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Leere Regale Britische Verbände warnen vor dramatischer Lebensmittelkrise. Das sind die Gründe

Eine Frau steht vor einem leeren Regal in einem Supermarkt in London
Nur noch wenige Brotwaren liegen in diesem Regal in einem Supermarkt in London. Fehlende Arbeitskräfte und gestiegene Energiepreise sorgen derzeit für Lebensmittelengpässe in Großbritannien.
© Kerry Davies / Picture Alliance
In Großbritanniens Supermärkten bahnt sich seit Wochen eine Lebensmittelkrise an. Nun wird sie durch die Energiekrise im Land verschärft, Verbände schlagen Alarm.
Von Max Seidenfaden

Die angespannte Versorgungslage in Großbritannien lässt bei Lebensmittelfirmen und Verbänden die Alarmglocken läuten. In einem öffentlichen Brief warnte Minette Batters, Chefin des Nationalen Bauernverbands National Farmers‘ Union am Donnerstag davor, dass die Lebensmittelversorgung im Land auf "Messers Schneide" stehe. Unterschrieben wurde der Brief von elf weiteren Verbänden. Hintergrund der Warnung ist ein chronischer Arbeitskräftemangel im landwirtschaftlichen Sektor sowie im Güterverkehr, der durch die Corona-Pandemie und den Brexit noch verschärft wurde. Bereits im Juli warnte der Handelsverband Road Haulage Association (RHA) davor, dass im Vereinigten Königreich rund 60.000 Lkw-Fahrer fehlen würden. Bereits in den Jahren zuvor gab es eine Knappheit an Fahrern, durch die Pandemie jedoch seien im vergangenen Jahr rund 30.000 Führerscheinprüfungen ausgefallen. Den Vorschlag, die täglichen Arbeitszeiten der Fahrer von neun auf zehn Stunden zu erhöhen, lehnte die RHA mit Verweis auf die ohnehin schon hohe Arbeitsbelastung ab.

Andrew Woolfenden, Manager bei der größten britischen Supermarktkette Tesco, erklärte gegenüber dem Guardian, dass der Kette trotz eines Bonus in Höhe von 1000 Pfund (rund 1170 Euro) weiterhin 800 Lkw-Fahrer fehlen würden. Tesco falle es schwer, die Stellen zu besetzen, gleichzeitig würden Fahrer von anderen Unternehmen abgeworben. Die Knappheit hat zu einem gewaltigen Lohnanstieg bei den Fahrern geführt. Die Supermarktkette Waitrose ist Berichten zufolge bereit, den Fahrern bis zu 54.000 Pfund (rund 63.000 Euro) jährlich zu zahlen – mehr als viele der Manager der Kette im Jahr verdienen.

500.000 Arbeitskräfte fehlen – eine Entspannung ist nicht in Sicht

Doch nicht nur im Güterverkehr mangelt es derzeit an Arbeitskräften. In der kompletten Lieferkette gebe es derzeit geschätzt 500.000 Stellen, die unbesetzt sind. Und die Situation würde sich derzeit nicht verbessern, warnt Minette Batters. "Stattdessen werden leere Regale im Supermarkt zur Gewohnheit", so die NFU-Chefin. Man brauche Notfallvisa, um ausländische Arbeitskräfte rekrutieren zu dürfen. "Ohne das werden wir mehr leere Regale haben, und Verbraucher werden Panikkäufe machen, um durch den Winter zu kommen", schrieb Batters.

Es ist eine Kombination aus Brexit und Corona-Pandemie, die für den Arbeitskräftemangel in Großbritannien verantwortlich ist. Laut der Financial Times verließen geschätzt 1,3 Millionen ausländische Arbeitskräfte während der Pandemie das Land, davon 700.000 allein in London. Viele der Arbeitskräfte waren im Lebensmittelbereich oder dem Güterverkehr tätig, eine Lücke, die sich derzeit kaum schließen lässt. In der letzten Augustwoche meldete die Recruitment und Employment Confederation 1,66 Millionen offene Stellen im Königreich – so viele wie noch nie zuvor.

Seit Kurzem bereitet aber nicht nur die Situation auf dem Arbeitsmarkt den Briten Kopfschmerzen, sondern auch die sprunghaft angestiegenen Gaspreise weltweit, die einen Dominoeffekt in Gang gesetzt haben. Nicht nur stehen viele britische Energieversorger, die ihren Kunden vertraglich günstige Preise zugesichert haben, vor dem Aus, sondern die hohen Gaspreise gefährden auch den Lebensmittelmarkt.

CO2-Mangel als neues Risiko in der Produktionskette

CO2 fällt bei der Düngemittelproduktion an. Hersteller wurden aber zuletzt von den gestiegenen Erdgaspreisen getroffen. Der wichtige Produzent CF Industries legte deshalb vorerst zwei Fabriken in Großbritannien still, die rund 60 Prozent des Kohlendioxids für die Lebensmittelbranche produzieren. Am Dienstag wurde die Krise jedoch vorerst abgewendet: Nach Verhandlungen mit Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng kündigte das US-Unternehmen an, den Betrieb wiederaufzunehmen. CF und die Regierung hatten über Finanzhilfen verhandelt. Das CO2 wird benötigt, um Verpackungen vakuumsicher zu versiegeln und Tiere vor dem Schlachten zu betäuben.

Vor allem die Produktion von Hühner- und Schweinefleisch sowie von Backwaren sei betroffen, sagte Ian Wright, Chef des Lebensmittel- und Getränkeherstellerverbands FDF, am Dienstag dem Sender BBC Radio 4. "Wir haben noch etwa zehn Tage, bevor Verbraucher, Kunden und Restaurantbesucher merken, dass diese Produkte nicht vorrätig sind." Es handle sich um eine echte Krise, sagte Wright. Die Lieferketten zur Versorgung von Supermärkten und Gastronomie stünden so stark unter Druck wie seit 40 Jahren nicht mehr.

Der britische Premierminister Boris Johnson versuchte derweil, seine Landsleute zu beruhigen. Es handele sich bei den Energiepreisen um ein kurzfristiges Problem. "Weltweit nimmt die Wirtschaft nach der Corona-Pandemie wieder an Fahrt auf", erklärte Johnson im Interview mit der BBC. Man habe bereits mit den Energieunternehmen gesprochen, um die Preise niedrig zu halten und damit die Regale im Supermarkt nicht leer seien.

Der Gaspreis, der seit Jahresbeginn um rund 250 Prozent gestiegen ist, ist jedoch nicht nur ein Problem für die Lebensmittelindustrie, sondern auch für ärmere Familien. Ab Oktober steigen die Energiekosten in England, Schottland und Wales um durchschnittlich 139 Pfund (rund 160 Euro) im Jahr, ein Anstieg um zwölf Prozent zum Vorjahr. Wegen eines gesetzlichen Höchstpreises können die Anbieter die Kosten nicht an die Verbraucher weitergeben. Einigen von ihnen droht die Insolvenz, wenn die Regierung den Anbietern nicht mit Hilfskrediten unter die Arme greift. Gleichzeitig entfällt eine Prämie zur Sozialversicherungsleistung, die die Regierung während der Pandemie eingeführt hatte. Im April kommenden Jahres müssen Angestellte zudem einen höheren Beitrag in die Sozialversicherung abführen, um die gestiegenen Kosten für Sozialhilfe und die nationale Gesundheitsversorgung abzufangen. Und so ist es Wirtschaftsminister Kwarteng, der viele Briten auf unangenehme Wochen vorbereitet: "Es ist eine schwierige Situation und viele Familien stehen vor einem schweren Winter."

Quellen: Guardian, BBC, Zeit, Financial Times, dpa


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