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Kinakoni – Ein Dorf gegen den Hunger Sie sind die Opfer des Klimawandels, für den sie nichts können – die Bauern Lina und Makali Kilii

Lina und Makali Kilii auf ihrem vertrockneten Feld in Kinakoni
Lina und Makali Kilii auf ihrem vertrockneten Feld in Kinakoni
© Jonas Wresch / stern
Sie erleben auf ihren Feldern, was Klimawandel heißt: Weniger Regen – weniger Erträge. Makali und LIna Kilii sind Kleinbauern, so wie die meisten Menschen in Kinakoni und die meisten Menschen in Kenia. Einblicke in einen Alltag zwischen Improvisation und Durchlavieren.

Es ist Frühsommer, als wir Lina und Makali Kilii das erste Mal treffen, eigentlich die Zeit des frischen Grüns und des großen Wachsens hier in Kinakoni, dem Projektdorf von stern und Welthungerhilfe im Südosten Kenias.

In normalen Zeiten nähern sich jetzt Ende Juni, Anfang Juli, die "Long Rains", die großen Regenfälle, ihrem Ende. Drei Monate durchwässern kräftige Niederschläge die rote Erde, lassen Mais, Hirse, Bohne oder Linsen gedeihen, genug, um die anstehenden schwierigen Monate zu überbrücken – in normalen Zeiten.

Doch normal ist hier schon lange nichts mehr.

Die vertrockneten Blätter rascheln im Wind

Nur ein paar Mal hat es in dieser Regenzeit überhaupt geregnet. Kilii führt durch das Feld neben den Hütten. Fast jede Familie hier hat eine solche "Shamba" – das Suaheli-Wort bedeutet "Garten". Meist ein Rechteck oder ein Oval von vielleicht 50 auf 100 Metern. Und bei allen klingt es ähnlich: Es knistert unter den Füßen, die vertrockneten Blätter der Pflanzen rascheln im Wind.

Keine der Maispflanzen wird einen Kolben zustande bringen. Hirse? Fehlanzeige. Ein paar Bohnen und Linsen haben es geschafft, sie rieseln aus dürren Schoten in die Hand. "Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger", sagt Kilii, "davon kann man keine Familie ernähren."

Eine vertrocknete Maispflanze, die kaum einen Kolben zustande gebracht hat – so sehen viele Pflanzen auf den Feldern in Kinakoni aus
Eine vertrocknete Maispflanze, die kaum einen Kolben zustande gebracht hat – so sehen viele Pflanzen auf den Feldern in Kinakoni aus
© Wresch

Killi, 46, und seine Frau Lina haben sieben Kinder. Fünf ist der Jüngste, 21 die Älteste – die schon selbst wieder ein Baby hat. Sie alle leben in mehreren aus Lehmziegeln gebauten Hütten ziemlich in der Mitte von Kinakoni. Ein paar dürre Hühner und streunende Hunde laufen dazwischen herum, in den Büschen haben sich Fetzen von Plastiktüten vergangen. Ein paar Meter weiter hat die Familie eine Art Vogelscheuche aufgebaut, ein Holzkreuz, um das eine löchrige Jacke gehängt ist. Die Puppe soll allerdings keine Vögel abhalten, sondern Hyänen. "Beim Nachbarn haben die neulich zwei Ziegen gefressen", sagt Makali Kilii.

In guten Jahren verdient die Farmerfamilie durch Verkauf von Gemüse vom Feld etwas dazu. In normalen Jahren reichen die Erträge, um alle zu ernähren. Und in schlechten Jahren?

Nur noch eine Mahlzeit am Tag

"Wir essen nur noch einmal am Tag, am Abend. Am Morgen gibt’s nur Tee. Mittags nichts", erzählt Kilii. Der Alltag der Familie ist ein ständiges Durchlavieren und Improvisieren. Unter einem Baum liegt ein Haufen von Steinen, daneben ein Motorradpedal: Mit diesem improvisierten Hammer zerkleinert Lina Kilii die größeren Brocken zu Kies – und beschert der Familie so zumindest ein kleines Einkommen.

Ihr Mann wiederum hat einen kleinen Kredit aufgenommen und sich ein altes Motorrad gekauft. Mit diesem fährt er alle paar Tage die Straßen der Umgebung ab, kauft angebotene Ziegen oder Hühner auf, um sie woanders wieder zu verkaufen. Doch der Gewinn ist gering, es reicht kaum, um die Raten für das Motorrad abzubezahlen.

Dazu kommen die Kosten für die Aussaat. "Früher konnte man in guten Jahren mit dem Überschuss der Ernte auch wieder neu aussähen", erzählt er. Diese Zeiten allerdings sind längst vorbei.

Wie die meisten Bauern ist Makali Kilii auf Hybrid-Samen umgestiegen. Diese Züchtungen vertragen Dürre besser, sind auch resistenter gegen Schädlinge – müssen aber in jedem Jahr neu gekauft werden; es ist nicht möglich, mit den Körnern etwa von Hybrid-Mais im nächsten Jahr erneut solche leistungsstärkeren Pflanzen aufzuziehen. Und gegen einen fast kompletten Ausfall des Regens ist auch die beste Hybrid-Zucht nicht gewappnet.

Familie Killi ist gefangen in einem Teufelskreis aus Armut und Hunger, es geht ihnen wie vielen Familien in Kinakoni, wie vielen Familien in den ländlichen Gebieten Kenias.

Offiziell zählt das Land seit 2014 in der Klassifizierung der Weltbank zu den "middle income countries", Nairobi ist eine geschäftige Metropole mit einer lebendigen Gründerszene, die der Stadt den Namen "Silicon Savannah" eingebracht hat. Doch auf dem Land hat sich für meisten Menschen nur wenig verändert. Noch immer arbeiten 75 Prozent der Kenianer in der Landwirtschaft. Von diesen sind wiederum 75 Prozent Kleinbauern, die kaum mehr erwirtschaften als für die eigene Familie, wenn überhaupt.

Makali Kilii ist ein gottesfürchtiger Mann, der manchmal auch in einer Kirche von Kinakoni predigt. Er sagt, manchmal glaube er, mit der Dürre wolle Gott ihn bestrafen.

Tatsächlich dürfte dafür weniger Gott verantwortlich sein. Es sind die Menschen selbst, wenn auch am wenigsten die aus Kinakoni oder aus Kenia. Denn das vertrocknete Feld des Farmerpaares ist auch Ergebnis des Klimawandels. Darin sind sich Experten weitgehend einig. Jahrzehntelang haben vor allem die Industriestaaten viel zu viel Kohlendioxid emittiert – die daraus resultierende Aufheizung der Atmosphäre macht in Ostafrika die Regenfälle unberechenbarer.

Und weder Makali und Lina Kilii noch die anderen Bauern aus Kinakoni wissen bislang, wie sie mit den neuen Bedingungen zurechtkommen sollen.

Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.
Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.

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