Turn-EM "Das war super abgefahren"


Fabian Hambüchen hat sich bei der Turn-EM den Titel am Reck geholt. Damit beendete der neue Stern am Turnerhimmel die jahrelange Durststrecke der Deutschen bei internationalen Wettbewerben.

Er stieß die Fäuste in den Himmel, machte einen Luftsprung und fiel seinem Vater in die Arme: Fabian Hambüchen hat sich mit einer phänomenalen Show in der Puszta zum Reck-König Europas gekrönt. Der 17-jährige Gymnasiast aus Wetzlar bewies am Sonntag als letzter Akteur der Turn-Europameisterschaften Nerven wie Drahtseile und begeisterte mit seiner hochkarätigen Übung das Publikum in der Fönix-Halle von Debrecen. "Das war super abgefahren. Dabei war ich vorher so nervös", meinte der Sieger strahlend.

Spitzennoten nach Mental-Training

Der "Turn-Professor", der in Athen mit Brille zu Platz sieben "geflogen" war, brachte seine drei Flugelemente - zwei Mal Tkatschow-, ein Mal den Gienger-Salto - auch diesmal sauber über die Stange und durfte sich nach der Traumnote von 9,750 Punkten als achter deutscher Reck-Europameister feiern lassen. Er beendete damit zugleich eine lange Durststrecke deutscher Turner, die bei Europas Titelkämpfen seit sieben Jahren leer ausgegangen waren und erstmals seit 1992 (Andreas Wecker in Budapest) wieder zu Titelehren kamen.

"Nachdem Cassina und Gontscharow die Super-Dinger rausgekloppt hatten, ging ich in die Ecke und machte ein bisschen Mental-Training. Beim Stand wusste ich: Das kann gereicht haben", sprudelte es aus dem Turn-Ass heraus. Platz zwei ging an Olympiasieger Igor Cassina (Italien/9,737) vor dem Ukrainer Waleri Gontscharow (9,687). "Das Finale war noch hochkarätiger und spannender als das von Athen. Fabian hat das phänomenal gelöst", meinte Chefcoach Andreas Hirsch. "Super-Wahnsinn. Ich hatte auf gar nichts mehr gehofft, als die anderen solche tollen Leistungen vorgelegt hatten", gestand Vater Wolfgang Hambüchen.

Zuvor war Thomas Andergassen haarscharf an seiner ersten Medaille vorbeigeschrammt. Mit einer optimalen Barren-Übung (9,412) kam er auf Platz vier, nachdem er am Morgen seine Seitpferd-Übung (7./9,112 Punkte) verpatzt hatte. "Das war ein versöhnlicher Abschluss. Ich bin viel lockerer rangegangen als am Pferd. Dort ist mir der Ellenbogen ist weggeknickt und Aus war es", meinte der Stuttgarter, der aber den Absteiger nur schwer verwinden konnte: "Das ist besonders ärgerlich, denn heute war viel mehr drin." Erst vor wenigen Wochen war er an der Hüfte operiert worden, ist aber noch nicht schmerzfrei. "Noch vor einer Woche habe ich vor Schmerzen kaum schlafen können", meinte er.

Erfolgsmodell Familie

Als "Geheimnis" des Erfolges sieht Wolfgang Hambüchen das Teamwork rund um seinen Sohn. Den Kern bildet die Familie: Der Vater betreut ihn seit den ersten Schritten in der Turnhalle, die Mutter kümmert sich um den Kontakt zur Marketing-Agentur, Onkel Bruno aus Krefeld ist seit zwei Jahren als Mentaltrainer nicht mehr wegzudenken. Anteil am Erfolg hat auch Biomechaniker Mauno Nissinen, der in Videoanalysen jede Übung seziert.

Sie alle gehen gemeinsam mit Cheftrainer Andreas Hirsch professionell an die Aufgabe heran. So werden auch unpopuläre Entscheidungen nicht gescheut, wenn sie dem Athleten dienen. So verzichtete Fabian auf den Auftritt bei der Abschluss-Gala des Deutschen Turnfestes, um sich nach drei Sechskämpfen bei den Meisterschaften in Berlin eine Ruhepause zu gönnen. Böse Worte musste man sich da von Seiten der Führung des Deutschen Turnerbundes gefallen lassen, zog aber den Kurs konsequent durch. Der Erfolg in der Puszta beweist die Richtigkeit des Weges.

Frank Thomas/DPA DPA

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