt sich heraus, dass vieles davon nur durch Doping möglich war. Schlägt sich das auch auf die Stimmung bei den Frauen nieder?

Natürlich. Dadurch, dass es ein so großes Thema bei den Männern ist, geht es plötzlich auch bei den Frauen nur noch darum.

Nervt Sie das?

Ja. Es gibt bei uns eine sehr nüchterne Antwort auf die Dopingfrage: Wovon sollten wir es bezahlen? Wer kein Geld verdient, kann sich auch keine Dopingmittel kaufen. Die Männer haben nach einem Tour-Sieg finanziell ausgesorgt, das fördert kriminelle Strukturen viel eher als bei uns. Wir haben kaum Medienpräsenz, warum sollten wir dopen? Natürlich gibt es auch bei den Frauen schwarze Schafe, es wäre dumm, das Gegenteil zu behaupten. Aber wir verdienen keine Millionen, wir fahren für ein Taschengeld, das darf man nicht vergessen.

Interview: Iris Hellmuth

Wissenscommunity