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Arbeitsmarkt: Lehrstellensuche - 45.000 Einzelschicksale

Ob das Ziel, jedem Bewerber einen Ausbildungsplatz anbieten zu können, bis Ende September noch erreicht werden kann, bleibt angesichts der Stimmungslage in der Wirtschaft äußerst fraglich.

Drei Monate vor dem Ende des Schuljahres haben in Bayern noch rund 45.000 junge Menschen keine Lehrstelle. Für sie stehen gerade mal 23.000 noch nicht besetzte Ausbildungsplätze zur Verfügung. "Das heißt nicht, dass im Herbst gut 20.000 Schulabgänger auf der Straße stehen", betont Franz Prast, Geschäftsführer Operativ der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit (BA). "Wir müssen gemeinsam versuchen, die Schere zwischen Lehrstellenangebot und -nachfrage zu schließen", appelliert Prast an die Arbeitgeber.

Ob das Ziel, jedem Bewerber zumindest rein rechnerisch einen Ausbildungsplatz anbieten zu können, bis Ende September noch erreicht werden kann, bleibt angesichts der allgemeinen Stimmungslage in der Wirtschaft äußerst fraglich. Unternehmer und ihre Verbände machen nicht nur die schwache Konjunktur für die erneute Verschlechterung auf dem Lehrstellenmarkt verantwortlich. Der Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren in Bayern, Klaus Stieringer, sieht in der Debatte über die Ausbildungsplatzabgabe die Ursache für eine "kollektive Verunsicherung". "Abwarten!" laute die Parole bei vielen Arbeitgebern: "Wir machen erst einmal gar nichts."

Besonders prekär ist die Situation in Oberfranken

Die Zahlen der Regionaldirektion bilden nur etwa zwei Drittel des Lehrstellenmarktes im Freistaat ab. "Nicht alle Betriebe melden freie Lehrstellen den Agenturen für Arbeit - nicht alle Bewerber schalten unsere Vermittler ein", schätzt Prast. Die Zahlen müssen auch regional differenziert betrachtet werden. Lediglich drei der 27 Agenturbezirke im Freistaat melden für das laufende Berufsberatungsjahr mehr Lehrstellen als Bewerber. Besonders prekär ist die Situation in Oberfranken, der nördlichen Oberpfalz und in Teilen Mittelfrankens.

Im Agenturbezirk Weißenburg müssen sich derzeit rein rechnerisch vier junge Menschen einen Ausbildungsplatz teilen. In Bamberg, Weiden, aber auch in Augsburg liegt das Verhältnis bei drei zu eins. "Es geht nicht nur um Statistiken, es geht um Existenzen, um die Schicksale junger Menschen", erinnert Wirtschaftsjunior Stieringer seine Unternehmerkollegen an ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung, aber auch an ihre eigene Zukunft: "Ausbildung ist die wichtigste Zukunftsinvestition eines Betriebes."

Gegen das kollektive Jammern ankämpfen

Der Weißenburger Turbinenhersteller Karl-Friedrich Ossberger zählt zu den Betrieben, die gegen "das kollektive Jammern" ankämpfen. Ungeachtet der Debatten über "die leidige Ausbildungsplatzabgabe", die schwierige konjunkturelle Lage oder den demographischen Wandel hält der Vorzeigeunternehmer seine Ausbildungsquote seit Jahren konstant bei rund 12 Prozent. "Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren und jetzt in Ausbildung und damit in unsere Zukunft investieren, damit wir auch in 10 Jahren noch qualifizierte Mitarbeiter haben", warnt der Mittelständler vor dem "Quartalszahlen-Denken" in vielen Aktiengesellschaften, "bei denen alle zwei Jahre ein neuer Vorstand kommt".

Nachwuchssorgen und Fachkräftemangel kennt der Weltmarktführer von Stromaggregaten für regenerative Energien nicht. Im Gegenteil: Wer wie Ossberger über den eigenen Bedarf hinaus ausbildet, kann naturgemäß nicht jeden Lehrling übernehmen. "Die jungen Menschen, aber auch ihre Eltern müssen umdenken. Sie müssen erkennen, dass Ausbildung eine Chance ist, keine Garantie. Eine abgeschlossene Ausbildung als solche ist ein Wert."

"Wer heute ausbildet, der schafft sich den Berufsnachwuchs für morgen"

Prast erinnert daran, dass die Zahl der Schulabgänger schon vom Jahr 2006 an stark zurückgehen wird. "Unter den 45.000, die in diesem Jahr noch keine Lehrstelle haben, sind viele qualifizierte und motivierte Bewerber", betont Prast. Diesen jungen Menschen müsse eine Chance zum Einstieg in das Berufsleben gegeben werden. Für die Unternehmen gilt aus seiner Sicht: "Wer heute ausbildet, der schafft sich den Berufsnachwuchs für morgen." Umgekehrt gelte für gut ausgebildete junge Fachkräfte, die nach der Lehre nicht gleich übernommen werden: "Wenn die Konjunktur anspringt, sind sie die ersten, die eine Stelle bekommen."

Manfred Präcklein, dpa