HOME

Neues World Trade Center: 16 Hektar gute Absichten

Es soll ein Symbol der Freiheit werden und des trotzigen Widerstandes gegen den Terror - das neue World Trade Center in New York City. Bislang ist es allerdings nur eines: Eingezäunte 16 Hektar gute Absichten, um die bis aufs Blut gestritten wird.

Von Katja Gloger, Washington

Der neue Gebäudekomplex soll der Welt beweisen: dieses Land lässt sich nicht unterkriegen - und diese auf Felsen erbaute Stadt schon gar nicht. Es soll eine nationale Gedenkstätte werden, ein Ort kollektiver Trauer. Man rechnet mit zehn Millionen Besuchern jährlich.

Das neue World Trade Center ist eine Mission, kein Bauvorhaben. Bald schon soll auf Ground Zero neues Leben einziehen, Zeugnis auch für die ungestüme Kraft des US-Kapitalismus, quirliges business, Büros, ein paar Wohnungen auch, Glaspaläste, gebaut von den berühmtesten Architekten ihrer Zeit, alles Hightech und alles supersicher. Das neue World Trade Center wird mehr sein als eine Geste. Es soll ein Triumph Amerikas sein.

Und natürlich will man auf Ground Zero auch wieder satt Geld verdienen.

Zum symbolischen 5. Jahrestag der Terroranschläge sollte das neue Areal eigentlich schon fast vollendet sein, mit einem ambitionierten Gesamtkomplex von 10 Gebäuden die Dynamik eines Stadtviertels gefeiert werden. 15 Milliarden Dollar soll die Realisierung des "Ground Zero Master Plan" kosten, private Investitionen, öffentliche Gelder, auch ein paar Spenden.

Ja, man räumte die Trümmer sorgsam beiseite. Suchte nach sterblichen Überresten. Setzte Betonwände gegen die absackende Erde. Errichtete einen Ausguck für Touristen, die rasch einen Blick in die Tiefe werfen, bevor sie zum Discountkaufhaus Century 21 abbiegen, eine der begehrtesten Shopping-Adressen der Stadt.

Null Fortschritt an Ground Zero

Doch fünf Jahre danach klafft auf Ground Zero immer noch ein gähnendes Loch – "es sind 16 Hektar eingezäunter guter Absichten", schrieb das Nachrichtenmagazin Time. Und das war noch nett gemeint.

Dabei hatte New Yorks ehrgeiziger Gouverneur George Pataki mit viel Brimborium schon am 4. Juli 2004 den Grundstein für das ambitionierteste Projekt der Wiederauferstehung gelegt: der Freedom Tower, eine verwegene, lichte Glaskonstruktion von Architektur-Superstar Daniel Libeskind, versehen mit einer himmelhochragenden Spitze, 541 Meter, 1776 Fuß hoch, eine Hommage an die Unabhängigkeit der USA. Zum fünften Jahrestag, so hatte es Patakis, der republikanische Gouverneur mit Präsidentschaftsambitionen, versprochen, sollte das Gebäude im Rohbau stehen - die Freiheitsstatue des 21. Jahrhunderts, das neue Symbol New Yorks, 2,3 Milliarden Dollar teuer.

Doch zurzeit wird gerade mal an den Fundamenten gearbeitet, und schon das gilt als gewaltiger Fortschritt. Und wie der Freedom Tower am Ende wirklich aussehen wird, weiß im Moment eigentlich auch niemand genau. Ständig wollen neue Komitees mitreden, werden neue Architekten hinzugezogen, die Polizei hatte Sicherheitsbedenken. So viel wurde an seinem Entwurf geändert, dass Libeskind seinen Namen zurückzog.

Der Krach um den Freedom Tower ist symptomatisch: denn um die Wiederauferstehung des World Trade Center und die angemessene Würdigung der Opfer tobt seit Jahren ein hässlicher Streit. Bislang konnte man sich noch nicht einmal auf die endgültige Gestalt der Gedenkstätte einigen. Und bislang steht gerade mal ein neues Bürogebäude, etwas abseits, "7 World Trade Center" lautet die Adresse, es ist ein schickes, ein sehr sicheres Gebäude, doch nur rund 20 Prozent der 52 Stockwerke sind vermietet.

New York Story

Es geht, wie eigentlich immer in New York, um Macht und Milliarden, um Politik und Public Relations und irgendwie auch um Moral. Es geht um eine machtbewusste staatliche Bürokratie, einen ebenso störrischen wie eitlen Großinvestor – und am Ende vielleicht auch noch um die Opfer und ihre Hinterbliebenen. Die Mitglieder diverser Finanz,- Verwaltungs-, Architektur- und Mahnmal-Komitees führen einen zähen Stellungskrieg. Und niemand darf verlieren.

Es ist irgendwie eine typische New Yorker Geschichte.

Interessen werden zu Konflikten

Da ist zum einen Larry Silverstein, 75, passionierter Segler und Immobilienbesitzer. Sechs Wochen vor den Terroranschlägen hatte er die beiden Bürotürme des World Trade Center gepachtet - für 99 Jahre und rund 10 Millionen Dollar Monatsmiete. Als faktischer Eigentümer zahlt er die Miete auch jetzt, jeden Monat. Er wird einige Milliarden Dollar Entschädigung von den Versicherungen enthalten, dazu Milliarden zinsgünstiger öffentlicher Finanzierung. Und damit will Larry Silverstein Bürogebäude auf Ground Zero errichten lassen. Und zwar profitable Bürogebäude. Larry Silverstein will Geld verdienen. Doch er möchte zugleich Amerika, den New Yorkern und wohl auch sich selbst ein Denkmal setzen: den Freedom Tower. Das höchste Gebäude der Stadt, neues Symbol der Skyline. 260.000 Quadratmeter Bürofläche, Restaurants, eine Besucher-Terrasse, 2,3 Milliarden Dollar soll es kosten. Es soll ein Immobilienprojekt ganz nach seinem Geschmack werden.

Doch der Eigentümer des Grundstücks hier im Süden Manhattans heißt "New York Port Authority" und ist als Behörde der beiden Bundesstaaten New York und New Jersey den jeweiligen Gouverneuren unterstellt. Die Hafenverwaltung ist eine mächtige Behörde. Sie managt die Flughäfen der Stadt, die Tunnels nach Manhattan, die Brücken, Busterminals, den Hafen. Sie verwaltet die Lebensadern New Yorks. Ihr gehört auch das Grundstück, auf dem einst das World Trade Center stand.

Jeder will das Sagen haben

Und New Yorks Gouverneur George Patakis wollte seine Vorstellungen vom Freedom Tower durchsetzen. "Wir brauchen ein in jeder Hinsicht herausragendes Gebäude, nicht nur ein Immobilienprojekt", hieß es. Man ließ einen Architekten-Wettbewerb ausschreiben, Daniel Libeskind gewann. Und der schmutzige PR-Krieg begann. Silverstein sei "geldgierig" hieß es. Hafenverwaltung und Politiker erinnerten an schlimmsten Staatsozialismus, konterten dessen Anhänger. "Es sieht aus wie eine Müllhalde. Es ist das schlimmste Stück Drecks-Architektur, das ich je gesehen habe", tobte New Yorks Immobilien-Magnat Donald Trump über den Entwurf zum Freedom Tower. Zuviel Architektur, zuwenig Bürofläche, mäkelten Libeskind-Gegner aus dem Silverstein-Lager. Und der holte seine Architekten, setzte Veränderungen durch.

Der momentane Entwurf für den Turm der Freiheit ähnelt nur noch einer gigantischen Glas-Festung. Immerhin, vor einigen Monaten begannen die ersten Baurbeiten. In fünf Jahren soll der Freedom Tower fertig gestellt sein. Um ihn sollen sich dann vier Büro-Hochhäuser gruppieren, gebaut von Architektur-VIPs wie Richard Rogers oder Norman Foster. Doch niemand weiß, ob sich dann auch genug Mieter für die geplanten eine Million Quadratmeter Büroflächen finden. Nach dem 11. September verlegten viele Firmen ihre Büros in den verkehrsgünstigeren mittleren Teil Manhattans oder zogen gleich auf die preiswertere andere Seite der Bucht, nach New Jersey.

Das neue World Trade Center könne zum finanziellen Fiasko werden, warnen Experten. Ach, heißt es dann, in New York meckert man doch immer. Und habe nicht auch das alte World Trade Center zehn Jahre lang Verluste geschrieben? Dann mussten staatliche Behörden zu Zwangsmietern ganzer Etagen werden. Drauf hoffen die Betreiber des zukünftigen WTC auch heute.

Millionen für 2996 Opfer

Und die Toten, die 2996 Opfer der Terroranschläge? Für sie sollen zwei imposante Wasserfall-Konstruktionen errichtet werden, wie ein Abdruck genau dort, wo sich einst die beiden Türme erhoben. „Reflecting Absence“ heißt das Projekt. In einem angrenzenden „Park der Helden“ soll man dann unter Eichen spazieren oder das Museum des 11. September besuchen. Dort sollen die Namen der Toten zehn Meter unter der Erde in gewaltige Mauern gemeißelt werden. Doch auch um dieses Projekt wird gestritten. Viele Angehörige wollen die Namen der Opfer an die Oberfläche holen. Sie gehören ins Licht, sagen sie, nicht unter die Erde wie in ein dunkles, kaltes Grab.

Für die Gedenkstätte wurden 500 Millionen Dollar veranschlagt, darunter viele Spenden - eine ziemlich stolze Summe selbst für New Yorker Verhältnisse. Doch Anfang dieses Jahres mussten Prüfer melden, dass die Kosten mittlerweile auf die astronomische Höhe von einer Milliarde Dollar gestiegen waren. Dies wäre das teuerste Mahnmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Jetzt müssen rasch 500 Millionen Dollar gespart werden. Immerhin - vor wenigen Wochen begann man mit den Arbeiten am Fundament.

Und nebenan, in der Liberty Street 130, wartet ein Gebäude seit fünf Jahren auf den Abriss. Es ist das ehemalige Bürogebäude der Deutschen Bank, beinahe wäre es am 11. September eingestürzt, es steht schief, überzogen mit dem tödlichen Staub der fallenden Türme. Doch als sie jetzt mit den Abrissarbeiten beginnen wollten, fanden Arbeiter Hunderte Knochensplitter im Staub, winzige Teile, Lebensstücke. Denn 1152 Tote konnten nicht mehr gefunden werden. Ihre Körper wurden in den einstürzenden Türmen zu Staub zermahlen. Jetzt sollen Spezialeinheiten der US-Armee das Gebäude - und eventuell die gesamte Umgebung des World Trade Center - auf weitere menschliche Überreste untersuchen.