World Trade Center Im Rausch der Höhe


Gläserne Zukunft für New York. Daniel Libeskind soll das neue World Trade Center bauen. Höher, schöner und symbolträchtiger als das alte – so der Traum

Er ist wieder zu Hause in New York. Er tingelt durch Hausfrauen-Talkshows und erklärt Moderedakteuren die Schönheit von Cowboystiefeln aus Elchleder. Er eröffnet den Handelstag an der New Yorker Börse und teilt Musikmagazinen mit, was er so für cool hält. Er geht nur ein paar Schritte durch Downtown Manhattan, mit seinen markanten schwarzen Boots, seiner markanten schwarzen Künstlerbrille, seinem markanten kosmischen Lachen - und schon nennen sie ihn in New York eine "heiße Nummer", eine "Pop-Ikone", den "City Master Builder". Eigentlich ist Daniel Libeskind Architekt. Als er New York vor 18 Jahren verließ und schließlich in Berlin landete, war er nicht mal das. Er war unbekannt. Er war 38 und ein Architekturtheoretiker, der nie in seinem Leben ein einziges Haus gebaut hatte. Auch vor vier Monaten war Libes-kind weitgehend unbekannt in dieser, seiner Stadt am Hudson, in die er als 13-Jähriger mit seinen polnischen Eltern immigrierte. Jetzt soll er plötzlich "zaubern", die Stadt "neu erfinden", "das Leben zurückholen" nach Ground Zero, nach Manhattan, am liebsten nach ganz New York.

Daniel Libeskind hat den Wettbewerb um die Bebauung des Geländes in Manhattan gewonnen, an dem das World Trade Center stand. Wenn man ihn beobachtet in diesen Tagen, mit seiner Neigung für große Worte und seiner Begeisterung für den eigenen Entwurf, der "zum Herzen und zur Seele dieser großen Stadt spricht, dieser großen Nation, dieser Welt", wirkt er nicht gerade so, als würden ihn die hohen Erwartungen belasten.

Es gibt nicht wenige Kritiker, die behaupten, sein Hang zu sentimentalen Metaphern habe ihm erst den Sieg beschert in dieser verwundeten Stadt. Sein Büro wird Libeskind direkt am Ground Zero haben, gleich an dem großen schwarzen, noch immer stinkenden Loch, wo einst die beiden Türme standen. Er wird die von ihm entworfene, zehn Meter tiefe Memorialgrube zu Füßen haben - die er auf Wunsch der Stadt schon radikal verkleinert hat. Er wird die vorgesehene Stelle seines so "fundamental wichtigen" Rundweges sehen - den er aus seinem Konzept schon streichen musste. Er wird hinaufschauen können zu den so gepriesenen Gärten der Welt in 541 Meter Höhe - die wohl nie gebaut werden. Und wird weiterblicken können zur Spitze seines Turmes, des dann höchsten Gebäudes der Welt - den manche schon "die ideale Zielscheibe für den nächsten Terroranschlag" nennen.

Es gibt nicht wenige Architekten, die sagen, von dem so umjubelten kräftigen Entwurf werde nicht viel übrig bleiben.

Libeskind sagt, es gebe einige Essentials, an denen er nicht rütteln lasse: an dem 1776 Fuß hohen Turm, der an das Unabhängigkeitsjahr erinnern soll; an dem Ensemble spiralförmiger Büroblöcke; an den integrierten Fundamenten des zerstörten World Trade Center - die für die Festigkeit der amerikanischen Demokratie stehen. Aber Libeskind sagt auch, dass Architektur die Kunst der Kompromisse sei, dass er offen für Verhandlungen sei, offen für eigentlich alles.

Es gibt nicht wenige New Yorker, die sagen, Libeskind sei zu nachgiebig und biegsam für diese Stadt.

Sein Entwurf hat ihm viel Lob eingebracht, von Architekten, Politikern und Einwohnern New Yorks, aber noch ist die Zukunft ungewiss. "Ich glaube, die Avantgarde wartet nur auf die unvermeidbare Ankündigung, dass Libeskind seinen Entwurf zurückzieht und neue Pläne entwickelt werden", sagt der Stadtkenner Baird Jones. Noch gibt es nicht genügend Investoren und keinen abschließenden Vertrag, dafür jedoch eine Vielzahl von Leuten, die mitreden: Landespolitiker, die viel Symbolik wollen und wenig Pragmatismus. Lokalpolitiker, die viel Pragmatismus wollen und wenig Symbolik. Hinterbliebene des Anschlags, die viel Erinnerung wollen und wenig Kommerz. Unternehmer, die viel Kommerz wollen und wenig Erinnerung. "Es sind einige der schwierigsten Besitzer, die die Menschheit je gekannt hat", sagt ein Projektmanager. Libeskind sagt, er freue sich auf den Entscheidungsprozess.

Schon jetzt werden erste Schlachten ausgetragen über unterirdische Parkhäuser, über die Errichtung eines monströsen Einkaufszentrums, über die Höhe der Türme und die Frage, wer alles darüber mitentscheiden soll: der Staat oder die Stadt. Die städtische Port Authority, der das Gelände gehört, wünscht sich eine Million Quadratmeter Bürofläche - potenzielle Mieter aber sagen, dass sie niemals wieder in solch hohe Gebäude ziehen würden. Der Pächter Larry Silverstein, der sich die Rechte für die nächsten 99 Jahre gesichert hat, erhofft sich 120 Millionen Dollar Mieteinnahmen pro Jahr - Stadtplaner aber warnen, dass 1,4 Millionen Quadratmeter Büroflächen in Downtown-Manhattan bereits leer stehen und die Abwanderung von Unternehmen noch zunehmen wird. Es gibt nicht wenige New Yorker, die sagen, dass das Ganze ein 300 Millionen Dollar teures halbleeres Monument sein wird.

Zwar verteilt der Gründer der World Trade Center Restoration Movement, Louis Epstein, Aufkleber mit dem Aufdruck: "Ja, ich würde im 110. Stock arbeiten." Doch nur 42 Prozent der New Yorker können sich noch vorstellen, in oberen Stockwerken von Wolkenkratzern zu arbeiten. Michelle Lamont, eine Versicherungsagentin, die beide Anschläge von 1993 und 2001 überlebte, bekennt: "Ich würde mich nicht sicher fühlen. Es ist, als würde ich sagen: Komm, zerstört mich ein drittes Mal." Fekkak Mamdouh, ein Kellner, der 73 Kollegen bei dem Attentat verlor, sagt: "Ich würde nie wieder dort arbeiten. Ich würde es nicht mal besuchen."

Es gibt nicht wenige New Yorker wie Daniel Libeskind, die sagen, das alles werde sich auch wieder ändern.

Vorvergangene Woche hat er einen ersten Vertrag unterzeichnet zur Entwicklung eines Masterplans, den er in sechs Monaten präsentieren wird. Er glaubt fest an die Umsetzung, er, der mit seinen Eltern aus dem kommunistischen Polen nach Tel Aviv floh, der als Musiker in der Bronx aufwuchs, der für 14 Jahre in das Land ging, das seine Eltern ermorden wollte, und der jetzt zurückkehrt in die Stadt, die er liebt wie keine zweite. "Ich glaube nicht, dass ich einer bin, der schnell aufgibt", sagt er. "Ich befinde mich jetzt in dem aufregendsten Teil des Projekts, jetzt, wenn alles richtig losgeht."

Kleiner Wegweiser durch Ground Zero

Ground Zero aus südwestlicher Richtung, wie er in zehn Jahren aussehen könnte. Den Mittelpunkt bildet die tief unter Straßenniveau gelegene Gedenkstätte. Sie wird in den Fundamenten der alten Zwillingstürme liegen. Drum herum wachsen in einer Art "Scherbenästhetik" Hochhäuser in unterschiedlicher Höhe und Form empor. Sie beherbergen Büros, Wohnungen, Geschäfte, aber auch Theater und Museen.

1. Memorial Site:

Der Gedächtnispark soll laut Libeskind "ein Ort der Stille und Spiritualität" werden. Rund neun Meter unterhalb der Straße, abgeschirmt vom Verkehrslärm, entsteht in der leeren Betonwanne des World Trade Center ein 18200 Quadratmeter großer Park. Die "Fußabdrücke" der Twin Towers, die Libeskind auf Wunsch vieler Angehöriger der Opfer nicht bebaut, bleiben als "begehbares Denkmal" erhalten. Auch die schroffen Mauerreste der beiden Türme sollen als Mahnmal stehen bleiben.

2. "Edge of Hope"-Museum:

Das Gebäude (auf Deutsch etwa Kante der Hoffnung) soll den Zugang zu der Gedenkstätte bilden. Über eine Rampe, die der nachempfunden ist, über die die Bergungsmannschaften hinabgestiegen sind, sollen die Besucher das Gelände betreten.

3. Office Space:

Um die offene Gedenkstätte schraubt sich spiralförmig eine Treppe aus Hochhäusern in den Himmel – alle in unterschiedlicher Höhe und Breite mit abgeschlagenen Spitzen. Knapp eine Million Quadratmeter Bürofläche soll hier entstehen.

4. Memorial Tower:

Den spektakulären Gipfel bildet der Gedächtnisturm, ein nadelförmiges Hochhaus. Seine Höhe von 1776 Fuß (541 Meter) symbolisiert das Jahr der Unabhängigkeitserklärung. In der Spitze des Turms sollen hängende Gärten entstehen, welche die Klimazonen der Erde abbilden. Auch ein Restaurant und eine Aussichtsplattform in der 110. Etage sind geplant.

5. Wedge of Light:

"Der Keil des Lichtes" wird ein offener Platz in Form eines spitzen Dreiecks sein, der zwischen Greenwich Street und Fulton Street liegt. Jedes Jahr am 11. September zwischen 8.46 Uhr, der Minute, in der das erste Flugzeug einschlug, und 10.28 Uhr, als der zweite Turm zu Boden ging, wird er im direkten Sonnenlicht liegen. Kein einziger Schatten fällt um diese Zeit auf den Platz.

Jan Christoph Wiechmann print

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