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Streit beim Fleisch-Konzern Tönnies: Am Ende gewinnt der Anwalt

Der Anwalt Mark Binz profitiert von Streit in großen Familienfirmen. Die Fehde im Metzgerclan Tönnies könnte sein Meisterstück werden.

Von Thomas Steinmann und Jens Brambusch

Familienstreit: Clemens Tönnies und sein Neffe Robert Tönnies vor Gericht

Familienstreit: Clemens Tönnies und sein Neffe Robert Tönnies vor Gericht

Wenn man Clemens Tönnies nach den Kosten des Familienstreits in Deutschlands größtem Fleischkonzern fragt, greift er zum Telefon und wählt die Nummer eines Mitarbeiters. "Hömma, wie viele Seiten dick ist der Familienstreit?", fragt er. Tönnies hört zu, lächelt ungläubig. "Und was hat das bislang gekostet?" Dann legt er auf und sagt: "120 000 Seiten à 300 Euro."

Selten hat ein Streit in einer Unternehmerfamilie in Deutschland so viele Werte verbrannt wie bei Tönnies: das Vertrauen in der Familie, den Frieden im Konzern - und viele Millionen Euro. Profitiert haben andere: vor allem der Anwalt Mark Binz, der den Neffen Robert Tönnies bei den Klagen gegen seinen Onkel vertritt - selbst wenn sich die zerstrittenen Parteien nach mehr als drei Jahren Krieg doch noch auf eine außergerichtliche Lösung einigen sollten.

Wenn es in deutschen Familienunternehmen kracht, ist Binz’ Stuttgarter Kanzlei selten weit weg. Im Streit bei Haribo hat er mitgemischt. Und auch bei Voith, Breuninger, Electronic Partner (EP) und Heitkamp & Thumann. "Mehr als 300 große Fälle" habe er in den vergangenen 30 Jahren betreut, sagt Binz - mit einer Erfolgsquote von "mehr als 90 Prozent". Der 65-jährige Anwalt, der als einer der bekanntesten und bestbezahlten der Republik gilt, brüstet sich damit, ein Friedensstifter und Spezialist für die Bereinigung von Familienstreitigkeiten zu sein.

Zweifel an der Vermittlerleistung

Doch Recherchen von Capital belegen, dass Binz den Streit häufig zunächst sogar anfacht - nicht nur im Fall Tönnies. In E-Mails und Schreiben an Mandanten, die Capital vorliegen, beschreibt der Jurist, mit welchen Methoden er in Familienfehden "Drohszenarien" aufgebaut habe, um den Druck auf die Gegenseite zu erhöhen: von Indiskretionen in der Presse bis hin zu der Drohung, Strafanzeige gegen Vertreter der Gegenseite zu stellen.

Seine Kanzlei, schreibt Binz, sei "wie keine andere in der Republik dafür bekannt, jeden Weg zu Ende zu gehen und auch nicht davor zurückzuschrecken, im Interesse unserer Mandanten Fehlverhalten von Granden der deutschen Wirtschaft notfalls sogar dem Staatsanwalt anzuzeigen". Eine "Hälfte unseres Erfolges" entfalle "auf das Drohszenario, das wir von der ersten Minute an allein durch unsere Einschaltung und unsere vorausgegangenen beruflichen (abschreckenden) Erfolge in anderen Mandaten wie Haribo oder EP aufgebaut haben". Dazu passen die Kriegsmetaphern, die Binz gerne verwendet: In seinen Mails ist die Rede von der "militärischen Ausgangslage", von "Schlachtplänen" und "Kriegskassen".

Selbst im Fall Haribo gibt es Zweifel an Binz’ Vermittlerleistung - obwohl der Anwalt die Einigung zwischen Firmenpatriarch Hans Riegel und seinen Neffen im Jahr 2010 als "Meisterstück" rühmt. Bei Haribo habe er für beide Familien den "Königsweg" gefunden, schrieb Binz vor einigen Monaten an den Unternehmer Ulrich Bettermann. Auch Hans Riegel sei "mit sich im Reinen" gewesen. Für Bettermann, geschäftsführender Gesellschafter eines Familienkonzerns für Gebäudetechnik und Mitbegründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, ist das eine glatte Lüge: "Mein verstorbener Jagdfreund Hans Riegel hat sich viele Jahre über Sie ärgern müssen", schrieb er an Binz zurück.

Auch ein Haribo-Insider sagte gegenüber Capital, Binz habe den Familienkonflikt bei den Riegels erst richtig befeuert: "Er hat alle Tabus gebrochen. Das ging sehr ins Persönliche." Nach Angaben des Firmenkenners sei es am Ende auch nicht Binz gewesen, der die Einigung erreicht habe, sondern ein Partner aus seiner Kanzlei.

Meist knicken die Gegner vor einem Prozess ein

Capital hat Binz schriftlich um Stellungnahme zu seinen Methoden und seinem Geschäftsmodell gebeten. Doch Binz antwortete nicht auf die Fragen. Stattdessen schaltete er vergangene Woche einen Medienanwalt ein. Wenige Tage später sickerte durch, dass es bei Tönnies hinter den Kulissen wieder Einigungsgespräche gibt.

Mit welchen Mitteln er arbeitet, hat Binz selbst im Herbst 2011 in einem Aufsatz im "Unternehmermagazin" erläutert. Der Beitrag mit dem Titel "Lästige Gesellschafter in Familienunternehmen: Opfer und Täter" wirkt wie eine Art Drehbuch für das Vorgehen schwächerer Gesellschafter in Familienkonflikten. Als Instrumente "lästiger Gesellschafter", mit denen der Nerv der Gegenseite getroffen werden und Unruhe ins Unternehmen gebracht könne, listet der Honorarprofessor auf: exzessive Nutzung von Kontroll- und Auskunftsrechten, Anfechtung von Abschlussprüfern und Steuerberatern des Unternehmens, Blockade wichtiger Entscheidungen wie der Bilanzfeststellung, Indiskretionen über Streit im Gesellschafterkreis, anonyme Anzeigen wegen schwarzer Kassen oder geheimer Liechtensteiner Stiftungen. Fast alle Mittel nutzte Binz bereits in den Prozessen bei Tönnies.

Dabei ist es die Ausnahme, dass Binz mit seinen Mandanten vor Gericht zieht. Meist knicken seine Gegner vorher ein, weil sie den Ärger, die Kosten und vor allem die Aufmerksamkeit eines Prozesses scheuen. Viele Streitfälle in Familienfirmen, bei denen der Anwalt mitmischt, werden deshalb gar nicht erst bekannt - es sei denn, Binz sorgt selbst dafür, dass die Öffentlichkeit davon erfährt, um die Gegenseite unter Druck zu setzen.

Erfolgreiche Drohszenarien

So war es etwa im Fall der Düsseldorfer Heitkamp & Thumann Group, einem Firmenverbund aus der Kunststoff- und Metallverarbeitung. Im Jahr 2011 gerieten die Eigentümer Engelbert Heitkamp und sein Cousin Jürgen Thumann aneinander. Heitkamp warf dem früheren BDI-Präsidenten Thumann vor, das gemeinsame Unternehmen nach Gutsherrnart zu seinem Vorteil zu führen. Er engagierte Binz, die Fronten verhärteten sich. Später einigten sich die zerstrittenen Clans – allerdings ohne den Anwalt.

Mitte Mai 2014 flatterte Binz’ Abrechnung auf Heitkamps Schreibtisch. In dem Schreiben brüstete sich der Anwalt, "einen Keil" durch die Gegenseite getrieben zu haben, Drohszenarien aufgebaut und "erfolgreich die Karte 'Manager Magazin' gespielt" zu haben. "Es ist uns gelungen, frühzeitig ein 'Sündenregister' zu entwickeln und dieses wie ein Damoklesschwert über den Köpfen von Herrn Thumann und seiner Mitstreiter baumeln zu lassen." Dann kommt Binz zu seinem Honorar: Sie hätten damals eine Kombination aus Zeithonorar und Erfolgsbonus vereinbart, schreibt er - und rechnet vor: "Wir gehen davon aus, einen Bonus in der Größenordnung von zwei Millionen Euro 'verdient' zu haben."

Im Fall Tönnies wird es ähnlich laufen. Selbst wenn sich Clemens und sein Neffe Robert am Ende doch noch zusammenraufen sollten, sind viele Millionen verloren. Einige davon werden in der Tasche von Mark Binz landen.

Die ganze Geschichte...

... lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von "Capital".

Von:

Thomas Steinmann und Jens Brambusch