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Horst von Buttlar: Der Capitalist: Donald oder Greta? Warum dieser Streit beim Klima in die Sackgasse führt

Es heißt immer öfter: Unser Streben nach Wachstum muss aufhören, damit wir das Klima retten. Dieser Gegensatz ist Quatsch – gerade jetzt brauchen wir den Kapitalismus.

Donald Trump, Greta Thunberg
AFP / Getty Images

Die komplizierte Welt kann manchmal ganz einfach sein: Wem sollen wir folgen – Greta Thunberg oder Donald Trump? Dem Mädchen oder dem Monster? Dem Untergang oder dem Comeback des amerikanischen Traums? Einem CO2-freien Stillstand oder dem schäumenden, rücksichtslosen Wachstum? Anders gesagt: Wollen wir die Welt retten oder sie weiter ausbeuten?

Natürlich ist diese Dichotomie, dieser Zweikampf, der diese Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos seine Bühne fand, Quatsch. Weil die Welt eben doch komplizierter und Trump nicht die Alternative zu Thunberg ist. Aber allein der symbolische Showdown zwischen der Klimaaktivistin und dem US-Präsidenten birgt ja eine Frage, die ernsthaft diskutiert wird: Klima oder Kapitalismus? Führt uns das ewige Streben nach Wachstum in die "Klimakatastrophe"? Müssen wir umsteuern, weniger konsumieren, weniger kaufen, weniger produzieren und reisen, uns auf elementare Bedürfnisse beschränken?

Kritik aus der Herzkammer des Kapitalismus

Diese Frage wird nicht nur von den ewigen Träumern, Spinnern oder Ideologen aufgeworfen, denen der Kapitalismus ohnehin suspekt ist, sie kommt auch von Kapitalisten selbst: von CEOs, Investoren, Ökonomen, ja aus der Herzkammer des Kapitalismus: Larry Fink, der Chef des Vermögensverwalters Blackrock, hat in einem Brief an Konzernchefs weltweit geschrieben: "Jede Regierung, jedes Unternehmen und jeder Anleger muss sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen", mahnte Fink in dem Schreiben. Was aber heißt auseinandersetzen? Fink ist kein Öko – er ist Kapitalist. Und Kapital passt sich an.

Die Debatte führt in eine Sackgasse, wenn man Wachstum und Klimaschutz als Gegensatz begreift und nur über Reduktion spricht, bis die Menschheit irgendwann emissionsfrei ausharrt, so wie man auf Kindergeburtstagen Stopptanz spielt. Die Frage ist also nicht, ob Klimarettung nur ohne Kapitalismus möglich ist – es ist genau umgekehrt: Nur mit Hilfe des Kapitalismus kann man das Klima retten.

Eines vorweg: Jedes Umsteuern, jede Neujustierung unseres Wirtschaftsmodells muss eines im Blick haben: Der Mensch will, dass es ihm besser geht. Er will es nicht nur warm und hell haben, er will neue Waschmaschinen und größere Fernseher, neue Smartphones und bessere Spielkonsolen, neue Klamotten und bessere Autos. "Die Menschen wollen Wirtschaftswachstum, um ihren Lebensstandard zu verbessern, sie wollen Elektrizität", sagte auch Allianz-Chef Oliver Bäte in Davos. Letzteres erkannte schon Wladimir Iljitsch Lenin: "Kommunismus", deklarierte er damals, "ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung."

Verzicht ist elitär, Verzicht ist Lifestyle

Mag sein, dass sich hundert Jahre später und einige Zehntelgrad wärmer etwas die Parameter verschoben haben, dass Menschen bereit sind zum Verzicht – aber wir reden hier über eine Haltung, die sich derzeit allenfalls in den wohlhabenden Ländern breit macht und dort auch eher in den oberen Schichten: Verzicht ist derzeit noch elitär, Verzicht ist Lifestyle. So wie viele mit Fitnesstrackern Kalorien zählen und ihre Körper vermessen, wird man bald seine gesparten Emissionen messen, um abends bei Sauvignon Blanc und Häppchen (auf denen inzwischen keine Avocado mehr liegt – zu hoher Wasserverbrauch) darüber zu plaudern.

Nicht missverstehen: Jeder Verzicht ist lobenswert, weniger Fleisch, weniger Inlandsflüge, weniger Plastik, alles gut. Umparken im Kopf hilft immer. Aber das wird nicht der große Hebel sein.

Für die Masse gilt seit Jahrhunderten: Sie wählen Systeme und Regierungen, die Wohlstand versprechen und schaffen. Mag sein, dass es Ausnahmen gibt und Menschen in einem Land Regierungen wählen, die versprechen, dass es in Berlin 2050 nicht so heiß wird wie in Barcelona. Das aber sind Wähler, die ihres Wohlstandes satt oder sicher sind. In Asien, Afrika und weiten Teilen Südamerikas werden Menschen die Frage nach dem Wohlstandszuwachs anders beantworten. Und es werden Menschen an die Macht streben, die ihnen diesen Wohlstandszuwachs versprechen. Acht Milliarden Menschen werden nicht gemeinsam eine Verzichtserklärung schreiben. 

Ein Versprechen, das abschreckt

Und deshalb stehen viele Politiker, zumal sozialdemokratische, vor einem Dilemma: Wenn sie Konsum und CO2-Verbrauch besteuern, wird dieser Verbrauch teurer – und belastet vor allem jene, die sie seit Jahrzehnten mit Wohlstandsversprechen zu ihren Anhängern gemacht haben. Sie müssen nachsteuern und verheddern sich in komplizierten Ausgleichssystemen. Das Verzichtsversprechen, das vor allem als Drohung daherkommt (sonst geht die Welt unter), ist kompliziert und abschreckend: Wir schränken dich ein, damit du überlebst. Klingt nicht so gut wie: Wohlstand für alle.

Man muss den Kapitalismus vielmehr nutzen, dass er die Lösungen produziert, die der Kampf gegen den Klimawandel braucht, und zwar mit einer Zangenbewegung: CO2-Preise und der Emissionshandel steuern und schaffen auf der einen Seite die Anreize und den Rahmen. Auf der anderen Seite müssen wir über Technologien und Innovationen kommen.

Das Geld hat sich auf den Weg gemacht

Der Finanzmarkt, man höre und staune, passt sich bereits an: Die so genannten ESG-Regeln werden die Geldströme umlenken. Nachhaltigkeit wird keine Frage der Mode oder PR, sondern der Regulierung. Die drei Buchstaben ESG (Enviromental, Social, Governance) sind aus dem Asset Management nicht mehr wegzudenken – weil es der Zeitgeist und die EU so wollen. Renditen werden also grüner, selbst wenn manche mit Ölaktien noch prächtig verdienen werden. "Das Geld passt sich an", prophezeite Mark Carney, der langjährige Chef der Bank of England, in Davos. Man sei erst am Anfang, aber die Bewegung sei da. Das Kapital werde bald jede Organisation und jedes Unternehmen fragen: Was ist dein Plan?

Sicher, es gibt auch die Gegenthese, dass in einer Welt des billigen Geldes auch jedes noch so schmutzige Projekt einen Finanzier findet. Die große Mehrheit der Unternehmen aber wird es sich nicht leisten können, weil jeder Investor und Aktionär danach fragt und fragen muss. Ein Unternehmen ohne CO2-Strategie hat keine Strategie. Das Siemens-Hickhack um Signalanlagen für australische Kohlemeiler ist hier nur ein Vorspiel.

Das Geld aber wird auch nach Innovationen suchen und diese finanzieren. Der Staat, der den Rahmen über CO2-Preise setzt, ist überfordert und wird an Komplexität scheitern. Er kann und muss Technologien fördern, aber kann den Umbau nicht detailliert steuern. Der deutsche Staat zeigt sich ja schon mit dem Umbau der Energieversorgung überfordert (weil er auf falsche Anreizsysteme gebaut hat, Kohle und Atomkraft parallel aufgibt und eben nicht technologieoffen ist – Fracking und CO2-Speicherung etwa werden ausgeschlossen).

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Ohne Klimawandel würden noch mehr SUV fahren

Nun gibt es ein gewichtiges Gegenargument: Der Kapitalismus hat beim Klimawandel doch versagt und durch das Streben nach Wachstum das Problem verursacht – das nun der Staat lösen muss. Und der Kapitalismus würde ewig so weitermachen. Und es stimmt ja: Ohne Klimawandel würde weiter Kohle und Öl gewonnen und verfeuert – weil es einfach das günstigste und wirtschaftlichste ist. Und wir würden noch mehr schnelle Autos und SUV produzieren und fahren, weiter zu viele Klamotten bestellen und billige Inlandsflüge anbieten.

Das Argument setzt aber voraus, dass es "den Kapitalismus" gibt. Was Unsinn ist. Er ist kein System oder eine zentrale Entscheidung oder Maßnahme, sondern eine Fülle von Einzelentscheidungen, wie wir produzieren und konsumieren. Diese Entscheidungen kann man beeinflussen und steuern, so wie sie vor hundert Jahren das erste Mal in soziale Richtungen gelenkt wurden – und seit einigen Jahren nun in ökologische. Auch Verbote sind in Ordnung, aber allein durch Verbote baut man keine Zukunft. "Es ist gut, dass sich die Jugend um die Zukunft sorgt – aber die Zukunft zu verbieten, wird nicht ausreichen", hat der Comedian Dieter Nuhr treffend gesagt. Kapital ist wie Wasser, man kann es teilen, lenken und umleiten – und das passiert gerade. Man darf es aber nicht stauen.

Die Welt braucht vermutlich beide: Greta und Donald. Die eine, die das Umparken im Kopf anmahnt, der andere, der in seiner Ignoranz unbewusst daran erinnert, dass Menschen nach mehr Wohlstand streben. Was die Welt nicht braucht: die zunehmend verstörende Verzichtsaggression von Aktivisten – und den tumben Trotz, dass dieser Planet kein Problem hat und alles so weiter gehen kann wie bisher.