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Renten-Prognose: Alt und arm

Neuer Sprengstoff in der Rentendebatte: In 15 bis 20 Jahren sollen bereits zwei Millionen Deutsche unter Altersarmut leiden. Weil diese zukünftigen Ruheständler über die Jahre zu wenig eingezahlt haben, wird ihre Rente nur noch das Niveau der Grundsicherung erreichen.

Zwei Millionen Rentner in Deutschland werden nach einem Bericht des ARD-Wirtschaftsmagazins "Plusminus" im Jahr 2022 von Altersarmut betroffen sein. Dann nämlich wird die Durchschnittsrente auf das Niveau der Grundsicherung gesunken sein, berichtet das Magazin anhand von Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. "Wir werden eine ganz erhebliche Altersarmut bekommen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ulrich Schneider, in der "Plusminus"-Sendung am Dienstag.

20 Prozent von Altersarmut bedroht

Demnach würden in 15 bis 20 Jahren bis zu einem Fünftel der Rentenbezieher arm sein, wenn nicht massiv gegengesteuert wird. Die Gründe dafür sind nicht neu, werden aber in Zukunft immer mehr Menschen direkt betreffen: Die Rentenhöhe sinkt, weil sonst die Beiträge der Arbeitnehmer für die Rentenversicherung auf über 20 Prozent ihrer Gehalts steigen würden. Gleichzeitig gibt es immer weniger "geradlinige Erwerbsbiografien", mit regelmäßigen, womöglich stetig höher werdenden Beiträgen für die Rentenkasse.

Damit heizt der Bericht die Rentendebatte weiter auf. Wer riestert, schenkt sein Geld dem Staat - so der Tenor der Diskussion um die zusätzliche Altersvorsorge. Stein des Anstoßes: Die "Grundsicherung im Alter" von derzeit durchschnittlich 627 Euro. Wer sie beantragt, muss seine Riester-Ersparnisse anrechnen lassen. Riestern helfe deshalb in vielen Fällen nur dem Sozialamt, Kosten zu sparen, lautete die Kritik. Dabei gilt für die Grundsicherung der Rentner nur, was auch schon für Bezieher von Arbeitslosengeld II gilt: Diese Leistungen gibt es erst, wenn das eigene Vermögen aufgezehrt worden ist.

Anreiz zur privaten Vorsorge bricht weg

Doch damit sei der Anreiz, Vorsorge zu betreiben, gleich null, sagt Schneider. Und fürchtet die Folgen: Wenn jetzt auch noch die private Altersvorsorge einbricht, weil den Menschen der Anreiz fehle, würde die Zahl der Altersarmen noch größer - und die Belastung für die Sozialkassen ebenso.

Die Gründe für die anrollende Altersarmut sind klar: Diese liegen sowohl in den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt als auch in den Verschlechterungen im Sozial- und Rentensystem der letzten Jahre. "Geringe oder über Jahre hinweg ganz ausbleibende Lohnsteigerungen, immer mehr Jobs mit Niedriglöhnen, Unterbrechungen im Erwerbsverlauf, lange Auszeiten durch Kindererziehung, zunehmende Teilzeitarbeit, Minijobs, Scheinselbstständigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit und gekürzte Rentenbeiträge bei Hartz-IV-Bezug - da kommt vieles zusammen", sagt Heide Härtel-Herrmann von Frauenfinanzdienst Köln, die seit 21 Jahren Frauen in Sachen Altersvorsorge berät.

Zahl der Grundsicherungsbezieher wird steigen

Dabei sieht es jetzt schon für Neurentner nicht wirklich rosig aus: Wer 2008 in Rente geht, hat nach dem aktuellen Jahresgutachten des Sachverständigenrates nur dann eine Chance darauf, dass seine Rente höher als die Grundsicherung ausfällt, wenn er bisher 25 Jahre in die staatliche Rentenkasse eingezahlt hat. "Bei einem Renteneintritt im Jahr 2030 sind dafür schon 30 Jahre nötig", bestätigt Karin Klopsch von der Deutschen Rentenversicherung Bund gegenüber stern.de. Dabei setzt der Sachverständigenrat das Bruttoeinkommen des "Durchschnittverdieners" bei 29.500 Euro im Jahr an - das sind etwas weniger als 2500 Euro brutto im Monat.

Gerade diese Zahlen untermauern die Position der Rentenversicherung, dass sich - außer reichen Erben und Lottomillionären - niemand leisten kann, auf eine zusätzliche, private Altersvorsorge zu verzichten. Doch auch Schneider findet es deshalb für die allermeisten Menschen sehr vernünftig, wenn sie eine Riester-Rente abschließen würden. "Ich kann nur jedem raten, es zu tun. Wir haben allerdings das Problem, dass in der Tat bei denjenigen, die später außerordentlich kleine Renten haben werden, auch Riestern nicht helfen wird", sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in der Sendung "NDR aktuell".

Appell an die Politik

Schneider appelliert daher an die Politik, das mindestens 50 Prozent der angesparten Erträge anrechnungsfrei bleiben. Dann würde sich Riestern für jeden lohnen. Grundsätzlich sei jeder dazu aufgerufen, rechtzeitig Privatvorsorge zu treffen. Sonst könnte die Beschreibung "deutsch, alt, arm" in wenigen Jahren auf einen erklecklichen Teil der Bevölkerung passen.

Karin Spitra