VG-Wort Pixel

Vorabdruck "Afrika!" Viele Menschen gleich viel Hunger? Über den Zusammenhang von Überbevölkerung und Unterernährung

Eine Mutter mit ihren Kindern im Niger. Das Land hat eine der höchsten Geburtenraten der Welt
Eine Mutter mit ihren Kindern im Niger. Das Land hat eine der höchsten Geburtenraten der Welt

© Michael Runkel/ / Picture Alliance
Die Bevölkerung Afrikas wächst so rasant wie die sonst keines Erdteils. Hängen damit die Hungerkrisen des Kontinents zusammen? Lesen Sie einen Vorabdruck aus dem neusten Buch des langjährigen Afrika-Korrespondenten Bartholomäus Grill.

Der Hunger kehrt zurück – mehr als 40 Millionen Menschen sind weltweit akut betroffen. Der stern und die Welthungerhilfe begleiten in einem einzigartigen Projekt das Dorf Kinakoni in Kenia, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort und Start-ups aus Nairobi Lösungen zu finden. Hier finden Sie alle Hintergründe. Auch über dieses Thema hat mehr als vier Jahrzehnte lang Bartholomäus Grill aus Afrika berichtet, zunächst als Korrespondent der "Zeit", später des "Spiegel". In seinem jetzt erschienenen Buch "Afrika! Rückblicke in die Zukunft eines Kontinents" zieht der Reporter Bilanz. Grill widmet sich auch der heiklen Frage des Zusammenhangs von Unterernährung und Überbevölkerung. Lesen Sie hier als Vorabdruck seine Analyse.

Hamidou Moumouni steht am Rande seines Hirseackers und begutachtet die mickrigen Kolben an den Stauden. "Wieder kein guter Ertrag. Wie soll das nur weitergehen?", stellt er besorgt fest. Schon die letzte Ernte war miserabel ausgefallen, weil es zu wenig geregnet hat. Und weil die Böden ausgelaugt sind. "Die Erde ist müde geworden", sagt der Bauer, ein hagerer Mann von 59 Jahren. Sein tannengrüner Bubu, das traditionelle Männergewand, hat goldene Sticksäume – ein Zeichen des Wohlstands, um den er nun fürchtet: "Wir werden irgendwann nicht mehr genug Getreide haben, weil das Wetter verrückt geworden ist."

Reporter mit langfähriger Erfahrung: Bartholomäus Grill (l.), hier mit Eritreas Präsident Isaias Afewerki
Reporter mit langfähriger Erfahrung: Bartholomäus Grill (l.), hier mit Eritreas Präsident Isaias Afewerki
© Ute Grabowsky / photothek.net/ / Picture Alliance

Moumouni ist nicht allein mit seinen Sorgen, hier in Libore, einem Dorf unweit von Niamey, der Hauptstadt des Niger. Früher haben die Kleinbauern Überschüsse eingefahren, die Kornspeicher waren voll, aber seit ein paar Jahren reichen die Erträge gerade noch, um ihre Familien zu ernähren. Meteorologen haben in den vergangenen drei Jahrzehnten eine stetige Abnahme der Niederschläge in der Sahelregion gemessen. Aber der schleichende Klimawandel ist nur ein Faktor, der die Versorgungskrise heraufbeschwört. Der andere Faktor ist das rasante Wachstum der Bevölkerung. Jedes Jahr nimmt die Zahl der Nigrer um 3,9 Prozent zu. Wenn die Wachstumsrate unverändert hoch bleibt, könnte das Land nach regierungsamtlichen Prognosen schon 2050 nahezu 90 Millionen Einwohner haben – fast dreißigmal so viele wie 1960, als Niger unabhängig wurde. Bis dahin könnte sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen die Einwohnerzahl des gesamten Kontinents auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln.

Afrika als unberechenbare Bedrohung

Derartige Prognosen lösen in Europa Ängste vor einem baldigen "Flüchtlingsansturm" aus, und sie beflügeln Rechtspopulisten, die diese Ängste systematisch befeuern. Afrika wird als große, unberechenbare Bedrohung wahrgenommen. Sogar Hilfsorganisationen, die sich für die Wahrung der Menschenrechte an den EU-Außengrenzen einsetzen, nähren ungewollt die Furcht. In einer Anzeige von borderline.europe sind ausgehungerte Gestalten zu sehen, die Aliens ähneln und aus einer Dürrezone massenhaft auf Europa zumarschieren.

"Die spektakulärsten demografischen Veränderungen, die sich jemals in der Geschichte der Menschheit ereignet haben, vollziehen sich gerade auf dem afrikanischen Kontinent", stellt der französische Politikprofessor Serge Michailof fest. Er ist kein Apokalyptiker, sondern ein seriöser Wissenschaftler, der in Afrika intensiv geforscht und lange im humanitären Sektor gearbeitet hat, unter anderem als Direktor der staatlichen Entwicklungshilfeagentur Frankreichs. Michailof prophezeit, dass die kommenden Jahrzehnte in Afrika eine Zeit voller Gefahren sein werden. Eine Zeit, in der infolge des ungebremsten Bevölkerungswachstums Armut und Verelendung zunehmen werden. Eine Zeit der großen Hungersnöte, die Landflucht und Migrationsbewegungen in einem ungeahnten Ausmaß auslösen könnten. Auch eine Zeit der Anarchie und Gewalt, in der sich immer mehr arbeitslose junge Männer, die keine Zukunftsperspektive haben, dem islamistischen Terror zuwenden könnten.

Auch Jeffrey Sachs, ein Schwergewicht in der entwicklungspolitischen Debatte, wirkt nicht mehr so optimistisch wie in den Jahren, als er seinen Bestseller Das Ende der Armut veröffentlichte und Sonderberater des Millenniumprogramms der Vereinten Nationen war, das dieses Ende herbeiführen sollte. Der amerikanische Ökonom leitet das Earth Institute an der Columbia University in New York. Dort habe ich ihn im Dezember 2013 interviewt. Sachs rechnete vor, dass bei den derzeitigen Zuwachsraten Ende des 21. Jahrhunderts rund 3,8 Milliarden Menschen in Afrika leben werden, und räumte zum Schluss des Gesprächs ein: "Und für ein Afrika mit 3,8 Milliarden Menschen kenne auch ich keine Lösung."

Hamidou Moumouni, der Bauer aus Libore, versteht die ganze Aufregung nicht. "Die Weißen reden immer von der Bevölkerungsexplosion. Sie behaupten, dass wir zu viele Kinder haben. Für uns sind viele Kinder ein Geschenk Gottes." Im Übrigen könne man die Versorgungslücke ganz einfach überwinden. "Wir brauchen Maschinen und hochwertigen Kunstdünger, dann würden wir dreimal so viel produzieren." Und wenn man das Problem auch von der anderen Seite angehen und das schnelle Bevölkerungswachstum verlangsamen würde? Moumouni hat sich diese Frage schon mehrmals gestellt, aber er kommt immer zu derselben Antwort: "Viele Menschen, das sind viele Hände, die Wohlstand schaffen. Und wenn jeder Arbeit hat, dann sind alle versorgt." Er geht zurück in sein Lehmhaus und setzt sich zu seiner Frau und den acht Kindern, die sich auf einer Liege im luftigen Innenhof versammelt haben. Faty, 40, die Ehefrau, stillt gerade den 16 Monate alten Kidirou, den jüngsten der vier Söhne. Sie hätte gern noch mehr Kinder, sagt sie, und Moumouni fügt hinzu: "Die Familie muss größer werden, dann haben wir eine bessere Altersvorsorge." Aber werden denn die Söhne davon leben können, wenn er seine zwölf Hektar große Farm unter ihnen aufteilt? Das Erbe erhalte nur der Erstgeborene, sagt Moumouni. Der zweite Sohn möge sich einen Posten bei der Regierung suchen, der dritte solle Koranlehrer werden, der vierte könne sich irgendwie nach Europa durchschlagen, um dort sein Glück zu machen. Und die Mädchen? "Die sollen reiche Männer heiraten." Nima, die hübsche zwölfjährige Tochter, wird wohl bald verkuppelt werden. Sie wünscht sich zehn Kinder, mindestens.

Bartholomäus Grill blickt zurück auf sein Korrespondentenleben in Afrika. Ein persönliches Buch mit Geschichten von Äthiopien bis Südafrika. Erschienen bei Siedler. 288 Seiten. 22 Euro.
Bartholomäus Grill blickt zurück auf sein Korrespondentenleben in Afrika. Ein persönliches Buch mit Geschichten von Äthiopien bis Südafrika. Erschienen bei Siedler. 288 Seiten. 22 Euro.

Genau hier liegt das Problem: Niger hat die höchste Fruchtbarkeitsrate der Welt, im Schnitt gebärt jede Frau mehr als sieben Kinder. In einer anderen Statistik steht das Land hingegen ganz unten: Auf dem globalen Index, mit dem die Vereinten Nationen Wohlstand und Lebensqualität bewerten, ist es das Schlusslicht unter 189 Staaten. Nirgendwo zeigt sich drastischer, wie Armut extremes Bevölkerungswachstum produziert (und vice versa) und diese Dynamik jeden Entwicklungsfortschritt aufzehrt. Niger ist zwar mit 1,3 Millionen Quadratkilometern dreieinhalbmal so groß wie Deutschland, aber zwei Drittel des Staatsgebiets sind Wüste, und nur knapp acht Prozent der Landesfläche können landwirtschaftlich genutzt werden. Denn nur dort fallen pro Jahr durchschnittlich mehr als 400 Millimeter Niederschlag, die den Regenfeldbau erst möglich machen. Schon heute verbraucht die nigrische Bevölkerung mehr Nahrungsmittel, als auf ihren Feldern wachsen. In langen Trockenzeiten muss die Regierung bis zu eine Million Tonnen Getreide importieren, um die Versorgungslücke auszugleichen. Entwicklungsexperten nennen das ein strukturelles Nahrungsmitteldefizit. Manche verwenden auch das Bild von der Schere zwischen Storch und Pflug, die sich immer weiter öffne; sie warnen vor der "malthusianischen Falle".

Der Staat ist überfordert

Thomas Malthus war ein britischer Ökonom, seine umstrittene Kernthese besagt grob vereinfacht, dass das Massenelend größer werde, wenn die Bevölkerung exponentiell wächst, während die Nahrungsmittelproduktion nur linear zunimmt. Malthus wurde im 20. Jahrhundert durch den wissenschaftlichen Fortschritt, die Bildungsrevolution und die Modernisierung der Landwirtschaft gründlich widerlegt, doch in der Sahel-Region sind seine Vorhersagen Realität geworden. Dort drohen im 21. Jahrhundert gewaltige Versorgungskrisen, und es wird trotz aller Hilfsanstrengungen der internationalen Gemeinschaft unmöglich sein, Millionen und Abermillionen von Menschen vor dem Hungertod zu retten. Aus eigener Kraft könnte Niger vielleicht 10 Millionen Menschen ernähren. Das Land hat aber 20 Millionen Einwohner. Der schon jetzt überforderte Staat wird nicht in der Lage sein, die 750.000 Kinder, die jedes Jahr geboren werden, auszubilden, gesundheitlich zu versorgen und in Brot und Arbeit zu bringen.

Die ehemalige französische Kolonie ist seit der Unabhängigkeit wirtschaftlich kaum vorangekommen, im Gegenteil: Während das Pro-Kopf-Einkommen im Gründungsjahr 1960 bei 476 Dollar lag, betrug es 2016 nur noch 441 Dollar. Die Entwicklungsdefizite sind vor allem der politischen Instabilität und der Unfähigkeit korrupter Regierungen geschuldet. Niger wurde in seiner kurzen Geschichte durch mehrere Staatsstreiche erschüttert, erst 2011, mit der Wahl Mahamadou Issoufous, kam das Land einigermaßen zur Ruhe. Der ehemalige Präsident galt als moderater Sozialdemokrat, der das Kardinalproblem des Landes angehen wollte: die Massenarmut, die durch den Bevölkerungsdruck verschärft wird. Aber die Mittel der Regierung sind beschränkt. Außer Uran hat das Land keine nennenswerten Exportgüter, bei der Mehrheit der Bevölkerung handelt es sich um Subsistenzbauern, von denen über die Hälfte mit einem Dollar pro Tag auskommen müssen.

Die dramatischen Folgen der Bevölkerungsexplosion seien jahrzehntelang verdrängt worden, sagt Serge Michailof, von den reichen Geberstaaten, von den einheimischen Politikern, von christlichen und muslimischen Dogmatikern. Aber auch humanitäre Organisationen haben das Problem bagatellisiert oder verdrängt, es war politisch nicht korrekt, darüber zu reden. Jetzt kehrt es in einer der ärmsten Regionen der Welt mit voller Wucht zurück, und alle Maßnahmen, die dagegen unternommen werden, kommen reichlich spät oder bleiben Stückwerk.

Vor dem Entbindungsheim in der Bezirksstadt Dosso warten vierzig Mütter mit ihren kranken Kleinkindern, viele wimmern oder schreien. Zeinabou Abdou, eine schon nach vierzig Lebensjahren ausgemergelte Frau, hat sich bereits frühmorgens angestellt. Sie trägt ihre elf Monate alten Zwillinge auf dem Rücken, zwei Mädchen. Das eine sieht proper aus, das andere zeigt Zeichen von Unterernährung: spindeldürre Gliedmaßen, schütteres, rotstichiges Haar. Es bekommt nicht genug Milch, die Mutter ist ratlos. Zwölf Kinder hat Zeinabou Abdou zur Welt gebracht, drei starben, das dreizehnte ist in ihrem Bauch. "Du bist eine Frau, du musst liefern. Du hast keine Wahl", sagt sie schicksalsergeben. Will sie noch mehr Kinder? "Nein, jetzt reicht es mir. Ich will verhüten."

Verhütungsmittel? In Darey Maliki wussten viele Mädchen und Frauen vor ein paar Monaten noch gar nicht, dass es so etwas gibt. Ihr Dorf liegt 15 Kilometer außerhalb von Dosso, traditionelle Hütten, Lehmmoschee, Brunnen mit Handpumpe, ringsum Hirsefelder. Und ein Versammlungshaus, in dem drei Dutzend aufgeregte Mädchen in ostereierfarbenen Hidschabs sitzen. Sie sind zwischen 13 und 19 Jahre alt und besuchen einen Lehrgang für Familienplanung, den die amerikanische Hilfsorganisation Pathfinder durchführt.

Die jungen Frauen können weder lesen noch schreiben, sie mussten die Schule abbrechen, weil sie früh in die Ehe gezwungen wurden. Die meisten erleben zum ersten Mal so etwas wie Unterricht. "Manche Ehemänner haben ihnen die Teilnahme an unserer Schulung verboten", sagt Ramatou Halitou, die Kursleiterin. "Sie wollen nicht, dass ihnen die Frauen wiedersprechen." Halitou wiederholt anhand von bunten Schautafeln die letzten Lektionen: Sexualleben, Funktion der Geschlechtsorgane, Komplikationen bei der Geburt, weibliche Gesundheitspflege. Die Mädchen hören aufmerksam zu, stellen schüchtern Fragen. Machen Kontrazeptiva unfruchtbar? Was tun, wenn sie mein Mann verbietet und mich schlägt? Wie gefährlich sind Schutzimpfungen? "Wir lernen hier, selbstständig zu denken, und werden zu Vorbildern für andere Frauen", sagt Balkissa Hassane, eine aufgeweckte Achtzehnjährige. Sie ist zum ersten Mal schwanger – und wünscht sich sieben Kinder. Sie will aber auch verhüten, um größere Abstände zwischen die Geburten zu legen. Ein kleiner Fortschritt, immerhin. Hassanes Wunsch zeigt allerdings auch, dass die Aufklärungskampagnen ihr Hauptziel – weniger und gesündere Kinder – oft verfehlen. Denn auch bei jungen Frauen bleibt die Überzeugung stärker, dass viel Nachwuchs ein Segen ist.

Mehr Kinder gleich mehr Chancen

"Man muss sich das wie eine Lotterie vorstellen", sagt Sani Aliou, der Landesdirektor von Pathfinder. "Je mehr du einsetzt, desto höher sind die Gewinnchancen: Irgendein Kind wird schon das Glückslos ziehen." Aliou ist praktischer Arzt, er plant die Einsätze seiner Organisation generalstabsmäßig. An der Wand hängt eine Karte, in der mit Stecknadeln die Gesundheitsposten und Einsatzteams markiert sind. Das Misstrauen gegen die moderne Medizin sei nach wie vor groß, sagt er und nennt ein typisches Beispiel: Werdende Mütter wollen sich aus religiösen Gründen oft nicht untersuchen lassen, weil sie Ärzte oder männliche Pflegekräfte berühren könnten.

Niger hat nicht nur die höchste Fertilität der Welt, sondern auch eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten: Die Geburt überleben 535 von 100.000 Frauen nicht (Deutschland verzeichnet im Vergleich dazu nur drei Todesfälle). Das liegt an der schlechten medizinischen Versorgung, vor allem aber an der extrem hohen Zahl von Frühehen: Viele Mädchen sind viel zu jung, um Kinder zu kriegen. Laut amtlicher Statistik werden im Niger 76 Prozent der Mädchen vor dem 18. Lebensjahr verheiratet, 28 Prozent sind sogar jünger als 15.

In der Regel werden sie von den eigenen Vätern und Müttern dazu genötigt. "Das führt immer wieder zu schrecklichen Tragödien", sagt Kaffa Jackson und zeigt auf ihrem Smartphone ein grausiges Foto, das ihr vor ein paar Tagen von einem anonymen Absender gemailt wurde. Darauf ist ein etwa 14 Jahre altes Mädchen zu sehen, das sich am Rande ihres Dorfes an einem dürren Baum erhängt hat. Solche Bilder hat sie schon öfter erhalten, sie sind für sie Mahnung und Ansporn zugleich, die Missstände zu bekämpfen. Jackson, eine promovierte Luftfahrtingenieurin, ist Ministerin für Bevölkerungsfragen und steht im Ruf, eine resolute Technokratin zu sein. "Ich habe den schwierigsten Job in der Regierung", sagt sie.

Auch die Ministerin hat fünf Kinder

Die Ministerin hat fünf Kinder großgezogen. "Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir diese Obergrenze in jeder Familie erreichen würden." Ihr Büro quillt über vor Strategiepapieren, dicken Ordnern voller Zahlen und Broschüren aller Art. An Initiativen auf höchster Ebene mangele es nicht, betont sie, es gebe einen nationalen Aktionsplan, mehrere Ministerien hätten Programme zur langfristigen Familienplanung entworfen. Das große Manko sei allerdings, dass die Projekte unterfinanziert und schlecht koordiniert sind und dass sie oft nicht auf der untersten Verwaltungsebene ankommen.

"Gerade in den dicht besiedelten Kommunen entscheidet sich, ob wir das Bevölkerungswachstum drosseln können", erklärt Jackson. "Die größten Hindernisse dabei sind Armut, Unwissen, patriarchalische Traditionen wie die Polygamie, die Rechtlosigkeit der Mädchen und Frauen." Auf ihren Reisen durchs Land spürt sie immer wieder die massiven Widerstände der Männer, die nichts wissen wollen von Geburtenkontrolle. Viele glauben, dass Frauen, die verhüten, fremdgehen würden. Kondome sind ohnehin verpönt. Um für den Gebrauch der Gummis zu werben, sagt die Ministerin, müsse man kreative Strategien entwickeln. Sie lobt eine Hilfsorganisation, die die Präservative "Foula" nennt – so heißt der traditionelle Spitzhut. Seit prominente Ringer dafür werben (Ringen ist eine der beliebtesten Sportarten im Niger), sei die Akzeptanz dieser Verhütungsmethode gestiegen. "Solche Maßnahmen sind sinnvoll, aber es sind nur winzige Schritte. Wenn es uns nicht gelingt, das Bevölkerungswachstum zu bremsen, steuern wir auf eine Katastrophe zu", glaubt auch Kaffa Jackson. Dennoch verbittet sie sich die schulmeisterlichen Belehrungen aus Europa. Besonders ärgerlich findet sie, was Emmanuel Macron unlängst zum Besten gegeben hat. "In Ländern, wo Frauen sieben bis acht Kinder haben, kannst du Milliarden von Euro ausgeben, du wirst nie Stabilität erreichen", verkündete der französische Präsident. Die Ferndiagnose im Namen der einstigen Kolonialmacht Frankreich, die den Kontinent jahrzehntelang ausgebeutet hat, kam bei Afrikanern und Afrikanerinnen nicht gut an.

Auch wenn europäische Politiker kurz in Niamey einfliegen und ein paar Computer und Geländewagen verschenken, sei das nicht sehr hilfreich, sagt Jackson. Sie spielt auf den letzten Blitzbesuch der damaligen deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Niamey an. "In Wahrheit geht es doch nur darum, dass wir euch die Armutsflüchtlinge vom Halse halten. Die Ursachen der Migration werden dabei gerne vergessen."

"Es gibt tausend Vorschläge, das Bevölkerungswachstum zu verringern", sagt Fatouma Karimou. "Aber solange unsere Mädchen und Frauen nicht gleichberechtigt sind, ist das nicht zu schaffen. Sie brauchen Bildung, um selbst über ihr Leben bestimmen zu können." Sie hat diese Bildung, sie wurde gefördert von einer kleinen Hilfsorganisation aus Kanada. Die 24-Jährige studiert Ernährungswissenschaften. Sie trägt einen petrolgrünen Hidschab, an ihrer Nase glitzert ein Schmuckstein – eine aufgeklärte junge Muslimin, die für viele Mädchen im Dorf Libore zum Rollenmodell wurde. Auf die meisten Männer hingegen wirken selbstbewusste Frauen wie sie bedrohlich. "Sie halten Frauen für minderwertig. Sie fürchten, dass sie keinen Respekt mehr vor ihnen haben, wenn sie sich emanzipieren. Und deshalb wollen sie auch nicht, dass sie alphabetisiert werden und sich gegen Frühehen wehren", sagt Karimou. Es sei schwer, diese Mentalität zu überwinden, denn die Männer wollen ihre Macht behalten. "Sie reden dann von der Tradition und von religiösen Tabus. Aber Familienplanung ist keine Sünde. Auch nicht im Islam!" Die Ausbildung abschließen, dann als Ernährungsberaterin arbeiten, dann erst heiraten, das ist der Plan von Fatouma Karimou. Natürlich will auch sie Kinder. Wie viele? "Fünf."

Nigeria ist die bevölkerungsreichste Nation Afrikas. Man weiß allerdings nicht genau, wie viele Einwohner die größte Volkswirtschaft des Kontinents tatsächlich hat. Sind es 190 Millionen? 200 Millionen? Oder schon weit mehr? 1987, als ich im Pressetross des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker Nigeria besuchte, waren es erst 88 Millionen. Schon seinerzeit zeichnete sich ein schwindelerregendes Bevölkerungswachstum ab, aber niemanden schien das zu bekümmern. Wir flogen auch zu einer riesigen Baustelle im geografischen Zentrum des Landes, wo die neue Hauptstadt Abuja entstehen sollte. Außer dem protzigen Hilton-Hotel, in dem wir nächtigten, war noch nicht viel zu sehen. Mittlerweile hat sich Abuja in eine hochmoderne Kapitale mit über drei Millionen Einwohnern verwandelt, und die Regierung ist stolz, dass sie in Windeseile weiter und weiter wächst. Anfang der 1990er Jahre sprach ich mit zwei einflussreichen Religionsführern über das Thema, mit Father Matthew Kukah, dem Generalsekretär der katholischen Kirche, und mit Abdul-Lateef Adegbite, seinem Amtskollegen im Obersten Rat für muslimische Angelegenheiten. Beide gaben fast wortgleiche Statements ab, die sich in zwei Sätzen zusammenfassen lassen: Die "Bevölkerungsexplosion" ist ein westliches Schreckensszenario. Familienplanung und Geburtenkontrolle sind Werke des Teufels, die dem Schöpfungsplan des Allmächtigen zuwiderlaufen.

Drei Jahrzehnte später leben nach amtlichen Schätzungen allein in Lagos bereits 21 Millionen Menschen, und täglich kommen rund 3000 Zuwanderer hinzu, verarmte Landflüchtlinge, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Wirtschaftsund Handelsmetropole ziehen. Wenn der Zustrom in diesem Tempo anhält, könnte Lagos zur Jahrhundertmitte die größte Megalopolis der Welt sein: 40 Millionen Einwohner, so viele wie in ganz Polen. Ist ein Gebilde dieser Größenordnung überhaupt regierbar? Lässt sich darin noch menschenwürdig leben? Oder mutiert Lagos zu einem unermesslichen Konglomerat von Slums, in denen nur ein Gesetz herrscht: das Gesetz der Entropie, das jede soziale Ordnung zersetzt? Genau das prophezeien Kulturpessimisten wie der Amerikaner Robert Kaplan. Schon vor Jahren beschrieb er Lagos und andere Großstädte Westafrikas als wild wuchernde Ballungsräume, in denen sich alle Probleme wechselseitig verstärken: Bevölkerungsdruck, Massenarmut, Wohnungsnot, Wassermangel, Energiekrise, Verkehrsinfarkt, Müllnotstand, Korruption, ausufernde Kriminalität. Lagos ist in Kaplans Augen ein Vorbote des Weltuntergangs.

Rem Koolhaas, der niederländische Stararchitekt, sieht das ganz anders. Für ihn ist die Riesenstadt ein Ort der Zukunft, der sogar ein Modell für die Megacitys des 21. Jahrhunderts werden könne, ein Labor voller Vitalität und Kreativität, in dem neue Strategien zur Bewältigung der weltweiten Verstädterung erprobt werden.

Man kann es sich kaum vorstellen, wenn man in diesen Tagen den Moloch Lagos erkundet. Schon am frühen Morgen tobt ein infernalischer Verkehr, sämtliche Hauptstraßen sind heillos verstopft. Die Tropenluft ist schwül und stickig, man fühlt sich wie in einer Sauna. Es stinkt nach Abgasen, fauligem Wasser, Fäkalien, der Rauch von kokelnden Abfallbergen brennt in den Augen. Dazu das Geratter der Dieselgeneratoren, die rund um die Uhr laufen, weil der Strom im Stundentakt ausfällt. Und allerorten bewegen sich gewaltige Menschenmassen, auf den Märkten, neben den Autobahnen, unter den Brücken, an Bushaltestellen. Ein wirres, aggressives Großstadtgewühl, in dem man schnell die Orientierung verliert.

Der Staatschef sieht keinen Handlungsbedarf

Lagos sei ein brutaler Ort, der die Menschen zermürbe, befindet der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller Teju Cole. "Du wachst am Morgen auf und denkst: Hier machen sich zwanzig Millionen Leute gegenseitig das Leben schwer." Im Klartext: Wer sich gegen die Verteilungsschlacht nicht wappnet, geht unter. Ich habe Coles Buch“ Jeder Tag gehört dem Dieb“ wie eine Anleitung zum Überleben in einem urbanen Dschungel gelesen. Seine Empfehlungen wären ebenso nützlich in anderen Metropolen Afrikas, die aus allen Nähten platzen. Auch in Kairo, Accra, Daressalam, Kinshasa oder Johannesburg beschleicht einen die fatalistische Anmutung, dass das rasante Wachstum im dystopischen Zerfall enden könnte.

Olusegun Obasanjo ist einer der angesehenen Elder Statesmen Afrikas. Ich habe ihn mehrfach interviewt, zuletzt, als er noch Präsident von Nigeria war. Er saß, bewacht von vergoldeten Löwen, in seinem abgedunkelten Amtszimmer in der Aso Villa zu Abuja, und empfand Fragen nach der demografischen Entwicklung seiner Nation als Zumutung: "What are you talking about, young man?" Obasanjo sah keinerlei Handlungsbedarf. Unterdessen schlägt auch er Alarm und warnt auf internationalen Tagungen vor der "youth bulge", vor dem Überschuss an ungebildeten, arbeitslosen, frustrierten jungen Afrikanern und Afrikanerinnen, deren Zahl bis 2050 auf nahezu eine halbe Milliarde anschwellen könnte. Das Problem ist vor allem eine Alterskohorte, die schon der Moralphilosoph Thomas Hobbes in seinem 1651 erschienenen Hauptwerk Leviathan beschreibt: junge Männer, die aufgrund ihrer Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Lage geneigt seien, "Unruhe und Aufruhr zu erregen". Sie sind voller Testosteron, haben keinerlei Zukunftsperspektiven, langweilen sich, leiden unter der Allmacht der alten Männer. Sie begegneten mir in unterschiedlicher Gestalt immer häufiger in Afrika: Kindersoldaten in Sierra Leone, Straßenkinder in den Slums von Nairobi, minderjährige Arbeitssklaven in den Goldminen Ghanas. Oder männliche Jugendliche, die in den Townships vor Kapstadt oft vaterlos aufgewachsen sind, sich einer der mittlerweile 130 Banden angeschlossen haben und ihre Gemeinden terrorisieren. Die Mordund Vergewaltigungsraten in den Territorien der Gangster zählen zu den weltweit höchsten. Südafrikanische Kriminologen führen das unter anderem auf die gekränkte Männlichkeit der jungen Straftäter zurück.

Der umstrittene Sozialforscher Gunnar Heinsohn geht im globalen Kontext noch viel weiter, er warnt vor einem Millionenheer gewaltbereiter Nachwuchskrieger. Wer nach Erklärungen sucht, warum den islamistischen Terrormilizen in Somalia oder Nordnigeria so viele Halbwüchsige und Jungmänner zulaufen, ist versucht, seiner abstrusen These zuzustimmen. Doch Heinsohns biologistische Konstruktionen haben wenig mit exakter Wissenschaft zu tun: Er liefert nur dumpfe Argumente für den Stammtisch und blendet die wahren Ursachen der latenten Aggressionsbereitschaft aus: Armut, Aussichtslosigkeit, das Gefühl, wertlos zu sein.

Olusegun Obasanjo, dem als Präsident Nigerias die "Jugendbeule" ziemlich egal war, hat sich auf seine alten Tage in einen unermüdlichen Mahner verwandelt. Dennoch wurde er nicht zum Untergangspropheten, denn er sieht Licht am Ende des Tunnels, zum Beispiel in einem Land wie Äthiopien. Ausgerechnet in Äthiopien, das vor ein paar Jahren noch als hoffnungslos überbevölkertes Hungerland abgeschrieben wurde? Diesen Einwand bekomme ich bei Vorträgen in Deutschland oft zu hören, und lange Zeit hielt ich ihn für berechtigt. Wurden die Zweifel nicht durch die nackten Zahlen immer wieder bestätigt? 1990 hatte das nordostafrikanische Land 50 Millionen Einwohner, heute sind es weit über 100 Millionen. Dennoch ist in dieser Zeitspanne die Zuwachsrate der Bevölkerung signifikant zurückgegangen. Das lag an der vorausschauenden Politik einer Regierung, über die man viel Schlechtes sagen kann, doch auf dem Feld der Familienplanung konnte sie bemerkenswerte Fortschritte erzielen. Sie hat nach dem Millenniumswechsel im ganzen Land 16 500 Gesundheitsstationen eingerichtet und eine regelrechte Gesundheitsarmee rekrutiert. Zehntausende von Helferinnen werben für Schutzimpfungen gegen Kinderkrankheiten, klären über Empfängnisverhütung auf, bringen den Müttern bei, ihre Kinder besser zu ernähren und kein verschmutztes Wasser zu trinken. Zum Maßnahmenkatalog gehörten auch eine höhere Einschulungsquote, verstärkte Bildungsförderung für Mädchen und ein leichterer Zugang zum Arbeitsmarkt für Frauen. Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung bilanzierte 2019 die Erfolge: gesunkene Kindersterblichkeit, niedrigere Wunschkinderzahlen, verfünffachte Nutzung von Verhütungsmitteln, rückgängige Fertilitätsrate.

Äthiopien, der "demografische Vorreiter"

Es geht also, man muss er nur wollen. Die Regierung in Addis Abeba ist jedenfalls bemüht, die Altersstruktur der Gesellschaft langfristig zu ändern, um irgendwann in den Genuss der sogenannten demografischen Dividende zu kommen, so wie das Südkorea, Thailand oder Singapur vorgemacht haben. In den asiatischen Tigerstaaten hat die hohe Zahl von arbeitsfähigen jungen Menschen bei einem geringen Anteil von Alten einen wirtschaftlichen Entwicklungsschub ausgelöst, der wiederum zu einem Rückgang der Geburtenraten führte. Um diesen Bonus zu erreichen, sind allerdings noch viel entschlossenere Reformen im Bildungsund Gesundheitswesen vonnöten, und eine Wirtschaftspolitik, die Arbeitsplätze für den besser qualifizierten Nachwuchs schafft.

Äthiopien ist auf einem guten Weg, es hat dank eines anhaltenden Wirtschaftsaufschwungs sogar den Anteil der Menschen, die in absoluter Armut leben, halbiert und könnte zu einem "demografischen Vorreiter" Afrikas werden, wie es in der schon erwähnten Studie heißt. Viele Länder des Kontinents sind allerdings noch meilenweit von diesem Ziel entfernt, und manche wollen es gar nicht erreichen, weil die Machteliten dem Irrglauben anhängen, eine große und immer weiter wachsende Einwohnerzahl würde das ökonomische Gewicht und die geopolitische Bedeutung ihrer Nationen erhöhen. Sie ignorieren einen historischen Lehrsatz, den Reiner Klingholz, der langjährige Direktor des Berlin-Instituts, ins Gedächtnis ruft: "Noch nie hat sich irgendwo auf der Welt ein Land entwickelt, ohne dass sich zuvor das Bevölkerungswachstum verringert hätte."


Mehr zum Thema