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Autosalon Genf: Garagenbau deluxe

Auf einer Automesse sind die Autos am wichtigsten. Natürlich, aber wie die Fahrzeuge zur Geltung kommen, darüber entscheiden die Messestände. stern.de sprach mit Michael Ostertag, dem Schöpfer des Audistandes, über die Kunst der Marke ein Nest zu bauen.

Auf einer Messe wie dem Genfer Salon stehen die neuen Wagen und Studien im Mittelpunkt. Aber die Visitenkarten der Hersteller sind das Drumherum: die Messestände. Bei den Autoherstellern zeigt sich inzwischen ein krasser Gegensatz zwischen Reich und Arm. Einige Autohersteller scheinen sich komplett vom Messeleben zu verabschieden, andere dümpeln auf Sparflamme dahin. Manche etablierte Volumenhersteller wie Nissan, Mitsubishi oder Honda ließen in der Vergangenheit große Messen ausfallen. Der Grund: Sparmaßnahmen. In der Premiumklasse residiert zur zeit einzig der Volkswagen-Konzern. stern.de sprach mit Michael Ostertag, Partner von Schmidhuber + Partner in München. Er kreierte den Pavillon von Audi. Der strahlenden Konzerntochter, die sich im Glanz von A 1, A8 und eTron sonnte und sich Justin Timberlake als Conferencier gönnte.

Herr Ostertag Bei den Worten Messestand und Messebau fallen einem zuerst Stichworte wie "Buden", "Leichtbau" und "Provisorium" ein - also eine Art "Jahrmarktszelt" für die Industrie. Sie machen etwas anderes, aber was ist das genau?

Wir schneidern unseren Kunden für ihre Marken im Prinzip einen Maßanzug. Messe-Architektur ist heute keine Dekoration mehr, sondern im besten Sinn eine wichtige Lebensader der Markenführung. Wir erzeugen in Genf die Erfahrung von Audi im Raum durch Gefühle und Botschaften. Das architektonische Grundkonstrukt ist dabei wie eine Corporate Architektur, die Besuchern vermittelt, aha da hinten ist Audi.

Große und repräsentative Messebauten haben eine Tradition. Sie konnten die Möglichkeiten und den Geist der Zeit ausdrücken. Ein schönes Beispiel wäre der Kristallpalast in London ein weniger schönes die Gebäude von Nazi-Deutschland und der UDSSR Stalins in Paris 1937. Wie nehmen Messe- bzw. Ausstellungsbauten heute den Geist der Zeit auf?

Messebauten waren immer ein Testlabor für das, was möglich ist in der Architektur. In der Vergangenheit galt es oft Größe und Signalwirkung auszureizen. Heute, in einer informationsüberladenen Zeit, in der Menschen auch sehr kritisch Botschaften öffentlich hinterfragen können, muss Messe-Architektur sich darüber hinaus auf die Perspektive und Interaktion des Menschen mit dem Raum an sich einstellen.

Russische Mechaniker haben einen Bentley-Panzer aus Luxuswagen und Kettenfahrzeug gebaut.

Gute Bauten tun dies auf intuitive Weise. Innovationen vermitteln heute keine Extreme. Sie vermitteln komplexe Aussagen, zum Beispiel auf Fragestellungen wie: Wem kann ich im rasenden Fortschritt vertrauen?

Ein großer Auftritt heute ist weit mehr als zusammen klappbare Bude, es ist aber auch keine feste Installation. Was Herausforderungen bedeutet die "temporäre Architektur" für Konstruktion und Planung?

Die größte Herausforderung ist es, einen Evolutionszyklus zu kreieren, eine Konstruktion, die funktioniert, egal wie achterbahnartig die Bedingungen sind. Das Ganze muss also extrem modular sein. In Genf hatten wir für Audi 4 Wochen Zeit, für die Messe in Paris haben wir 10 Tage Zeit für die gleiche Ausstellungsfläche, rund 2300 qm. Dazu gelten für uns auch die die Gesetzmäßigkeiten der permanenten Architektur: Gebäudetechnik, Brandschutz, Klimatisierung müssen funktionieren.

Traditionell wird die Arbeit des Architekten gern mit einer Wirkung für die Ewigkeit zusammengebracht. Wie fühlen Sie sich mit ihren flüchtigen Bauten?

Das reizvolle in der temporären Architektur ist, dass man viel öfter zum Bauen kommt, während in der städtebaulichen Architektur ein Großteil der Entwürfe nie realisiert wird. Und flüchtige Bauten sind auf ihre Weise bleibend, als Erfahrung im Kopf von Besuchern, die sie immer wieder sehen und kommentieren.

Eine Automarke wie Audi will heutzutage für Nachhaltigkeit stehen. Und schon immer war ein Fahrzeug ein eher langlebiges Konsumgut. Eine Messe ist ein Event, eine eher kurzfristige Angelegenheit. Ist das ein Spagat für die Architektur?

Nein, nicht wenn man genauer hinschaut. Für Audi haben wir in der Idee der Markenwerte Hochwertigkeit und Progressivität einen wieder erkennbaren Rahmen, die Terminalarchitektur aus einem Stahlmodulbau entwickelt. Dieser Rahmen wird immer wieder verwendet, muss also viel mehr Kontinuität beweisen, als man meint. Damit ist das Grundgerüst in sich schon nachhaltig gedacht. Aus Kosten- und Umweltgründen.

Für einen Kunden wie Audi hat die Haptik, die Frage, wie sich Dinge anfühlen, ein zentrale Bedeutung. Wie beeinflusst der Anspruch des Kunden in Sachen Qualität, Verarbeitung und Material ihre Arbeit?

Wir haben als Büro einen sehr starken Präzisionswillen. Das muss zu Kunden passen. Es ist etwas, was an deutscher Architektur sehr geschätzt wird und was eben auch im Temporären Sinn macht. Wir forschen nach neuen Materialkompositionen und Verfahrensweisen, aber auch Konstruktionen. Dieses Jahr hat sich durch das Thema "Leichtbau" die Grenze zwischen Produktdesign und Messedesign fast verwischt, wir haben uns dazu sogar ausgetauscht mit der Designabteilung von Audi.

Ihr Kunde Audi zeigt in Genf den A8 und den A1 – beide Wagen markieren jeweils ein Ende des Audispektrums: hier die gestandenen Oberklassenlimousine, dort das jugendliche Einsteigermodell. Wie nehmen Sie diese Unterschiede in Ihrem Bau auf?

Wir haben es als Brückenschlag gedacht, bei dem die Modelle einander zur Marke hin abrunden. Für den A1 haben wir Medien- und reale Welt, also virtuellen und konkreten Raum in einem gebauten Setzkasten miteinander verschränkt, wie dies bei jüngeren Zielgruppen immer mehr zur Normalität wird. Die Inszenierung des A8 bildet den ruhigen Gegenpol dazu, sein Spannungsfeld besteht aus Präzision, Hochwertigkeit und Materialästhetik.

Audi will eine Designmarke sein, andererseits ist ein Auto einer großen Marke auch auf breite Akzeptanz angewiesen. Wie schafft man es einerseits modern und herausfordernd zu sein, aber anderseits den typischen Kunden nicht gnadenlos hinter sich zu lassen?

Diese Polarität von modern und traditionell aufzulösen ist Pflicht von gutem Design. Aber man hat es heute leichter, weil Ästhetik auch mit intuitiver Zugänglichkeit, Komfort und Beruhigung fürs Auge verbunden wird und damit moderne und traditionelle Sehnsüchte verbindet, denke ich.

Schmidhuber + Partner gestalten auch die Architektur des Messepavillions für die Weltausstellung in Shanghai 2010. Welches Bild von Deutschland soll der Pavillion befördern? Was sind seine Kernaussagen?

"Balancity", der Titel des deutschen Projekts, widmet sich zum Expo-Thema "Better City, Better Life" dem Gleichgewicht, in dem die Bausteine einer Stadt zueinander stehen müssen, um sie lebenswert zu machen. Dieses Thema drückt der Pavillon auf den ersten Blick anschaulich als Balance zwischen seinen einzelnen Baukörpern aus. Allein betrachtet scheinen sie instabil, als Ensemble aber halten sie sich gegenseitig perfekt im Gleichgewicht.

Die ausladenden Figuren formen Räume, die das Außen zu einer Landschaft transformieren und mit dem Innen verschränken. Ein Gras bewachsender Hang im Pavillon beinhaltet die gesamte Technik und Infrastruktur des Gebäudes. Alles wird überspannt von einer ungewöhnlichen Textilhaut, einer Membran, die die Leichtigkeit von Schirmen suggeriert, die gleich Wolken über der Landschaft schweben. Die Ausstellungskörper selbst verbinden Natur und Technik fühlbar und sichtbar: Tagsüber reduzieren sie die Sonneneinstrahlung um bis zu 80 Prozent, nachts verwandeln sie sich in Lichtsegel, die dem Gebäude seine besondere Gestalt verleihen. Die Architektur des deutschen Pavillons zeigt wie Urbanität und Natur wieder zusammenfinden können in der Stadt von morgen.

Anmerkung: Der Deutsche Pavillon wird im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie realisiert durch eine Arbeitsgemeinschaft bestehend aus Schmidhuber + Kaindl (Architektur und Generalplanung), Milla und Partner (Ausstellungs- und Mediengestaltung), und Nüssli Deutschland (Ausführung und Projektmanagement).

Gernot Kramper

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