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Steuerfahndung: Heißer Handel mit der Hitliste

Die Jagd auf Steuersünder könnte schon bald mit einer neuen Liste befeuert werden. Nach Informationen von stern.de ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass demnächst 725 Datensätze der Liechtensteinischen Landesbank in die Hände deutscher Ermittler gelangen könnten.

Von Manuela Pfohl, Liechtenstein

Die Jagd auf Steuersünder in Deutschland könnte schon bald in eine neue Runde gehen. In den vergangenen Tagen ist nach stern.de-Recherchen die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die deutschen Finanzbehörden demnächst einer Liste mit 725 geklauten Kundendaten der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) habhaft werden könnten. Diese enthält möglicherweise Hinweise auf Steuerbetrüger. Nach stern.de-Informationen soll die LLB ein Angebot des in Deutschland inhaftierten Michael F. abgelehnt haben, der über diese Daten verfügt. Das könnte es für Michael F. attraktiver machen, mit den deutschen Behörden zu kooperieren.

Welchen Sprengstoff die noch unbekannte Datenliste bergen kann, hat der Umgang der Ermittler mit der ebenfalls geklauten Datenliste der Liechtensteinischen Global Trust (LGT) in den vergangenen Tagen gezeigt. Deutsche Staatsanwälte und Steuerfahnder verfolgen inzwischen im ganzen Land mutmaßliche Betrüger.

Im Mittelpunkt steht Michael F.

stern.de berichtete in der vergangenen Woche das erste Mal über die Rostocker Konten-Liste. Sie ist laut Rostocker Staatsanwaltschaft im Besitz von Michael F., 48 Jahre alt, mehrfach vorbestraft und derzeit in einem Gefängnis in Mecklenburg-Vorpommern in Untersuchungshaft. Über einen Mittelsmann soll F. vor Jahren von einem früheren Vermögensverwalter der LLB an insgesamt 2325 hochsensible Kundendaten der traditionsreichen Liechtensteinischen Landesbank (LBB) gelangt sein - und anschließend versucht haben, mit diesen Daten viel Geld zu verdienen. Seit 2005 habe er der Bank damit gedroht, wie es von Seiten der Rostocker Staatsanwaltschaft heißt, "Betriebsgeheimnisse zu offenbaren und dadurch für sie nachhaltige Vertrauensverluste in der Öffentlichkeit herbeizuführen." Die Staatsanwälte beschuldigen Michael F., von der LLB insgesamt 13 Millionen Euro im Austausch für die geklauten Kontendaten gefordert zu haben.

Neun Millionen Euro zahlte die Bank Michael F. bereits, um einen Großteil der Daten zurückzukaufen und einen Skandal zu verhindern, wie ihn die Liechtensteinische Global Trust (LGT) gerade erlebt. Bei der hatte ein Mann ebenfalls eine ganze Liste an Kundendaten mitgehen lassen und sie dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) zum Kauf angeboten. Inzwischen soll der Liechtensteiner mit Unterstützung des BND und einem "Startkapital" von mehr als vier Millionen Euro in Australien untergetaucht sein. Michael F. hingegen erwartet eine Anklage wegen "gewerbs- und bandenmäßiger Erpressung". Das bestätigt der Sprecher der Rostocker Staatsanwaltschaft, Peter Lückemann.

"Gentlement's Agreement" abgelehnt

Nach stern.de-Informationen hat Michael F. in den vergangenen Tagen alles versucht, um die 725 bislang noch nicht an die LBB zurückgegebenen Daten zu nutzen, um seine eigene Position zu verbessern. Hilfreich zur Seite stehen ihm zwei Hamburger Strafverteidigerinnen: Leonore Gottschalk-Solger und Astrid Denecke. "In der vergangenen Woche hat die Kanzlei versucht, den Kontakt zum Anwalt der LLB in Liechtenstein herzustellen", heißt es aus Finanzkreisen des Fürstentums. Es sei angeblich um den Versuch gegangen, mit der Bank ein "Gentlemen's Agreement" zu schließen, dessen Inhalt selbstverständlich streng vertraulich behandelt werden sollte. Nur soviel sei nach Außen gedrungen: Michael F. würde die restlichen Daten an die Bank zurückgeben, wenn sie ihm in der einen oder anderen Weise entgegenkomme. Hätte der Deal geklappt, wären die Daten für die deutschen Fahnder verloren gewesen. Aber der Plan sei nicht aufgegangen, heißt es aus Liechtenstein. Die Bank habe das Angebot abgelehnt. LLB-Anwalt Michael Ritter will weder den Vorgang noch dessen Ergebnis bestätigen. Auf Anfrage von stern.de sagte F.s Anwältin Astrid Denecke: "Wir geben derzeit keine Erklärung dazu ab, ob es Gespräche mit juristischen Vertretern der LLB gegeben hat."

Für F. und dessen Vertreterinnen wird es nach stern.de-Informationen deshalb zunehmend attraktiver, einen Handel mit der Staatsanwaltschaft Rostock anzustreben.

Auch die Ermittler in Mecklenburg-Vorpommern geben sich zugeknöpft. "Wir wissen nicht, wo die Daten sind, es interessiert uns nicht, und wir brauchen sie auch nicht", sagt der Sprecher der Rostocker Staatsanwaltschaft und weist damit alle Gerüchte zurück, dass ein Deal zwischen Ermittlern und Michael F. anstehe. "Uns geht es nur darum, Michael F. wegen der Erpressung hinter Gitter zu bringen." Der mögliche auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzte Gewinn für die Steuerfahnder, der sich ergeben könnte, wenn die Datensätze in die Hand des deutschen Fiskus gelangten, sei für das Rostocker Ermittlungsverfahren irrelevant, erklärt Lückemann.

Prozessbeginn im März

Irrelevant waren die Daten offenbar auch für andere deutsche Behörden. Nach Informationen von stern.de soll Michael F. bereits vor dem August 2005 vergeblich versucht haben, insgesamt rund zehn Kontendaten der LLB über einen nordwestdeutschen Rechtsanwalt an den Mann zu bringen.

Inzwischen wird es für Michael F. eng. Schon im März soll der Prozess gegen den Bankerpresser am Rostocker Landgericht beginnen. Bis dahin muss seine Anwältin ihren Mandanten in Position gebracht haben. Sonst kann es passieren, dass ihm eine ähnlich hohe Haftstrafe droht wie seinem mutmaßlichen liechtensteinischen Komplizen Roland L.

Der ehemalige Vermögensverwalter der LLB war im April 2004 von einem Vaduzer Gericht zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt worden, weil er fast 300.000 Schweizer Franken unterschlagen hatte. Laut Informationen aus Liechtensteiner Justizkreisen habe ihm das Gericht damals auch die versuchte Erpressung der LLB mit den gestohlenen Bankdaten vorgeworfen, die jetzt im Besitz von Michael F. sind. Während der Haft, die er in Österreich absaß, hatte Roland L. angeblich erneut versucht, die LLB zu erpressen. Er habe angedroht, die gut versteckten brisanten Daten ans Ausland zu geben. Ohne Erfolg. Die Bank wehrte sich. 2005 folgte die nächste Anklage. Ende 2006 wurde Roland L. vom Liechtensteiner Landgericht zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Wie Michael F. schließlich an die Daten gelangte, wissen die Ermittler noch nicht. Klar ist nur eins: Sollte es Michael F. doch noch gelingen, einen Deal einzufädeln, könnte schon "in allernächster Zeit" bundesweit jede Menge Arbeit auf die Steuerfahnder zukommen. Es geht um 725 Bankkonten und um viel Geld.

fgüs

  • Manuela Pfohl