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Folgen der Klimakrise 40 Millionen Menschen stehen kurz vor einer Hungersnot. Ein Dorf in Kenia sucht ganz neue Lösungen

Lina und Makali Kilii
Lina und Makali Kilii erleben auf ihrem Feld die Folgen des Klimawandels. Die Pflanzen vertrocknen, die Ernte fällt aus.
© Jonas Wresch / stern
Er schien schon fast besiegt – aber jetzt kehrt der Hunger mit Wucht in Teile der Welt zurück. Drei Jahre lang werden der stern und die Welthungerhilfe in einem einzigartigen Projekt ein Dorf in Kenia unterstützen, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort Lösungen zu finden. Begleiten Sie uns dabei.

Die Hoffnung von Makali und Lina Kilii liegt ausgedörrt und vertrocknet neben ihren Hütten. Es ist Frühsommer in dem kleinen Dorf Kinakoni in Kenia, eigentlich die Zeit des frischen Grüns und des großen Wachsens.

In normalen Zeiten sind jetzt Ende Juni, Anfang Juli, die "Long Rains", die großen Regenfälle Kenias, gerade vorbei. Drei Monate durchwässern kräftige Niederschläge die rote Erde, lassen Mais, Hirse oder Bohnen gedeihen, genug, um die anstehenden schwierigen Monate zu überbrücken – in normalen Zeiten.

Doch normal ist hier in Kinakoni schon lange nichts mehr.

Die Felder sind vertrocknet

Nur ein paarmal hat es in dieser Regenzeit überhaupt geregnet. Kilii führt über das Feld neben den Hütten. Fast jede Familie hier hat eine solche "Shamba", so heißt das kleine Feld auf Swahili. Meist ein Rechteck von vielleicht 50 auf 100 Metern. Und auf allen klingt es ähnlich: Es knistert unter den Füßen, die vertrockneten Blätter der Pflanzen rascheln im Wind.

Keine der Maispflanzen wird einen Kolben hervorbringen. Hirse? Fehlanzeige. Ein paar Bohnen haben es geschafft, sie rieseln aus dürren Schoten in die Hand. "Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger", sagt Kilii, "davon kann man keine Familie ernähren."

Das vertrocknete Feld des Farmerpaares ist Ergebnis des Klimawandels, darin sind sich Experten einig. Die Regenfälle gerade in Ostafrika werden unberechenbar, die Ernten schwieriger – einer der Gründe für eine verhängnisvolle Entwicklung in Teilen der Welt: Der Hunger kehrt zurück.

40 Millionen Menschen stehen knapp vor einer Hungersnot

Es ist ein so erstaunlicher wie beängstigender Trend. Lange Zeit war die Menschheit auf dem Weg, den Hunger zu einer Geißel von gestern zu machen. Die aufgeblähten Bäuche der Kinder aus der nigerianischen Region Biafra in den 60er Jahren, aus den Bürgerkriegsgebieten Äthiopiens in den Siebzigern und Achtzigern, das schienen Gespenster der Vergangenheit zu sein.

Frauen versuchen im County Tana River – etwa 200 Kilometer östlich von Kinakoni –, einem geschwächten Rind auf die Beine zu helfen
Frauen versuchen im County Tana River – etwa 200 Kilometer östlich von Kinakoni –, einem geschwächten Rind auf die Beine zu helfen
© Frederik Lermeryd

Doch diese Gespenster kehren zurück. Nahm die Zahl der unterernährten Menschen bis etwa 2014 beständig ab, hat sich diese Entwicklung zunächst stark verlangsamt und nun, auch infolge der Einkommensausfälle durch die Pandemie, umgekehrt. Etwa 270 Millionen Menschen droht dieses Jahr eine Nahrungsmittelknappheit – nahezu eine Verdopplung im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Mehr als 40 Millionen Menschen stehen knapp vor einer Hungersnot. "Ich habe es weltweit noch nie so schlimm gesehen", sagt Amer Daoudi, Senior Director of Operations beim World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen.

Und wieder einmal ist Afrika der Kontinent, der davon am stärksten betroffen ist. In der umkämpften äthiopischen Provinz Tigray könnten schlimmstenfalls mehrere Hunderttausend Menschen verhungern, auch im Süden Madagaskars ist die Lage nach einer beispiellosen Dürre dramatisch. Doch auch stabile Länder wie Kenia kämpfen wieder mit dem Hunger. Auf dem Kontinent gelten zurzeit 20 Prozent der Menschen als unterernährt – bis 2030 prognostizieren die Vereinten Nationen einen Anstieg auf 25 Prozent.

Viele Meter tief müssen die Männer im Flussbett graben, bis sie auf Wasser stoßen. Tana River, wo das Foto entstand, gehört zu einer der am stärksten von der Dürre betroffenen Regionen in Kenia
Viele Meter tief müssen die Männer im Flussbett graben, bis sie auf Wasser stoßen. Tana River, wo das Foto entstand, gehört zu einer der am stärksten von der Dürre betroffenen Regionen in Kenia
© Frederik Lerneryd

Dabei haben viele Länder Afrikas, anders als das Klischee es will, seit der Jahrtausendwende eine verblüffende Entwicklung hingelegt. Städte wie Lagos, Kigali oder Nairobi sind Start-up-Zentren geworden, mit Co-Working-Büros, die nicht anders aussehen als die in Berlin, nur dass die Männer und Frauen mit dem To-go-Kaffee in der Hand und den Kopfhörern im Ohr schwarz sind. Selbst im Corona-Jahr 2020 flossen 1,3 Milliarden US-Dollar Risikokapital in den Kontinent.

Wie passt das zusammen – der Aufbruch und der Hunger? Und könnte im einen die Lösung für das andere liegen?

Nicht die Deutschen bringen die Lösung

Dieser Frage gehen der stern und die Deutsche Welthungerhilfe in einem einzigartigen Projekt nach. Über drei Jahre hinweg wollen wir am Dorf Kinakoni genau untersuchen, welche Gründe der Hunger hat, und gemeinsam mit den Bewohnern Maßnahmen entwickeln, um langfristig dagegen vorzugehen.

Ein typisches Bild in Kinakoni: die Hütten einer Familie, umgeben von Feldern. Ältere Kinder schlafen häufig in eigenen Hütten
Ein typisches Bild in Kinakoni: die Hütten einer Familie, umgeben von Feldern. Ältere Kinder schlafen häufig in eigenen Hütten
© Jonas Wresch

Der wichtigste Punkt dabei: Nicht wir, die Deutschen aus dem fernen Europa, sagen, wie es zu laufen hat. Ziel ist es, mithilfe der Ideen von Gründerinnen und Gründern der Start-ups aus Nairobi Lösungen für die Probleme Kinakonis zu finden, die dann auch in anderen Dörfern umgesetzt werden können. Mit an Bord ist der Frankfurter Risikokapitalgeber GreenTec Capital, der gute Kontakte in die Start-up-Szene der kenianischen Hauptstadt hat.

Wir wollen Sie mit auf die Reise nehmen. Lernen Sie die Menschen aus Kinakoni kennen, ihre Geschichten, ihre Probleme, ihre Hoffnungen. Lernen Sie das Projektdorf kennen, wo an einem Mittwoch Ende Juni dieses Jahres alles begann.

Dorfbewohner sitzen um eine Karte und planen
In einem Workshop diskutieren Dorfbewohner anhand einer Karte über die Herausforderungen ihrer Heimat
© Jonas Wresch / stern

Etwa 50 Einwohner Kinakonis haben sich an diesem Tag im Schatten einiger Akazien gleich neben einem großen Felsen versammelt. Sie sind gekommen, um mit einem Team von stern und Welthungerhilfe über das anstehende Projekt zu diskutieren, über die Probleme und Chancen, die ihre Heimat hat.

Kinakoni liegt 250 Kilometer südöstlich von Nairobi inmitten einer weiten Ebene. Zunächst geht es über mehrspurige Highways, zuletzt über staubige Pisten. Es ist eine trockene Savannenlandschaft, die viel von einem Bilderbuch-Afrika hat.

Akazien, Baobabs und Büsche wachsen zwischen den Hütten und Feldern der Familien, ein teils ausgetrockneter Fluss schlängelt sich durch die Ebene. Etwa 5000 Menschen leben hier. Geprägt wird Kinakoni durch mehrere hohe Felsen. Von dort oben geht der Blick Dutzende Kilometer weit, bis er sich im Dunst verliert.

Die Dorfbewohner zeichnen ihre Heimat nun in die Erde. Mit Farben, Blättern, Früchten markieren sie die Schulen ihres Ortes, den Markt, die Straßen – mit dem Ziel, die Probleme zu priorisieren.

Es ist eine lebhafte Diskussion. Die von der Dorfgemeinschaft delegierten Männer und Frauen stehen mal in Gruppen zusammen, mal im Halbkreis um die Dorfkarte, der Moderator des Workshops verdichtet die Gedanken an einem Präsentations-Board.

Das Leben war nie einfach – aber das Klima berechenbarer

Auch Makali Kilii, der Bauer mit dem vertrockneten Feld, ist gekommen. Kilii ist ein stiller Mann, er hält sich im Hintergrund, dabei hat er das gleiche Problem wie fast alle hier: Er weiß kaum mehr, wie er seine Familie ernähren soll.

Makali Kilii, 46, und seine Frau Lina, 40, haben sieben Kinder. Der Jüngste ist fünf, die Älteste 21 – sie hat schon selbst ein Baby. Sie alle leben in mehreren aus Lehmziegeln gebauten Hütten in der Mitte von Kinakoni. Dazwischen laufen ein paar dürre Hühner und streunende Hunde herum, in den Büschen haben sich Fetzen von Plastiktüten verfangen. Unter einem Baum liegt ein Haufen Steine, daneben ein Mopedpedal: Mit diesem improvisierten Hammer zerkleinert Lina Kilii die größeren Brocken zu Kies – und verschafft der Familie so zumindest ein kleines Einkommen.

Das Leben in Kinakoni war nie einfach. Die Landschaft ist karg, es gibt kaum Jobs, die meisten Menschen leben von der Hand in den Mund. Auch früher gab es schon Hungerjahre. Doch das Klima war berechenbarer. In guten Jahren verdienten die Kiliis durch den Verkauf von Gemüse vom Feld etwas dazu. In normalen Jahren reichten die Erträge, um alle Familienmitglieder zu ernähren. Und in schlechten Jahren, wie sie jetzt immer häufiger auftreten?

"Wir essen nur noch einmal am Tag, am Abend. Am Morgen gibt es nur Tee. Mittags nichts", erzählt Kilii. Er beschreibt damit, was Hungerexperten Bewältigungsstrategien nennen. Mahlzeiten auszulassen gehört immer dazu. Wenn zusätzlich die Nahrung sehr einseitig ist – im Falle der Menschen von Kinakoni ist das häufig Ugali, ein Maisbrei –, nimmt die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit rapide ab.

Und Hunger ist ein zäher Gast. Hat er sich einmal des Körpers bemächtigt, wütet er dort lange, auch dann noch, wenn es wieder genug zu essen gibt. "Hunger betrifft praktisch alle Organe. Man sollte eher fragen: Gibt es einen Teil des Körpers, der nicht durch Hunger angegriffen wird?", sagt Michael Krawinkel. Der Kinderarzt und ehemalige Professor für Ernährung des Menschen an der Universität Gießen ist eine Kapazität in Sachen Mangelernährung und berät auch die Welthungerhilfe.

Eiweißmangel bewirkt zum Beispiel, dass Fette im Herzmuskel nicht mehr mobilisiert und zur Energiegewinnung genutzt werden können. Stattdessen lagert sich zu viel Fett in den Herzmuskelzellen ab. Unter anderem deshalb entwickeln unterernährte Kinder oft eine Herzschwäche.

Hunger schädigt den Menschen noch Jahre später

Ohnehin leiden die Jüngsten am schlimmsten: Ihr Körper muss wachsen und benötigt pro Kilo Eigengewicht mehr Nährstoffe. Und ist etwa die Leber erst einmal vom Hunger geschädigt, wachsen auch die Knochen nicht mehr richtig.

Forscher sprechen dann von "Stunting", einer ernährungsbedingten Wachstumsverzögerung. Die betroffenen Kinder liegen oft Jahre hinter ihren Altersgenossen zurück. Auch in Kinakoni fällt auf, wie klein viele Kinder sind – ein Eindruck, den Statistiken belegen: In manchen Gegenden des County Kitui ist fast die Hälfte der Kinder von Stunting betroffen.

Wird durch den Hunger der Wachstumsschub in der Pubertät ausgebremst, bleiben sie auch als Erwachsene klein. "Früher dachte man etwas verharmlosend, Stunting sei ein Anpassungsprozess des Körpers an schlechte Zeiten", sagt Kinderarzt Krawinkel. "Heute wissen wir, dass bei Kindern mit Stunting auch die Sterblichkeit höher ist."

Auch Makali und Lina Kilii haben schon ein Kind verloren. Der 1997 geborene Jonas starb nach nur vier Monaten; der genaue Grund ist unklar, er sei schwach gewesen, erzählen die Eltern. Die anderen Kinder der Familie wirken klein, zu klein für ihr Alter – auch hier wohl: Stunting.

Die Regenzeiten sind aus dem Rhythmus gekommen

Mit den Erträgen des Feldes die Familie zu ernähren, das war in Kinakoni nie einfach, "doch früher war auf die Regenfälle mehr Verlass", sagt Kilii. Er sitzt im Schatten vor einer seiner Hütten, die älteren Kinder zu seinen Füßen. Sie hören, wie ihr Vater von seiner Kindheit erzählt. Es könnte für sie wie aus dem Märchenbuch klingen.

"Wenn im März die ersten Regenfälle kamen, dann haben wir ausgesät. Die Pflanzen wuchsen, man musste nicht viel tun."

Der aus dem Rhythmus gekommene Wechsel von Regen- undTrockenzeiten ist einer der Gründe für die Rückkehr des Hungers in Ostafrika. Normalerweise sind hier zwei Ernten möglich. Eine in Juli und August, eine weitere Januar und Februar, jeweils nach den Regenzeiten.

Die aktuelle Ernte allerdings ist nahezu komplett verloren, die Prognose für die kommende sieht kaum besser aus. Meteorologen sehen eine länger anhaltende Dürre voraus – schon Anfang September hat Kenias Präsident Uhuru Kenyatta deshalb den Katastrophenfall ausgerufen. In den am stärksten betroffenen Gebieten im Norden des Landes oder im County Tana River verenden bereits die Herden der Nomaden. Dürren gab es in Ostafrika immer – doch sie folgen heute viel dichter aufeinander als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Und es ist nicht nur der ausbleibende Regen, der die Menschen trifft. Seit zwei Jahren verheeren riesige Heuschreckenschwärme die Region. Dahinter steht eine Kettenreaktion, die begann, als es 2018 auf der Arabischen Halbinsel ungewöhnlich stark regnete, wo sich dann die Schwärme der gefräßigen Insekten entwickelten, die mit den Winden nach Afrika getrieben wurden. Und hinter diesem Regen in der Wüste steckte, so urteilen Experten, auch wieder der Klimawandel.

Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.
Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.

Hinzu kommt, dass die Lockdowns der Corona-Pandemie die Einkommen vieler Familien einbrechen ließen. Die Impfquote in Kenia ist wegen fehlender Vakzine dramatisch niedrig; nicht einmal drei Prozent der Bevölkerung sind geimpft. Die Folgen zeigen sich in den Armenvierteln der Städte – aber auch auf dem Land wie in Kinakoni. Denn viele Familien hier haben einen Vater, einen Onkel, einen Bruder, der in Nairobi oder Mombasa arbeitet: als Maurer oder Fahrer, als Tagelöhner oder in den Küchen von Restaurants oder Hotels. Und der nun kein Geld mehr schickt, sondern selbst versorgt werden muss.

Josephine Mbuvi auf dem Dorffelsen Ndui. Sie steht Kinakoni vor. Das Gehalt reicht aber kaum für die Ausbildung ihrer Kinder
Josephine Mbuvi auf dem Dorffelsen Ndui. Sie steht Kinakoni vor. Das Gehalt reicht aber kaum für die Ausbildung ihrer Kinder
© Jonas Wresch

Josephine Mbuvi, die als "Village administrator" Kinakoni vorsteht, erzählt, dass sie seit Monaten nun schon ihrem Mann, der auf dem Bau in der Küstenstadt Malindi arbeitet, Geld schicken muss – eigentlich war es umgekehrt geplant.

Mbuvi, 40, gehört zu den Männern und Frauen aus Kinakoni, die wir durch die drei Jahre begleiten wollen. Sie ist eine beeindruckende Selfmade-Frau, die es geschafft hat, sich auf den Posten der Bürgermeisterin vorzuarbeiten – und die trotzdem kaum das Essen für ihre Kinder bezahlen kann.

Kavatha Katithi mit den drei Kindern vor ihrer Hütte. Armut und Mangelernährung prägen ihren Alltag – wie den der meisten Menschen in Kinakoni
Kavatha Katithi mit den drei Kindern vor ihrer Hütte. Armut und Mangelernährung prägen ihren Alltag – wie den der meisten Menschen in Kinakoni
© Jonas Wresch

Kavata Katithi ist die Nachbarin von Malaki und Lina Kilii. Die 36-Jährige muss ihre drei Kinder allein großziehen – kein ungewöhnliches Schicksal. Immer wieder verlassen Männer die Frauen, sobald diese schwanger werden – Familienplanung mit Verhütungsmitteln gibt es so gut wie nicht. Katithi arbeitet sechs Tage in der Woche auf dem Markt von Kinakoni in einer kleinen Metzgerei. Damit verdient sie pro Tag etwa zwei Euro. Das reicht kaum, um die Familie durchzubringen. Erschwerend kommt hinzu, dass Duncan, 14, ihr Ältester, entwicklungsgestört ist – für eine geeignete Schule aber fehlt ihr das Geld.

Peter Mulwa ist Imker – so wie schon sein Vater und sein Großvater. Etwa 20 Männer in Kinakoni verdienen ihren Lebensunterhalt mit den Bienen. Dreimal im Jahr hängt Mulwa ausgehöhlte Baumstammstücke in die Akazien. Dort nisten sich die Insekten ein. Nach mehreren Wochen "erntet" er den Honig in einer abenteuerlichen nächtlichen Aktion ohne Schutzanzug. Der Honig schmeckt dank der Akazien intensiv und würzig – doch viel Geld verdient er damit nicht. Das meiste streichen die Zwischenhändler ein.

Peter Mulwa zündet Holzstücke an, um mit dem Rauch die Bienen zu vertreiben und so ihren Honig ernten zu können
Peter Mulwa zündet Holzstücke an, um mit dem Rauch die Bienen zu vertreiben und so ihren Honig ernten zu können
© Jonas Wresch

Jeremiah Mbai kämpft mit anderen Sorgen. Er ist 19 und geht in die Abschlussklasse der weiterführenden Schule von Kinakoni – wenn er denn geht. Denn immer wieder darf Jeremiah nicht zur Schule, weil seiner Mutter das Geld für die Gebühren fehlt. Die achte Klasse, die letzte der Grundschule, hat er wiederholen müssen. Nicht wegen schlechter Leistungen, sondern aus Geldmangel. Seine beiden älteren Brüder waren damals schon auf der teureren Secondary School, und die Mutter konnte nicht das Schulgeld für alle drei auftreiben. Das Tragische daran: Jeremiah ist mit Abstand der Beste seines Jahrgangs.

Jeremiah Mbai in der Schule von Kinakoni. Das schmale Bett teilt er sich mit einem Klassenkameraden, sie schlafen Kopf an Fuß – nur so reicht der Platz
Jeremiah Mbai in der Schule von Kinakoni. Das schmale Bett teilt er sich mit einem Klassenkameraden, sie schlafen Kopf an Fuß – nur so reicht der Platz
© Jonas Wresch

Der stern und die Welthungerhilfe bilden sich nicht ein, mithilfe der Start-ups aus Nairobi all diese Probleme lösen zu können, mit denen sich schon seit Jahrzehnten Regierungen, Entwicklungsagenturen und Hilfsorganisation herumschlagen.

Aber wir werden einiges anders machen als üblich in der Entwicklungszusammenarbeit, und wir wollen Sie regelmäßig an unserer Arbeit teilhaben lassen. Denn auch das ist unser Ziel: Die Themen Hunger und Entwicklungszusammenarbeit müssen wieder auf die Agenda. Gemeinsam wollen stern und Welthungerhilfe über Methoden, Ansätze, Innovationen aufklären. Auch darüber, dass das Afrika des Jahres 2021 nicht das Afrika von 1980 ist, dass den Problemen auch Chancen gegenüberstehen.

 

Vielleicht steht keine Stadt so für dieses andere Afrika wie Kenias Hauptstadt Nairobi – die Heimat der Jungunternehmerin Anne Nderitu.

Wir treffen Nderitu im Büro ihrer Firma im Zentrum Nairobis. Draußen drängen sich Menschen, Autos, Taxis auf den Straßen, das übliche Chaos der Millionenstadt. Auch hier drinnen wuselige Geschäftigkeit: Kabel und Werkzeuge liegen zwischen den Laptops, der Konferenztisch dient als Werkbank. Darauf liegt ein gut zwei Meter langes Flugzeug aus Holz, Plastik und Elektronik – eine Drohne, von Nderitus Team selbst entwickelt.

Das andere Afrika

Nderitu, 26, wache Augen, gewinnendes Lächeln, ist eine der drei Gründerinnen und Gründer von Swift Lab, einem kenianischen Start-up, das solche Flugobjekte einsetzt, um damit Felder zu vermessen oder Medikamente zu transportieren.

Katastrophen, Kriege und Krisen – das ist der Dreiklang, den noch immer viele mit dem Kontinent verbinden. Daran ist nicht alles falsch, wie das Beispiel Kinakoni zeigt. Aber es gibt eben auch das andere Afrika. Städte wie Nairobi sind geprägt von einer jungen urbanen Elite, die sich, kaum anders als ihre Altersgenossen in Europa, Asien und Amerika, per App das Uber-Taxi oder das Essen bestellen, die mit dem Pitch beim Geldgeber kämpfen statt mit der Ernte auf dem Maisfeld.

"Ich ärgere mich wahnsinnig über die Klischees, die über Afrika in Umlauf sind", sagt Jungunternehmerin Nderitu. "Als ob hier alle Frauen ständig nur Wassereimer auf dem Kopf balancieren würden!"

In Kenia begann der digitale Aufbruch vor etwa 15 Jahren. Die von einheimischen Programmierern entwickelte Plattform Ushahidi half nach der Wahl 2007, Übergriffe gegen Oppositionelle zu dokumentieren. Fast gleichzeitig kam M-Pesa auf den Markt: ein System, um mit dem Handy zu bezahlen. Heute kann man damit an jedem Kiosk selbst in den Slums seine Cola kaufen.

Nderitu beschäftigt in ihrer Firma derzeit neun Männer und Frauen, weitere sollen bald folgen. Drohnen gelten in Afrika als Zukunftsbranche. Gerade in Gegenden, in denen es kaum Straßen gibt, lassen sich mit ihnen günstig kleinere Lasten transportieren.

Anne Nderitu(l.) und eine Mitarbeiterin ihrer Firma "Swift Lab" zeigen eine selbst designte Drohne. Das Start-up ist eines von Hunderten in Nairobi. Deren Ideen sollen auch in Kinakoni helfen
Anne Nderitu(l.) und eine Mitarbeiterin ihrer Firma "Swift Lab" zeigen eine selbst designte Drohne. Das Start-up ist eines von Hunderten in Nairobi. Deren Ideen sollen auch in Kinakoni helfen
© Jonas Wresch

Das meiste Geld verdient das Team derzeit noch mit Agrar- undKartierungsaufträgen. Behörden buchen die Swift-Lab-Leute zum Beispiel, um von Cholera besonders gefährdete Gebiete zu lokalisieren – aus der Luft lässt sich erkennen, wo sich verschmutztes Wasser sammelt, wo sich also die Cholera-Bakterien entwickeln können. Oder die Miniflugzeuge verteilen Pestizide, das ist günstiger und sicherer, als wenn Arbeiter mit den Giftstoffen hantieren.

Die Fluglizenz für die kleineren Helikopterdrohnen erwarb Anne Nderitu auf einer Akademie in Malawi. Zurück in Kenia, bekam sie auch jene für die großen Drohnen mit Flügeln – als erste Frau in Kenia.

Und nun sollen die Drohnen von Nderitus Firma auch in Kinakoni zum Einsatz kommen, genauso wie die Ideen anderer Gründerinnen und Gründer. Die Fluggeräte sollen unter anderem dabei helfen, die besten Flächen für Gemüse oder Früchte zu finden.

Das Wasser-Problem wird angepackt

Aber erst einmal wird es um etwas anderes gehen: um Wasser. Denn genau das haben Makali Kilii, Kavatha Katithi und die anderen Menschen aus Kinakoni im Workshop als ihr drängendstes Problem analysiert. Nach drei Tagen des Diskutierens, des Sammelns und Verwerfens stand "Water" ganz oben auf der Liste des Workshops. Vor Gesundheit, Bildung, Jobs.

Eine bessere Versorgung mit Wasser wird also das erste Ziel unseres Projektes sein. Eine wichtige Rolle werden dabei die Reservoire in den Felsen von Kinakoni bilden, in denen das Wasser der Regenzeit gesammelt wird. Um dieses Wasser auch für die Trockenzeiten besser speichern zu können, entstehen gerade unten in der Ebene Tanks – unter tatkräftiger Hilfe der Menschen aus Kinakoni.

Der erste Schritt: In Tanks soll das Wasser, das während der Regenzeiten an Felsen abläuft, gespeichert werden. Ein Modell, das auch bei spärlichem Niederschlag funktioniert
Der erste Schritt: In Tanks soll das Wasser, das während der Regenzeiten an Felsen abläuft, gespeichert werden. Ein Modell, das auch bei spärlichem Niederschlag funktioniert
© Marc Goergen

Die Tanks sind die Grundlage für alles Weitere, sie beruhen auf Erfahrungen, die das Team der Welthungerhilfe anderswo in der Wasser-versorgung sammeln konnte. Denn genau darum geht es in dem Projekt Kinakoni: Erfahrungen auszutauschen, Neues zu wagen – gemeinsam mit den Menschen, die es betrifft.

Nicht alles wird funktionieren, doch vieles schon, davon sind wir überzeugt. Es ist eine Reise, deren exakte Route noch niemand kennen kann, aber die Sache ist es wert. Kommen Sie mit, begleiten Sie uns und die Menschen aus Kinakoni.

Mitarbeit: Nicole Heißmann. Factchecking: Michael Lehmann

Wie wurde Kinakoni ausgewählt? Wer arbeitet vor Ort? Hier finden alle Infos und Hintergründe zum Projekt.

Die Menschen in Kinakoni und in anderen Dörfern freuen sich über Ihre Unterstützung. Hier können Sie direkt spenden.

Fragen, Anregungen, Kommentare? Schreiben Sie uns: kinakoni@stern.de


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