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Landeschef der Welthungerhilfe Hunger und Dürre in Kenia – "Wir sehen beängstigende Trends"

Verendete Rinder im kenianischen County Tana River
Verendete Rinder im kenianischen County Tana River
© Frederik Lermeryd
Die Lage ist dramatisch. Mehr als zwei Millionen Menschen sind in Kenia von Dürre und Hunger betroffen. Was erwartet das Land in den nächsten Monaten? Ein Gespräch mit Kelvin Shingles, dem Landesdirektor der Welthungerhilfe.

Wir sehen wieder Bilder aus Kenia von verdorrten Landstrichen, von verendeten Tieren, von Menschen, die weite Wege gehen müssen, um Wasser zu finden. Wie dramatisch ist die Lage?

Vor einigen Wochen schon hat Kenias Präsident Kenyatta aufgrund der Dürre in einigen Teilen des Landes den nationalen Katastrophenfall ausgerufen – das zeigt, dass die Regierung den Ernst der Lage erkannt hat. In der Hälfte aller Counties ist die Situation im Moment kritisch.

Kam das plötzlich?

Nein, das hat sich angekündigt. Schon die Regenzeit Ende 2020 war schlecht, die anschließenden „Long Rains“ – die große Regenzeit von März bis Mai – sind in manchen Gegenden fast komplett ausgefallen.

Kelvin Shingles, gebürtiger Neuseeländer, arbeitet seit vielen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit in Ostafrika. Seit 2019 ist er Landesdirektor der Welthungerhilfe in Kenia
Kelvin Shingles, gebürtiger Neuseeländer, arbeitet seit vielen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit in Ostafrika. Seit 2019 ist er Landesdirektor der Welthungerhilfe in Kenia
© Welthungerhilfe

Was heißt das konkret?

Zurzeit ist die Ernährungslage von 2,2 Millionen Menschen kritisch und wir erwarten, dass die Zahl weiter ansteigt. 650.000 Kinder unter fünf Jahren sind unterernährt.

Wie ist die Lage in den Nachbarländern?

In Uganda gab es Überschwemmungen, in Somalia wiederum breitet sich die Dürre aus – aber die Lage dort ist noch nicht so dramatisch. Es ist vor allem der Norden Kenias, der zurzeit leidet. Die Herden der dort lebenden Nomaden finden kaum mehr Futter, Tiere irren auf der Suche nach Wasser umher, viele sind schon gestorben.

Besteht die Gefahr, dass Menschen verhungern könnten?

Wir sehen beängstigende Trends. In der Region Turkana sind mittlerweile 20 Prozent der Menschen akut unterernährt – normalerweise gelten 15 Prozent als Grenze zum Notfall. Die Lage ist auch deswegen so dramatisch, weil die aktuelle Krise auf anderen aufbaut. Da sind die Heuschreckenschwärme der vergangenen Jahre, die Überflutungen, unter der manche Gegenden 2019 litten, dann natürlich die Einkommensausfälle durch die Covid-19-Pandemie. Das hat die Widerstandsfähigkeit der Menschen geschwächt. Sehr viele Familien müssen schon lange mit einem Essen am Tag zurechtkommen.

Jetzt im November setzen normalerweise in vielen Gegenden Kenias die „Short rains“ ein – die zweite Regenzeit. Wird das die Lage verbessern?

Viele Menschen hoffen darauf. In einigen Gegenden hat es auch schon geregnet – aber bei weitem nicht genug. Wenn das so bleibt, wird sich die Krise deutlich verschärfen: Wir werden noch viel mehr direkte Lebensmittelhilfe unter den Menschen verteilen müssen.

Gibt es Vorhersagen über den wahrscheinlichen Verlauf der kommenden Regenzeit?

Meteorologen gehen davon aus, dass es wenig Regen geben wird, besonders in den schon jetzt von Dürre betroffenen Counties im Norden. Die Lage ähnelt der der letzten großen Dürre 2017. Das Tragische war damals: Wenn es regnete, dann wolkenbruchartig. Die kurzfristigen Überschwemmungen führten bei den ohnehin geschwächten Tieren zu Krankheiten, viele starben.

Sie kennen Kenia und die Ernährungslage des Landes seit vielen Jahren – werden Dürren häufiger?

Auf jeden Fall. Wir sehen die Folgen des Klimawandels. Erst 2017 und 2018 hatten wir eine große Dürre in der Region, damals waren 20 Millionen Menschen betroffen.

Je nach Provinz betreiben die Menschen auf dem Land in Kenia mehr Viehzucht oder Ackerbau. Wer leidet stärker?

Die Viehhirten sind immer die ersten, die in Not geraten – sie müssen weite Wege gehen, um Wasser oder Weideflächen zu finden. Manchmal müssen sie über Monate umherziehen. Aufgrund der knapper werdenden Ressourcen kommt es dabei auch zu Konflikten.

Frauen und Kinder bleiben allein in den Dörfern zurück?

Genau. In manchen Orten gibt es kaum noch Männer. Entweder weil sie mit den Herden auf der Suche nach Weidegründen unterwegs sind. Oder weil sie versuchen, in einer der großen Städte Arbeit zu finden. Ohne Tiere fehlt vielen Familien auch Milch – eine wichtige Nährstoffquelle für Kinder.

Wenn der Klimawandel dazu führt, dass die trockenen Landstriche Kenias noch trockener werden – macht es noch Sinn, dort zu versuchen, Viehzucht oder Ackerbau zu betreiben? Verlieren Menschen ihre Heimat?

Das ist eine gute Frage. Wir sehen jetzt schon, wie Lebensweisen verschwinden – viele junge Menschen zieht es in die Großstädte, wo sie häufig als Tagelöhner enden. Wenn der Klimawandel so fortschreitet, haben die Viehnomaden im Norden Kenias keine Zukunft mehr.

Eine jahrhundertealte Lebensweise wird zerstört.

Ja. Ich selbst habe einige Familien von Vierhirten in letzter Zeit besucht – und viele hatten überhaupt keine Tiere mehr. Sie leben von Almosen, von der Hilfe ihrer Nachbarn.

Hat Kenia genügend landwirtschaftliche Ressourcen, um seine Menschen zu ernähren?

Nein. Der Agrarsektor trägt zwar 26 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei – aber es reicht nicht aus, um alle satt zu machen. Der Mais für das Grundnahrungsmittel Ugali wird zum Beispiel zum Großteil importiert.

Im nächsten Jahr wird in Kenia gewählt. Könnten Dürre und Hunger eine gefährliche Stimmung heraufbeschwören? Könnte es zu Unruhen kommen wie etwa 2007/2008, als mehrere hundert Menschen starben?

Schwer zu sagen. Wir sehen jetzt gerade, dass sich Abgeordnete um einzelne Dörfer oder Städte besonders kümmern, etwa Lastwagen mit Wasser organisieren. Das klingt natürlich erst einmal gut – man muss aber im Kopf haben: Dahinter steckt immer auch Politik. Dort wird um Wähler geworben – mit Wasser.

Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.
Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.

Der Hunger kehrt zurück – mehr als 40 Millionen Menschen sind weltweit akut betroffen. Der stern und die Welthungerhilfe begleiten in einem einzigartigen Projekt das Dorf Kinakoni in Kenia, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort und Start-ups aus Nairobi Lösungen zu finden. Hier finden Sie alle Hintergründe.


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