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Geldanlage Schein-Tourismus


Legen Sie Ihr Geld doch mal in Indien oder Brasilien an: Banken bieten Schwellenländerfonds, die hohe Renditen versprechen. Eine gute Anlage aber nur für jene, die sich Risiken leisten können.

Wer sein Geld nur in Deutschland anlegt, kann gelegentlich verzweifeln. Die Zinsen - niedrig. Die Börse - mau. Aussichten auf Besserung - keine. Auf der Suche nach höheren Renditen lohnt daher der Blick über die Grenzen. Besonders lukrativ erscheinen Schwellenländer wie Brasilien, China, Indien oder Südafrika. Staaten, die auf dem Sprung zur Industrienation sind. Mit bis zu neun Prozent Wachstum im Jahr liegen sie weit vor Deutschland, das nicht mal auf zwei Prozent kommt. Die Aktienkurse dort klettern seit Jahren. Und die Perspektiven werden von Wirtschaftsexperten als rosig beschrieben.

Auch die Banken haben diese Schwellenländer - im Anlegerdeutsch "Emerging Markets" - entdeckt. Immer häufiger bieten sie ihren Kunden Aktienfonds an, die ausschließlich in den aufstrebenden Regionen investieren, viele mit Erfolg.

So erreichte etwa Gottfried Heller von der Vermögensverwaltung Fiduka mit seinem Schwellenländer-Fonds "Pro Fonds Lux" seit zehn Jahren eine jährliche durchschnittliche Rendite von elf Prozent. Ein Wert, der hierzulande kaum zu erreichen gewesen wäre. Heller: "Wir erleben derzeit die Deindustrialisierung der etablierten Volkswirtschaften und die Industrialisierung der Emerging Markets."

Doch wie lange hält der Boom in diesen Ländern? Lohnt sich ein Investment überhaupt noch? Heller ist davon überzeugt: "Die Börsen der Emerging Markets sind immer noch fast 30 Prozent günstiger bewertet als die entwickelten Märkte in Europa und den USA." Auch politisch seien die Schwellenländer gefestigter als vor einigen Jahren. "Nach der Asienkrise, die 1997 in Thailand begann und fast alle Schwellenländer-Börsen in die Tiefe riss, hat ein Umdenken eingesetzt", sagt Heller. "Um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, wurden Schulden abgebaut und viele Reformen durchgeführt."

Auch Thomas Gerhardt, Leiter Emerging Markets Aktien bei der Fondsgesellschaft DWS, attestiert den Schwellenländern zentrale Bedeutung für das globale Wirtschaftswachstum: "Brasilien ist das Rohstofflager der Welt, China die Werkhalle, Indien die Denkfabrik und Russland die Zapfsäule." Hinzu kommen aufstrebende Länder in Osteuropa wie Polen, Ungarn und Tschechien, die vom EU-Beitritt profitieren.

Doch wer sein Geld in diesen Ländern anlegen will, muss wissen: Die heile Börsenwelt ist verwundbar, und zwar in zweifacher Hinsicht. So ist Asien stark vom Wirtschaftswachstum in China abhängig. Kommt es dort zum Einbruch, drohen die Börsenkurse in der gesamten Region zu fallen. Und sollten die Zinsen in den USA anhaltend steigen, könnten ausländische Investoren ihr Kapital aus den Schwellenländern abziehen und in die wieder höher rentierlichen, sicheren Staatspapiere umschichten.

Gute Gewinnchancen sind eben auch mit größeren Risiken verbunden. Die Kurse in den Schwellenländern schlagen stärker aus als an den etablierten Börsen - derzeit nach oben, aber es kann auch steil abwärts gehen. Zudem können die Favoriten-Märkte schnell wechseln. Das Investieren sollten Anleger also lieber Profis überlassen. Das bedeutet: Nur wer sich richtig gut auskennt oder Geld übrig hat, sollte einzelne Aktien in diesen Ländern erwerben - und sei der Reiz auch noch so groß. Stattdessen bietet sich die Wahl eines weltweit agierenden Schwellenländer-Fonds mit einem erfahrenen Management an.

Risikobereite Investoren können bis zu 20 Prozent ihres Kapitals einsetzen. Sie brauchen Geduld - und Zutrauen in die Prognosen der Experten. Zum Beispiel in die von Goldman Sachs. Die Investmentbank sagt voraus, dass China zur größten Volkswirtschaft aufsteigt, Indien auf Rang drei klettert, Brasilien und Russland auf den Plätzen fünf und sechs folgen. Allerdings nicht morgen, sondern erst im Jahr 2050.

Brasilien

Der größte und bevölkerungsreichste Staat Südamerikas ist ein klassisches Rohstoffland. Es liefert Eisenerz, Kupfer und Öl, außerdem Nahrungsmittel wie Getreide, Sojabohnen und Fleisch. Alles Dinge, die weltweit gefragt sind, vor allem in China. Brasilien ist einer der wichtigsten Handelspartner der Asiaten. Seit fünf Quartalen wächst Brasiliens Wirtschaft, die Exporte verzeichneten 2004 einen Rekordzuwachs von 32 Prozent, und das Haushaltsdefizit konnte binnen eines Jahres fast halbiert werden. Die industriefreundliche Politik von Präsident Lula da Silva hat auch die Investoren überzeugt: An der Börse hat sich der Leitindex Bovespa binnen zwei Jahren nahezu verdreifacht.

Fazit:

Trotz der enormen Kurssteigerungen sind Brasiliens Aktien immer noch günstig bewertet, weil mit den Kursen auch die Unternehmensgewinne Schritt gehalten haben. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn gehört S‹o Paulo zu den billigsten Börsen unter den Schwellenländern. In den Industriestaaten liegt der Wert bei 18. Interessant sind vor allem Rohstoff- und Industrieaktien (Petrobras, Eletrobras) sowie Banken (Banco Itaú, Banco Bradesco).

Südafrika

Nach dem Ende der Apartheid nimmt das Land seit einigen Jahren wieder am Welthandel teil - mit wachsendem Erfolg. Die Börse in Johannesburg startete mit Rekordstand ins neue Jahr. Verantwortlich für den jüngsten Boom am Kap sind vor allem Banken, Industriekonzerne, Einzelhandelsunternehmen und Bierbrauer wie SAB Miller. Sie profitieren vom Bauboom und der Konsumlaune der Bevölkerung. Südafrikas Wirtschaft wächst dank niedriger Zinsen und moderater Inflation so schnell wie seit acht Jahren nicht.

Fazit:

In Südafrika entsteht eine kaufkräftige schwarze Mittelschicht. Für die Fußball-WM 2010 hat die Regierung ein milliardenschweres Infrastrukturprogramm aufgelegt. Die Perspektive ist positiv. Unkalkulierbares Risiko ist jedoch die hohe Aids-Rate in der Bevölkerung.

Osteuropa

In Polen wuchs die Wirtschaft 2004 um 5,4 Prozent, die Industrieproduktion gar um 11,6 Prozent. Analysten rechnen mit ähnlichen Raten in diesem Jahr. In Tschechien hat die Industrie zum Niveau der Europäischen Union aufgeschlossen, bei gleichzeitig deutlich niedrigeren Löhnen. Für Ungarn verteilen die Ratingagenturen Bestnoten an dortige Firmen. Russland, zweitgrößter Ölproduzent der Welt, profitiert von hohen Rohstoffpreisen. Mit einem Wachstum von gut sieben Prozent ist Russland die dynamischste Volkswirtschaft in Europa. Unter den Handelsplätzen der bedeutendsten Schwellenländer ist die Börse Moskau am niedrigsten bewertet.

Fazit:

Die Börsen in Warschau, Budapest und Prag bleiben attraktiv, da diese Länder besonders von der Einbindung in den EU-Raum profitieren und die Konsumneigung der Bevölkerung steigt. In Russland stehen den wirtschaftlichen Chancen politische Risiken gegenüber: Bürokratie und die Angst vor dem Fiskus, der Steuergesetze rückwirkend ändert (Yukos-Affäre), bedeuten Unsicherheit.

Asien

Indien hat wegen des hohen Bildungsstandes immer größerer Teile der Bevölkerung beste Entwicklungsaussichten. Viele sprechen Englisch, das kommt der Dienstleistungsbranche, vor allem der Software-Industrie, zugute. Südkorea steht an der Schwelle zum Industrieland. Der koreanische Aktienmarkt gehört zu den billigsten Börsen in der Welt. China beeindruckt mit jährlichen Wachstumsraten von durchschnittlich neun Prozent. Die hohe Nachfrage nach Öl und Rohstoffen hat allerdings die Preise in die Höhe getrieben und trifft China doppelt: Die Inflation wächst, und die Gewinnmargen der Firmen schrumpfen. Zudem sind die börsennotierten Firmen bereits hoch bewertet.

Fazit:

Südostasien bleibt vorerst dank beeindruckender Wachstumsraten ein interessanter Markt für Anleger. Dabei hängen die Perspektiven dieses Wirtschaftsraumes von der Konjunktur in China ab. Kommt es dort zur Rezession, dürften die Aktienkurse an allen asiatischen Börsen fallen.

Joachim Reuter print

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