Steueraffäre Liechtenstein Der Bankerpresser von Rostock

Er hat die Liechtensteinische Landesbank erpresst, ein Dutzend deutsche Banken überfallen und den Sohn eines Rostocker Kaufmanns entführt: Michael F. , 48, verheiratet, zwei Kinder. Seit November sitzt er in Mecklenburg-Vorpommern in Untersuchungshaft. Ein Mann, der alles will und nichts davon hat.
Von Manuela Pfohl

Eine Nachricht macht Schlagzeilen: Am 29. Februar 2008 erhebt die Rostocker Staatsanwaltschaft Anklage gegen Michael F. und drei weitere Männer: Sie sollen sich im Jahr 2005 über einen ehemaligen Angestellten der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) mindestens 2325 Kontenbelege von Kunden der Bank beschafft haben, um sie damit zu erpressen. Neun von insgesamt 13 Millionen Euro Schweigegeld soll das traditionsreiche Kreditinstitut bereits notgedrungen gezahlt haben, um wenigstens 1600 Daten zurück zu bekommen.

Ein Vorwurf, den die LLB bestätigt. Monatelang haben die Fahnder in Mecklenburg-Vorpommern Beweise gegen Michael F. gesammelt. Jetzt feiern sie ihren Erfolg. Und trauen dem Frieden doch nicht ganz. Zu viele Fragen sind noch offen. Wie kam der Mann an die Kontoliste? Der eigentliche Dieb saß 2005 in einem österreichischen Gefängnis. Wer ist der unbekannte Dritte, der die Kontoliste an Freitag übergab? Und welche Rolle spielt ein Bremer Anwalt, der angeblich neun Kontobelege aus der brisanten Liste an das Bremer Finanzamt sandte, um den Druck auf die Bank zu erhöhen?

Michael F. sagt kein Wort. Die Rostocker Staatsanwaltschaft hat angekündigt, Sicherungsverwahrung für ihn zu beantragen. Für die Zeit nach der eigentlichen Haftstrafe, die bei maximal 15 Jahren liegen kann. Der Mann wird "infolge eines Hanges zu erheblichen Straftaten möglicherweise zu gefährlich für die Allgemeinheit", schätzt die Rostocker Staatsanwaltschaft. Nur die "Bereitschaft, von seiner Erpressung Abstand zu nehmen", könnte ihn jetzt noch retten. "Übergibt er die restlichen 725 Datensätze an die deutsche Steuerfahndung, könnte das strafmildernd wirken", sagt Peter Lückemann, Sprecher der Rostocker Staatsanwaltschaft.

Doch die Ermittler bei der Polizei sind skeptisch und fragen sich: Kann man wirklich sicher sein, dass Michael F. nicht längst eine Kopie der 1600 Daten-Liste gefertigt hat, die jederzeit für neue Geldflüsse sorgen könnte, oder besitzt er gar noch mehr Kontobelege, von denen keiner was ahnt? Sie trauen ihm alles zu. Er ist ein alter Bekannter.

Eine unglaubliche Dummheit

Der Anruf bei den Ermittlern kommt Anfang September. Man habe da einen Rostocker Anwalt, Thomas L., der wolle rund 450.000 Euro in bar auf das Konto einer älteren Dame namens Elisabeth F. einzahlen, um es anschließend weiter nach Thailand transferieren zu lassen, berichtet ein Mitarbeiter der Commerzbank. Und sagt, man habe den Anwalt wieder weggeschickt. Denn solch eine Transaktion ist nach dem Geldwäschegesetz verboten. Die Ermittler sind baff. Nicht, weil ein versierter Anwalt und ehemaliger Vorsitzender des Strafverteidigervereins eine so unglaubliche Dummheit begeht. Es ist Elisabeth F., die sie elektrisiert.

Sie ist die Mutter von Michael F. 1999 war er in Rostock angeklagt, weil er einen Bordellbesitzer und dessen Freund erschossen haben sollte. Er bekam damals einen Freispruch, weil keiner der Zeugen sich im Prozess mehr an die belastenden Aussagen bei der Polizei erinnern wollte. In die Freiheit entlassen wurde Michael F. dennoch nicht. Zwei Jahre vorher, 1997, hatte er in Rostock wegen der spektakulären Entführung eines Kaufmannssohnes vor Gericht gestanden. Der folgenschwerste Prozess aber war ihm 1998 in Bonn gemacht worden. Das dortige Landgericht verurteilte ihn zu 15 Jahren Haft, weil er als Mitglied einer Bande an zwölf brutalen Banküberfällen in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Brandenburg beteiligt gewesen sein soll. Fast zwei Millionen Mark waren dabei erbeutet - und von der Polizei trotz jahrelanger Suche nie gefunden worden.

Die Ermittler fragen sich: Hat Michael F. die Beute womöglich in Rostock bei seiner Mutter versteckt? Könnte man ihn endlich damit erwischen? Ist er überhaupt in Deutschland? Es ist der Moment, in dem die Akten zum "Fall F." wieder aufgeschlagen werden, die telefonische Überwachung des Rostocker Anwalts Thomas L. beginnt und die Gier nach immer mehr Geld für Michael F. zum Verhängnis wird.

Viele dunkle Punkte

Seit 2005 lebt er zusammen mit seiner thailändischen Frau Sunny und der gemeinsamen Tochter Natalie im Ferienparadies Phuket. Die Leute im Ort bewundern den Deutschen. Obwohl der Mann mit den stechenden Augen und der leisen Stimme ihnen manchmal auch etwas unheimlich ist. Er bewohnt ein stattliches Anwesen, besitzt eine Yacht und eine Gummibaumplantage. Seine Frau betreibt eine Feriensiedlung. Trotzdem. So viel Geld, wie die Fs haben, kann man doch gar nicht verdienen, flüstern die Leute hinter vorgehaltener Hand und fragen sich, woher der ganze Wohlstand kommt. Von der Vergangenheit des Deutschen wissen sie wenig. Nur, dass er Sunny 1991 kennengelernt hatte, dass im selben Jahr die Tochter geboren wurde, dass Sunny davor in Bangkok als Reiseleiterin gearbeitet hatte und dass die Ehe, die sie mit dem Deutschen in Bangkok schloss, nicht anerkannt wurde und die beiden deshalb in Deutschland noch mal heiraten mussten. Es gibt viele solcher Beziehungen in Phuket. Und viele dunkle Punkte.

Michael F. erzählt nur ganz ausgewähltem Publikum, dass er in der DDR geboren wurde, dass sein Vater Direktor in einem Baustoffbetrieb war und seine Mutter als Sekretärin arbeitete. Es spielt keine Rolle mehr, dass er mal auf einem Forschungsschiff fuhr, bis man ihm das Seefahrtsbuch entzog, dass er Informatik studierte und Mitte der 80er eine Frau heiratete, die bei der FDJ-Bezirksleitung arbeitete. Damals, so sagen alte Kumpel, da war er noch normal. Da konnte man noch gut mit ihm auskommen.

Wirklich verändert habe er sich, als er das Studium abbrechen musste, weil er sich weigerte in die SED einzutreten und Ende 1987 das erste Mal in den Knast kam, nachdem er versucht hatte, illegal in die Bundesrepublik zu flüchten. Sechs Monate Haft sollte er dafür kriegen. Doch er hatte Glück. Anfang 1988 gibt es eine Generalamnestie. Und Michael F. reist am 1. März 1988 in die Bundesrepublik aus. Er nimmt sich eine Wohnung in München-Schwabing und arbeitet als Kontrolleur am Fließband bei MAN. Es ist nicht sein Ding. Auch der Job als Kurierfahrer langweilt ihn schnell. 1500 Mark Nettoeinkommen. Michael F. will mehr. Von August 1991 bis Dezember 1992 überfällt er mit zwei Komplizen quer durch die Republik zwölf Banken. Sie erbeuten mehr als anderthalb Millionen Mark. Michael F. beginnt ein neues Leben. Es spielt sich die meiste Zeit hinter Gefängnismauern ab und manchmal eben auch in Thailand.

Ticket nach Thailand

Wenige Tage nach der misslungenen Rostocker Banktransaktion im September 2007 fliegt Michael F. in seine Wahlheimat. Die Ermittler fürchten schon, er sei ihnen damit entwischt. Wenn er klug ist, legt er sich in die Sonne und genießt das Glück, gerade noch mal davon gekommen zu sein, sagen sie. Doch Michael F. will die halbe Million, die in Rostock liegt. Und kommt nach Deutschland zurück, wo er sich mit dem Rostocker Anwalt trifft. Die Ermittler registrieren jeden Schritt.

Am Nachmittag des 15. September checkt "die Zielperson" am Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel ein. Er hat ein Ticket nach Thailand im Gepäck, 452.000 Euro und eine Erklärung, die er den Beamten zeigt, als sie ihn festnehmen und fragen, woher das Geld in seinem Koffer stammt. Auf der Bescheinigung steht, es handele sich um "Geldzuflüsse von Auftraggebern aus Südafrika, für die er in Thailand Yachten kaufen solle". Die Rostocker Staatsanwaltschaft hält das für einen Vorwand, beschlagnahmt das Geld und teilt am nächsten Tag mit, es handele sich bei der vorgezeigten Erklärung um "eine Quittung, die der Rechtsanwalt Thomas L. am Vortag in seiner Rostocker Kanzlei in englischer Sprache ausschließlich zu dem Zweck gefertigt haben soll, dass Michael F. sie bei einer möglichen Kontrolle vorzeigen kann, um so einen Zugriff der Zöllner auf das Geld zu verhindern". Michael F. kommt wegen des Verdachts der Geldwäsche oder wahlweise Steuerhinterziehung in Untersuchungshaft - und wird am 19. November "mangels dringenden Tatverdachts" wieder entlassen. Das Rostocker Landgericht hält den Vorwurf gegen Michael F. für nicht haltbar.

Die Ermittler bleiben dennoch an der Sache dran. Denn inzwischen haben sie bei verschiedenen Durchsuchungen erstaunliche Entdeckungen gemacht. Es geht um Liechtenstein, um gestohlene Bankunterlagen und merkwürdige Einnahmen in Millionenhöhe. Es scheint, Michael F. hat ein ganz großes Ding gedreht. Die Liechtensteiner Kollegen werden kontaktiert und dann geht alles ganz schnell. Am Vormittag des 28. November ist Michael F. erneut auf dem Weg zum Hamburger Flughafen, als er auf der Autobahnraststätte "Fuchsberg" an der A20 von Männern eines Mobilen Einsatzkommandos des Landeskriminalamtes (LKA) Mecklenburg-Vorpommern festgenommen wird. Die Beamten sagen, es gebe einen Haftbefehl wegen des "dringenden Verdachts der gewerbsmäßigen Erpressung".

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