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Tour-Skandal: Landis greift an

Tour-de-France-Sieger Floyd Landis ist fest davon überzeugt, die Doping-Vorwürfe gegen sich aus der Welt räumen zu können. Während UCI-Funktionäre, Sponsoren und Radfahrer sich entsetzt zu dem Fall äußern, beteuert Landis weiterhin seine Unschuld.

Floyd Landis hat einen Gegenangriff wie bei seiner phänomenalen Bergetappe bei der Tour-de-France gestartet, doch sein Dopingbefund beschert dem Amerikaner und dem Radsport ein verheerendes Echo. Nur wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Falls durch seinen Schweizer Rennstall Phonak bestritt Landis, wissentlich Testosteron verwendet zu haben. Der Spanier Oscar Pereiro betonte derweil, lieber Zweiter der Tour bleiben zu wollen, als nachträglich zum Sieger erklärt zu werden, sollte auch Landis' B-Probe positiv sein. Mit dem Resultat ist voraussichtlich frühestens in einer Woche zu rechnen.

Landis hat wenig Hoffnung auf ein anderes Ergebnis und bezeichnete sich als Realist, den die Affäre Zeit seines Lebens verfolgen werde. Doch auf die Frage der US-Zeitschrift "Sports Illustrated", ob er sich das verbotene Hormon gespritzt oder ein Testosteron-Pflaster aufgeklebt habe, antwortete der US-Radprofi: "Nein, na hört mal!" In einer telefonischen Schaltkonferenz noch am späten Donnerstagabend sagte er halb im Scherz, er habe als erstes einen trinken wollen, nachdem er am Mittwoch von der Probe erfahren hatte und ihm klar wurde, welches Desaster auf ihn zukomme.

So machen wir das in Amerika

Dann aber ging der 30-Jährige in die Offensive. "Ich denke, es gibt eine gute Chance, dass ich meinen Namen rein waschen kann. Alles, worum ich bitte, ist, mir eine Chance zu geben, meine Unschuld zu beweisen. Ich möchte als unschuldig gelten, bis die Schuld bewiesen ist - so machen wir das in Amerika", sagte der von Phonak suspendierte Landis, der sich nach eigenen Angaben an einem nicht näher genannten Ort in Europa aufhält und möglichst unauffällig in die USA zurückkehren will.

Landis durfte sich wegen seines Hüftleidens während der Tour gelegentlich Kortison spritzen lassen. Außerdem enthüllte er, wegen einer Schilddrüsenüberfunktion täglich Tabletten geschluckt zu haben. Er habe sich mit seinem Arzt stets Expertenrat geholt, ob dies seinen Testosteronspiegel in die Höhe treibe. Landis war nach seiner Alleinfahrt auf der 17. Etappe nach Morzine auffällig geworden, nachdem er tags zuvor in den Alpen weit abgehängt worden war.

Auch seiner Mutter Arlene, die daheim im Bundesstaat Pennsylvania von Reportern belagert wurde, versicherte Landis, nichts Verbotenes getan zu haben. "Lance Armstrong musste das auch durchmachen. Irgendwer will nicht, dass er gewinnt", sagte sie. Der siebenmalige Tour-Sieger Armstrong sieht sich im Zusammenhang mit seinem ersten Erfolg 1999 nach wie vor mit Dopingvorwürfen konfrontiert.

Pereiro will keinen "unechten" Titel

Der vor Andreas Klöden Zweitplatzierte, Oscar Pereiro, reagierte betroffen auf den Verdacht gegen seinen Freund Landis. Von einer möglichen nachträglichen Sieger-Kür war Pereiro nicht angetan. "Einen Sieg feiert man in Paris, ansonsten ist es nur ein bürokratischer Sieg", sagte der Spanier, der hofft, dass sich das Ergebnis der A-Probe nicht bestätigt. Der Sprecher des Radsport-Weltverbandes UCI, Enrico Carpani, äußerte jedoch großes Vertrauen in den ersten Test und verwies darauf, Landis habe die Gegenanalyse beantragt. Sie könne ein bis zwei Wochen in Anspruch nehmen, sagte UCI-Präsident Pat McQuaid dem Interanbieter "Cyclingnews".

Die Affäre zeige, wie viel Arbeit der Radsport vor sich habe, um Vertrauen zurückzugewinnen, unterstrich der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, Richard Pound. "Wann hört das auf? Was tut die UCI dagegen?" fragte Pound. Allerdings biete sich jetzt auch die Chance, das Image zu verbessern. Wenn jedoch nichts passiere, werde sich der Radsport auf einer Spirale weiter nach unten bewegen.

McQuaid kündigte eine komplette Revision des Radsports und harte Entscheidungen an, um dem Übel auf den Grund zu gehen. "Das wird mein persönlicher Kreuzzug. Wir müssen alle loswerden, die dopen - ein für alle Mal", sagte der Ire. Der deutsche Radprofi Jens Voigt hat zwar Hoffnung, dass die Lage noch zu retten ist, gestand im TV-Sender "ntv" aber auch ein: "Wenn sich das mit der B-Probe noch bestätigen sollte, ist das natürlich ein äußerst schwerer Schlag wieder mal für uns, und, klar, man ist natürlich manchmal der Verzweiflung nahe."

Der Radsport kann begraben werden

Die internationale Empörung war am Freitag bereits riesig. Die englische Zeitung "The Times" sprach vom letzten Nagel im Sarg für den Radsport und konstatierte: "Der Radsport stirbt an einer Überdosis Gier, Arroganz und Betrug. Das ist kein lebenswerter Sport mehr." Die "Gazzetta dello Sport" aus Italien empfand die Nachricht wie ein Beil, das auf die Tour fällt. Das französische Blatt "Le Parisien" schrieb, ein gedopter Sieger habe in der qualvollen Tour-Geschichte noch gefehlt.

Als notwendig bezeichnete dagegen Frankreichs Sportzeitung "L'Equipe" solche Affären, "auch wenn paradoxerweise jeder Sieg wie eine neue Niederlage empfunden wird". Dagegen schimpfte "De Morgen" aus Brüssel, Landis sei im Fall einer positiven B-Probe nach Vuelta-Sieger Roberto Heras und Giro-Gewinner Ivan Basso "der dritte Gewinner einer Rundfahrt in Folge, den wir in die Gosse spülen können". Landis' Phonak-Teamkollege Koos Moerenhout drückte sich ganz drastisch aus: "Der Himmel fällt mir auf den Kopf."

DPA / DPA

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