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Horst von Buttlar: Der Capitalist: Eine Aktie nervt weniger als eine kaputte Heizung

An den Märkten rappelt es gerade - dabei wird eines vergessen: dass an den meisten Deutschen der Aufschwung an den Börsen vorbeigegangen ist. Vielleicht hilft ein neuer Blick auf die Aktie.

Die New Yorker Börse an der Wall Street

Die New Yorker Börse an der Wall Street

Getty Images

Eine Aktie ruft nicht an, dass die Heizung kaputt ist. Diesen Satz schrieb ich an einem kalten Februarmorgen in mein Notizbuch, an dem wieder einmal mein Mieter anrief, dass wieder einmal irgendein Teil an der Gastherme kaputt war. Mit einer Aktie muss man beim Verkauf auch nicht streiten, wer die Wände streicht. Oder über Kratzer im Parkett, Wasserschäden, Schimmel oder Zeiten, in denen Geige gespielt werden darf.

Natürlich können mit einer Aktie jede Menge andere Dinge passieren: Ihr Kurs kann fallen, manipuliert werden, mächtige Investoren können gegen sie wetten; das Unternehmen kann in Schieflage geraten oder pleitegehen. Ja, eine Aktie kann wenig Freude bereiten. Nur eines wird sie nicht tun: mir schon um 7 Uhr morgens auf den Keks gehen.

Vielleicht ist das für Sie ein etwas ungewöhnliches Argument für Aktien. Aber immerhin ist es ein neues – in einem Schlagabtausch, der mir in Deutschland seit Jahren ziemlich festgefahren scheint.

Ideologie und verbarrikadierter Trotz

In weiten Teilen der Politik wird das Börsentreiben stolz beargwöhnt oder abgelehnt. Finanzminister Olaf Scholz sagt zum Thema Geldanlage: "Damit beschäftige ich mich kaum, es liegt einfach auf dem Sparbuch – trotz der niedrigen Zinsen." Robert Habeck, Stern der aufstrebenden Grünen, bekennt, keine Aktien zu besitzen. Andrea Nahles, Interimsmanagerin der sterbenden Sozialdemokraten, schießt gegen die kapitalgedeckte Rente, bei der "bei einem Börsencrash über Nacht die gesamte Altersvorsorge vernichtet wird". Zwei bis drei Prozent, was die gesetzliche Rente bringe, schaffe man "am Kapitalmarkt nicht". Unkenntnis paart sich mit Ideologie und verbarrikadiertem Trotz.

Zur Erinnerung: Aktien bringen auf lange Sicht real zwischen fünf und sechs Prozent pro Jahr. Ich fürchte allerdings, dass solche Zahlen Menschen, die den Börsen fern sind, auch nicht erreichen, schon gar nicht Politiker, die dagegen wettern. Und hier sehe ich auch ein Problem im Lager der Aktienfans: Es sind die ewig gleichen Argumente mit Durchschnittsrenditen und Dekadenbetrachtungen – die gegen den festen Eindruck anrennen, dass am Ende das ganze Spiel nur eine Zockerei von großen, bösen Jungs ist.

Aktien sind wie Spinat

Hinzu kommt: Wir schauen ohnehin zu oft und hektisch auf das tägliche Spiel, die Prognoseindustrie rund um das Parkett, die viel zu vielen Meinungen, wo denn der Dax am Ende des Monats oder des Jahres stehen wird. Wenn jemand doch Aktien oder Fonds erwirbt, schaut er oder sie auch viel zu oft auf den Kaufkurs. Das Smartphone macht den Depotcheck per App noch einfacher, dauernd können wir Kurse abfragen, laut den Zahlen einer Direktbank gibt es Tausende Nutzer, die sich sogar täglich in die App einloggen.

Aber: Die Aktienbesitzer bleiben eine Minderheit. Weil das Plädoyer für Aktien ungefähr so spannend geworden ist wie das Plädoyer, mehr Spinat zu essen, Sport zu treiben oder bei einer Erkältung Vitamin C zu nehmen. Stimmt alles, aber es aktiviert nicht mehr.

Das Ergebnis ist, nach zehn Jahren Wachstum, dass Deutschland (und weite Teile der Welt) eine beeindruckende Phase hinter sich hat, in der der Wohlstand stark gestiegen ist. Aber viele Deutsche hatten keinen Anteil daran. Weil sie etwas scheuen oder nicht verstehen; und sie von ganz oben darin bestärkt werden. Denken Sie das nächste Mal daran, wenn die Heizung kaputt ist. 

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