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Tour de France: Ein "Metzger" wird brav

Wegen seiner unfairen Fahrweise galt Robbie McEwen jahrelang als der Rüpel unter den Sprintern. Jetzt gibt er sich als braver Familienmensch und ist stark wie nie.

Robbie McEwen ist derzeit der schnellste Bahnfahrer im Peloton der 93. Tour de France. Er sagt: "Es ist wie ein persönlicher TGV. Ich bin der Einzige, der ein Ticket hat, und ich muss nur an meiner Station "Ziellinie" aussteigen." Lorient könnte nach 181 Kilometer als Zielort der 8. Etappe der vierte "Bahnhof" für den Schnellzug sein.

Bei der Frankreich-Rundfahrt ist der Australier derzeit der überragende Sprinter. Bei seinen drei Etappensiegen in der ersten Woche distanzierte er die Konkurrenz gleich um Längen. Seine prominenten "Opfer" bilden ansonsten die Elite der Schnellsten: Die Weltmeister Tom Boonen und Oscar Freire, Altmeister Erik Zabel und Thor Hushovd.

McEwen will Zabels Marke knacken

"Es ist meine bisher beste Tour. Aber ich würde nicht von der Form meines Lebens sprechen. Ich sprinte einfach gut", sagte der 34 Jahre alte ehemalige Mountain-Biker vom belgischen Team Davitamon. Sein Ziel vor der Saison sei es gewesen, die Anzahl seiner Etappensiege bei der Tour und dem Giro d’Italia auszugleichen. Dieses Vorhaben ist nun mit jeweils elf Tageserfolgen bei den großen Landesrundfahrten erfüllt. Nun will McEwen aber mehr: "Hoffentlich steht es am Ende der Tour nach Siegen 14 zu 11." Noch führt Zabel bei der Tour mit 12 Etappensiegen.

Der zweifache Gewinner des Grünen Trikots stellte vor der sechsten Etappe am Freitag eine ungewöhnliche Siegfolge in diesem Jahr fest: "Beim Giro gewann ich die Etappen 2, 4 und 6. Bei der Tour wollte ich mindestens drei Etappen gewinnen und siegte ebenfalls auf den Etappen 2 und 4. Also wollte ich unbedingt auch die Sechste gewinnen." Die unheimliche Serie wurde in Vitré fortgesetzt.

McEwen denkt an seinen Erben

Bei den Massenankünften brillierte der Mann in Grün mit einer besonderen Taktik: McEwen ließ zunächst die anderen Fahrer den Sprint eröffnen, um dann blitzschnell mit seinem bärenstarken Anfahrer Gert Steegmans an allen vorbei zu rasen.

"Mit ihm habe ich ein gutes Timing. Ich sagte ihm, er soll nicht vor der 400-Meter-Marke lossprinten. Als er dann startete, musste ich schnell hinterher springen, sonst wäre er weg gewesen", sagte McEwen nach seinem dritten Triumph über seinen Edelhelfer. Steegmans Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Sein Chef würde ihn gerne weiter in seiner Mannschaft sehen: "Es wäre das Beste für ihn. So kann er viel lernen, später ein Leader werden und Tour-Etappen gewinnen. Ich werde älter."

Rowdie Robbies Wandel zum Familienmenschen

McEwen scheint es in diesem Jahr sogar nicht nötig zu haben, auf seine sonst sehr aggressive und teils rücksichtslose Fahrweise zurückgreifen zu müssen. Der Vizeweltmeister von 2002 in Zolder hatte sich durch Szenen, wie vor zwei Jahren in Angers, als er den schwer verletzt auf dem Boden liegenden René Haselbacher als "verdammten Idiot" beschimpfte, den unfreiwilligen Spitznamen "Metzger" eingehandelt.

In Zolder checkte er Erik Zabel im turbulenten Finale auf Platz drei. Nun scheint sich der ehemalige "Rowdie Robbie" zum friedlichen Familienmenschen gewandelt zu haben: "Unser Geheimnis war, dass neulich in einem Schloss alle unsere engsten Freunde und Angehörige da waren. Mit 50 bis 60 Leuten herrschte eine schöne Familienfest-Atmosphäre. Das können wir von mir aus die ganze Tour machen."

Benjamin Siebert und Andreas Zellmer/DPA / DPA

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