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Bergbauschaden: Die Rache des Berges

150 Jahre Kohleabbau haben Spuren hinterlassen. Das Ruhrgebiet wurde tiefer gelegt. So versanken Anfang 2000 zwei Garagen in einem Riesen-Krater. Die Ursache: Alte Kohleflöze sind eingebrochen.

Wenn Werner Müller, Chef der Ruhrkohle AG, in sein Essener Büro möchte, steigt er in den Aufzug und fährt in den 22. Stock. Vor einigen Jahrzehnten hätte er bereits im 14. Stock aussteigen können, um die gleiche Höhe über Normalnull zu erreichen. Denn der Steinkohlebergbau, den die Konzerntochter DSK betreibt, hat die ganze Stadt um 24 Meter abgesenkt. Insgesamt haben die Kumpel in 150 Jahren Bergbau zehn Milliarden Kubikmeter Material unter dem Ruhrgebiet rausgeholt

Wenn die Kohle abgeräumt ist, stürzt das darüber liegende Gestein in die Hohlräume. Selbst aus 1000 Meter Tiefe kommen rund 80 Prozent der Bergsenkung an der Oberfläche an. Häuser werden gezerrt und gepresst, Wände reißen, Grundwasser fließt in Keller. Allein 173 Pumpwerke sorgen dafür, dass Essen nicht unter Wasser steht. Sechs Euro pro Tonne Steinkohle kostet es, die Schäden zu reparieren, neue Häuser zu bauen, Deiche aufzustocken und zu pumpen.

Der Lieblingsfeind der RAG

"Die Akzeptanz des Bergbaus ist in unserer Region völlig weggebrochen, damit hätte ich selbst nicht gerechnet", sagt Klaus Friedrichs aus Voerde. Der Rechtsanwalt leitet die Bürgerinitiative Bergbaubetroffener am Niederrhein (BIB), die größte deutsche Steinkohle-Widerstandsgruppe mit fast 1800 Mitgliedern. Das Ziel der BIB lautet, den Abbau der Zeche Walsum unter dem Rhein sofort zu stoppen. Weil Hochwasser drohe, vor allem aber, weil die Trinkwasserqualität durch Rheinwasser gefährdet sei, das wegen der Senkungen in die Brunnen gerate. Friedrichs fürchtet auch um seinen eigenen Bauernhof, unter dem Kohle abgebaut wird.

Der Anwalt ist der Lieblingsfeind der RAG. "Berufsaktivist" nennt ihn Müller. Der Jurist vertritt zwar nicht die BIB vor Gericht, betreut aber Bergbaugeschädigte. Für einen Klienten aus Dinslaken etwa hat er Reparaturen am Einfamilienhaus für 230.000 Euro erstritten. Mit Friedrichs Anleitung sind die Schäden im Abbaugebiet Walsum leicht zu finden: Er fährt zum Gasthaus Sapp in der Rheinaue nahe der Emscher-Mündung, von dessen Terrasse man einst die Schiffe fahren sah und heute gegen einen acht Meter hohen Deich blickt. Zu dem Einfamilienhaus, dessen Besitzer früher bergauf in die Garage fuhr und nun bergab. Zu dem Eigenheim, das auf einem 1,5 Meter dicken Fundament steht und hydraulisch in der Waage gehalten werden muss.

"Bergbau ist immer mit Schäden verbunden"

Nördlich von Hamm, wo die RAG neue Zechen eröffnen will, liegt die Kohle zwischen 800 und 1500 Meter tief. Die Bergbauschäden wären im Vergleich zu Walsum oder dem arg betroffenen Saarland gering. Je tiefer die Flöze liegen, desto großflächiger und damit weniger stark sind die Senkungen. Außerdem gibt es dort keinen großen Fluß wie den Rhein, und das Gebiet ist dünner besiedelt. "Der Bergbau ist immer mit Schäden verbunden", sagt Emanuel Grün von der DSK. "Aber wir haben das im Griff." Da kann Rechtsanwalt Friedrichs nur lächeln.

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