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Arbeitsmarkt: Job-Rezepte für die Krise

Arbeitsplätze durch Kostensenkung retten: Das Thema erregt und spaltet die Gemüter, vor allem wenn es darum geht, länger zu arbeiten und dafür weniger zu verdienen.

Widersprüchlicher könnten die Rezepte nicht sein: Opel und Telekom wollen ihre Arbeitszeiten reduzieren. Der Reifenhersteller Continental plant genau in die andere Richtung. Statt 37,5 Stunden soll die Belegschaft nach dem Willen des Managements wieder 40 Stunden pro Woche antreten. Lufthansa-Beschäftigte sollen bei gleicher Bezahlung länger Dienst tun, Beamte und Angestellte in Bund und Ländern gar länger arbeiten bei gekürzten Bezügen.

So unterschiedlich die Pläne sind, sie haben eines gemeinsam: Angesichts roter Firmenzahlen und leerer öffentlicher Kassen sollen sie Kosten senken und Arbeitsplätze retten helfen. Das Thema erregt und spaltet die Gemüter, vor allem wenn es darum geht, länger zu arbeiten und dafür weniger zu verdienen.

Durchschnittliche Arbeitszeit sinkt

Fest steht: Die durchschnittlich geleistete Arbeitszeit je Arbeitnehmer ist seit 1970 in Deutschland ständig gesunken: Von 1.956 Stunden im Jahr 1970 auf 1.443 Stunden im Jahr 2002. Der starke Rückgang ist das Ergebnis kürzerer Wochenarbeitszeiten und verbesserter Urlaubsregelungen - aber auch zunehmender Teilzeit-Beschäftigung. Die Entwicklung war zudem von stark fortschreitender Rationalisierung beeinflusst.

Die Reihe der aktuellen Befürworter von Mehrarbeit ist lang: Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) ist dafür, die Unionsspitze und auch die Wirtschaft. CDU-Chefin Angela Merkel plädiert unumwunden für längere Arbeitszeit bei gleichem Lohn, weil anders, so ihre Argumentation, die Wettbewerbsposition der deutschen Wirtschaft nicht zu verbessern sei. Selbst bei der SPD-Fraktion sind Überlegungen für längere Arbeitszeiten salonfähig geworden, allerdings mit Blick auf flexiblere Tarifverträge.

Man könne das Thema nicht ausklammern, sagt SPD-Wirtschaftsexperte Rainer Wend, nachdem die Wirtschaftsforschungsinstitute jüngst darauf hingewiesen hatten, dass von dem für 2004 erwarteten Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent allein 0,6 Prozentpunkte auf die größere Zahl von Arbeitstagen entfallen. Bundeskanzler Gerhard Schröder urteilte diplomatisch: "Jede Arbeitszeitgestaltung, die Entlassungen verhindert, wird von uns unterstützt." Sie sei aber Sache der Tarifparteien.

Verschiedene Modelle sind in der Diskussion

Es geht um die Anhebung der wöchentlichen Arbeitszeit mit oder ohne Lohnausgleich, um Arbeitsverkürzung ohne oder nur teilweisem Lohnausgleich oder die Streichung von Feiertagen. Prinzipiell spiegelt die Diskussion in abgewandelter Form den alten Streit darüber wider, ob der Weg aus der Krise durch Stärkung der Angebotsseite - oder mit anderen Worten: durch Lohn- und Kostensenkung zu Gunsten der Arbeitgeber - geschafft werden kann. Auch unter Experten gibt es Zweifel, ob dies ohne Stärkung der Nachfrageseite der Königsweg zu mehr Wachstum ist.

Die Gewerkschaften wittern "Lohndrückerei", wenn das Thema Arbeitszeitverlängerung angeschnitten wird, von wem auch immer. Denn die Erfolge ihres Kampfes um Arbeitszeitverkürzung und um die 35-Stunden-Woche wollen sie sich nicht einfach wieder nehmen lassen. Sie argumentieren vornehmlich volkswirtschaftlich: Wer die Arbeitszeit pauschal verlängert, erhöht das Volumen an angebotener Arbeit und damit die Arbeitslosigkeit, zumal dann, wenn die Ausweitung größer ist als das Wirtschaftswachstum.

"Es nutzt nichts, mehr zu produzieren, wenn man das mangels kaufkräftiger Nachfrage nicht verkaufen kann", kritisiert DGB-"Chefvolkswirt" Heinz Putzhammer. Die Konzepte von Opel und Telekom bedeuteten zwar auch Einkommensverluste für die Arbeitnehmer, weswegen er sie der negativen Auswirkung auf die Kaufkraft wegen nicht bejubeln könne. In Krisenzeiten aber gebe es offensichtlich "keine andere Möglichkeit, um Arbeitsplätze zu retten", versucht der Gewerkschafter das Dilemma für sich mit der Theorie vom "kleineren Übel" zu lösen.

Günther Voss, dpa