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Au-pair: Glück und Elend

Babysitten, bügeln, Grammatik bimsen - so sieht der Alltag der etwa 30.000 jungen Frauen in deutschen Gastfamilien aus. Manchmal entwickelt sich sogar eine echte Freundschaft. Manchmal erleben die Au-pairs aber auch die Hölle.

Der Engel raucht, duftet nach Mango und trällert beim Tortilla-Backen den Kakerlakensong. Der Engel kommt aus Mexico City und sagt, er habe in Berlin, wo er zum ersten Mal in seinem Leben Schnee gesehen hat, zwei beste Freundinnen: Lucy und Sophie Steinkat, neun und elf Jahre alt. Der Engel heißt Isabel Negrete Guzman und ist 22. Und wenn Isabel sich abends aufbrezelt und auf die Piste geht, dann löchern Lucy und Sophie sie am nächsten Morgen, ob etwa geküsst wurde und mit wem und wie lange bittschön ganz genau.

"Isabel ist die Beste, die wir bislang hatten - und wir hatten schon sieben Au-pairs vor ihr", sagt Jeanette Steinkat, 36. Die alleinerziehende Mutter ist Film-Producerin bei einem Privatsender. Dank Isabel kann sie tagsüber Vollzeit arbeiten, notfalls Überstunden machen. Und abends regelmäßig zur Fitness gehen oder spontan auf ein Bier mit Freunden, ohne wechselnden Babysittern hinterherzutelefonieren: "Es gibt durch die Au-pairs eine Grundordnung in unserem Leben: Ich bin ausgeglichen, und die Kinder auch." Klingt himmlisch. Doch wie bekommt man so einen Engel? Und vor allem: Wer kann sich so einen Engel leisten, ist das nicht Luxus?

Nicht wirklich: Familie Steinkat lebt in einer Vier-Zimmer-Altbauwohnung, die Mädchen teilen sich ein Zimmer, alle vier teilen sich das Bad. Und alle vier treffen sich am liebsten am runden Esstisch in der Wohnküche - so ging es schon mit Isabels sechs Vorgängerinnen, die aus Rumänien, Georgien oder Neuseeland stammten.

Etwa 30.000 junge Frauen (und ein paar hundert Männer) kommen jedes Jahr als Au-pair ins Land, die meisten inzwischen aus Osteuropa, der Rest von überall her. Hier bimsen sie deutsche Grammatik, babysitten und bügeln bis zu 30 Wochenstunden. Dafür hat das Familienmitglied auf Zeit Anspruch auf mindestens acht Quadratmeter Deutschland, mit Tageslicht und verschließbarer Tür, dazu zahlen die Gasteltern ein Taschengeld von derzeit 260 Euro, Krankenversicherung und Monatskarte, meist ein Handy mit Prepaid-Karte. Macht zusammen um die 350 Euro monatlich, plus Verpflegung und anteilige Wohnkosten. Schon ein Batzen Geld, aber grundsätzlich als Sonderausgaben steuerlich absetzbar: bis zu 1500 Euro pro Kind im Jahr.

Jeanette Steinkat findet, dass fürs enge Zusammenleben "gegenseitiger Respekt der Schlüssel zum Erfolg ist". Außerdem mailt sie schon vorab in der Bewerbungsphase einen detaillierten Stunden- und Aufgabenplan. Einmal monatlich gibt es später eine Familiensitzung, wo alle Termine und Pläne besprochen und in den Kalender eingetragen werden - oder auch mal gemeckert wird: "Das Au-pair muss sich trauen, der Mutter zu erzählen, wenn die Kinder fies zu ihr sein sollten, ebenso umgekehrt." Wenn ihre Töchter am Wochenende beim Papa in Potsdam sind, geht Jeanette Steinkat mit Isabel auch mal joggen oder ins Kino. Doch selbst so was verhindert nicht, "dass das Heimweh im vierten Monat kommt - immer!" Ist das überstanden, geht's auch weiter gut.

So wie bei Eunice, 24, aus Kenia. Sie brät die Fischstäbchen selbst auf den schmalen Seiten und zum Schluss sogar hochkant, macht der achtjährigen Nane dolle Flechtfrisuren und geht mit zum Englischunterricht von Philipp, 10. "Da hat Eunice Singspiele gemacht. Das kam super an, auch bei den Eltern!", sagt stolz Andrea Grote, 39, Banksachbearbeiterin Mahnwesen und schon sechsmal Au-pair-Gastmutter. Ihr Lebensgefährte Manfred Kleymann, 38, Kraftfahrer bei einer Müllentsorgung, findet zwar: "Die Mädels sind alle auf Männerschau!" Doch im 450-Einwohner-Örtchen Eickhorst-Vordorf ist das nicht ganz einfach - es gibt keine Kneipe, nur das Gemeindehaus, wo der Schützenverein das Kleinkaliber-Königspaar Grote-Kleymann feiert. Am besten gefiel Kleymann "die Anna von der Krim. Kam mit den Kindern bestens klar, flotter Typ, immer geträllert - hat sogar bei Dieter Bohlens "Superstar" vorgesungen!"

Alles harmonisch, zwölf himmlische Monate für alle. Aber natürlich geht es auch höllisch, es geht auch kürzer, und oft geht es dabei um Sex, um Geld, um Gut oder um Böses. Wie bei Rosa* (* Name von der Redaktion geändert) aus Brasilien: Deren Gastvater bemerkte nach ein paar Monaten zufällig, dass vom Familiencomputer aus diverse Sex-Websites angesurft worden waren. Die hinzugerufene Gattin erkannte auf einem Bild mit der Eigenwerbung "Geile Latina besorgt es dir!" das angeblich nur am Kulturaustausch interessierte Kindermädchen. Rosa flog raus, vergaß aber ein Büchlein mit 71 Handynummern, codiert, doch dekoriert mit Zeichnungen sexueller Vorlieben. Die dreijährigen Zwillinge des Frankfurter Chemikerpaars schockten ihre Eltern dann mit dem, was sie als Zeugen von Rosas Telefonaten gelernt hatten: "Willst du fiiiicken? Soll isch blaaasen?"

Oder wie bei Joana*: Das Au-pair von Baby Sarah bei Hamburg wurde nach zwei Monaten schwanger - doch von welchem ihrer Liebhaber? Dem Ägypter, dem Afrikaner Nummer eins oder dem Afrikaner Nummer zwei? "In Polen ich genommen Pille, hier mein Kopf nicht funktioniert" - diesen Satz wird Martina Bröcker, 30, "niemals vergessen!" Niemals wiedersehen werden sie und ihr Mann Alexander, 34, wohl ihren Haustürschlüssel, einen Küchenmessbecher und ein paar blaue Pumps der Größe 42, die Joana (Schuhgröße 36) in ihre Heimat ausführte, als sie über Nacht aus dem Leben der Berufsschullehrerin und des Informatikers verschwand.

Ladendiebin oder Erotikfotos

Jeanette Steinkat erinnert sich noch gut an Luminitza aus Rumänien: "Sie war fantastisch, die Kinder fanden sie toll! Kurz vor Jahresablauf wurde sie aber beim Ladendiebstahl erwischt, ausgewiesen. Und reiste mit vier Riesenkoffern Klamotten zurück - dabei hatte sie bei Ankunft bloß eine winzige Tasche dabei." Trotzdem glaubt Steinkat: "Für jede Au-pair-Horrorgeschichte gibt es auch eine Gasteltern-Horrorgeschichte!"

Viele von denen kann man im Au-pair-Club ihrer Isabel, einem alle 14 Tage stattfindenden Stammtisch, erfahren, aber auch via Internet: Von der jungen Frau aus der Ukraine, die mit 100 Euro im Monat abgespeist wird, der Hälfte des vorgeschriebenen Taschengeldes. Oder von der Bulgarin, deren Gasteltern in einer anderen Stadt arbeiten und sie fünf Tage und Nächte mit einem Säugling allein lassen - sie arbeitet 120 statt 30 Wochenstunden.

Eine Weißrussin muss - Adel verpflichtet nicht zu Anstand - stets allein in der Küche ihrer gräflichen Gastfamilie essen; für eine Engländerin gibt es im Kühlschrank ein Extrafach: gefüllt mit Billig-Wurstabschnitten und Joghurts, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Siv* aus Schweden kann tagsüber kaum Deutsch sprechen - denn sie ist Au-pair "für den Bassetthund eines kinderlosen Unternehmerpaares". Ähnlich geht es ihrer Freundin: Die pflegt die taube, gelähmte Oma sowie die Räume einer Familie mit fast volljährigen Kindern, die aber in ein fernes Internat gehen.

Alles fies, alles illegal: Reine Haustier-, Raum- oder Krankenpflege ist nicht "Au-pair", was so viel wie "auf Gegenseitigkeit" bedeutet. Und trotzdem Realität. Aber eben nur ein kleiner Ausschnitt davon. Corina König, die Münchner Au-pair-Zuständige vom Familienservice, einem Unternehmen mit bundesweit 24 Filialen, das Kinderbetreuung aller Art vermittelt, schätzt: "Bei 80 Prozent aller Fälle klappt es wunderbar zwischen Au-pair und Gastfamilie, bei 20 Prozent hakt es - und die machen dann 80 Prozent der Arbeit."

Und miese PR für eine gute Sache. Für viele der jungen Frauen ist Au-pair eine Flucht vor den Eltern oder den Zuständen in der Heimat, für viele eine Suche: nach dem, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen - oder auch nach einem Mann.

Jessica Künz, 30, war eine Flüchterin. Vor über zehn Jahren kam die Deutsch-Amerikanerin als Au-pair nach Heidelberg: "Ich wollte dringend von zu Hause weg. Mein Deutsch war damals sehr mittelmäßig - Grammatik kann ich bis heute nicht perfekt." Mit ihrer Au-pair-Familie hat sie immer noch Kontakt. Von dem Mann dagegen, den sie damals kennen lernte ("bei McDonald's, mit drei Kindern unter sechs und drei Einkaufstüten im Schlepptau"), ist sie inzwischen geschieden. Dafür selbst Gastmutter: Ihr eigenes Au-pair, das sich um ihre Kinder Gordon, 6, und Rebecca, 8, kümmert, bekam sie im August 2001 "als Trennungsabfindung sozusagen. Ich wollte wieder arbeiten, mag nicht von jemand abhängig sein und habe auf Ehegatten-Unterhalt verzichtet".

Gemeinsam putzen verbindet

So kam Paulina, 23, aus Polen zu Mutter Künz, die bei einer Bank arbeitet und täglich zwischen Mannheim und Frankfurt pendelt: "Gleich am Anfang haben wir Sonntag früh um sechs zusammen das Wohnzimmer gewischt, wo die Kinder überall Waschpulver und Wasser ausgeschüttet hatten, um Piraten zu spielen. Gemeinsam putzen, das verbindet." So sehr, "dass ich die Erste bin, zu der Paulina kommt, wenn mit dem Freund Schluss ist. Und sie sagt, wenn mir eine Hose nicht steht".

Jessica Künz unterschrieb 2002 beim Ordnungsamt eine Bürgschaft: für Paulinas Studentenvisum. Paulina zog ins Wohnheim, studiert nun Deutsch und Geschichte und betreut als fest angestelltes Kindermädchen jeden Nachmittag Gordon und Rebecca, mit der sie sogar schon allein im Urlaub war. Paulina gehört zur Familie, findet Jessica Künz: "Das habe ich auch meinem neuen Partner gleich gesagt: Uns gibt es nur zu viert."

Himmlisch. Für alle. Aber wo kriegt man solche ausländischen Engel her? Und umgekehrt: Wie findet eine junge Frau inländische Gasteltern, die die Ein-Jahres-Nanny nicht wie eine Haussklavin behandeln? Wie regelt man das Zusammenleben einander zunächst wildfremder Menschen aus verschiedenen Kulturen? Was unternehmen, wenn es, wie in jeder Familie, mal höllisch knirscht und kracht?

Die evangelische wie die katholische Kirche vermitteln seit Jahrzehnten über ihre nichtkommerziellen Organisationen "Verein für internationale Jugendarbeit" (VIJ) und "In Via" Au-pairs nach Deutschland - und umgekehrt deutsche junge Menschen ins Ausland (siehe Kasten Seite zwei). In-Via-Bundesreferentin Marianne Schmidle sagt: "Wir sehen uns als Mittler sowie als Anwalt des Au-pairs." VIJ und In Via haben bundesweit Anlaufstellen, wo man betreut wird - bei Notfällen rund um die Uhr. Im VIJ-Online-Forum können sich Gasteltern zu den klassischen Problemen äußern: Über stets nur rund gewischte Ecken (mal ehrlich: wer konnte denn, als er 18, 19, 20 Jahre war, Pos, Klos und Kandelaber korrekt putzen)? Dazu über hohe Telefonrechnungen, Dauerduschen, massiven Schoko-Konsum und goldkettchenbehangene Verehrer auf lauten Mopeds - also über den ganz normalen Ärger mit (spät)pubertierenden Kindern, den Gasteltern so schon mal vorab kennen und fürchten lernen. Trotzdem: Auch die eigenen, kleineren Kinder lernen viel.

Ohne Toleranz kaum möglich

Toleranz gegenüber anderen Hautfarben, Ostersitten und Geburtstagsbräuche aus anderen Ländern. Lernen auch, cool höllenscharfe kenianische Eintöpfe zu löffeln, auf Thai guten Morgen zu sagen, auf Polnisch "Bruder Jakob" zu singen - oder auch iranische Kampfparolen zu skandieren, weil das Au-pair sie heimlich mit zu Demos genommen hat.

Tja, die Multi-Kultur: So mancher Zwölf-Monats-Gast fühlt sich bei der Ankunft hinter Halbgardine und Jägerzaun, als sei er per Anhalter durch die Galaxis gebeamt worden und unter muffigen Außerirdischen gelandet. Umgekehrt litten die drei halbwüchsigen Söhne eines Hamburger Witwers unter der Schwermut ihrer Tartarin: "Sie konnte zwar die Buddenbrooks auswendig, aber normal geredet hat sie fast nie - und gelacht erst recht nicht!"

Daher gibt es bei VIJ und In Via - wie bei vielen Agenturen - zur Aufmunterung Ausflugsprogramme für die Au-pairs, dazu regelmäßige Treffs - nicht nur eine Internetadresse wie bei den vielen neuen Vermittlungsfirmen, die als eine Art Mädchenmakler online fungieren: Seit 2002 reicht ein Gewerbeschein, bis dahin brauchten private Vermittler eine Erlaubnis vom Arbeitsamt. "Früher handelten die mit Dachziegeln, heute mit Au-pairs - Missbrauch ist programmiert", heißt es bei den zwei Dachverbänden der kommerziellen Agenturen über die dort nicht organisierte, oftmals billigere, aber nicht unbedingt seriöse Konkurrenz.

Missbrauch ist vorprogrammiert

Die Krankenschwester Tina Schwarte, 25, aus Attendorn hat damit einschlägige Erfahrungen: "Wollen Sie ein Mädchen für die Kinder - oder für einen, äh, Film - Sie wissen schon?", fragte man sie bei zwei Agenturen am Telefon. Die Mutter der Kleinkinder Nico und Chantal, im Abstand von nur zehn Monaten geboren, reagierte sofort: "Das habe ich der Polizei in Siegen gemeldet, die hatten wohl schon Hinweise auf diese Leute, jedenfalls sind sie aus dem Internet verschwunden."

Tina Schwarte arbeitet Teilzeit, aber Schicht, ihr Mann Markus, 33, Vollzeit im Büro eines Raiffeisen-Markts. Inzwischen haben sie das vierte Au-pair-Mädchen. Eigentlich hat es mit allen geklappt. Auch wenn Racker Nico, 4, der ukrainischen Deutschlehrerin Alla weismachte, sein Goldhamster würde natürlich auf alle Ausflüge mitgenommen, und die das Tierchen brav in der Hand mitschleppte, weil sie die Leine nicht fand. Ihre Vorgängerin, die bildhübsche Lettin Lena*, hopste, wenn Herr Schwarte zugegen war, splitternackt durchs frisch erbaute Haus und ließ, wie die Familie hinterher erfuhr, Erotikfotos machen.

Als Problem unter Gastmüttern gilt, wie sicherzustellen ist, dass der Gatte nicht den Reizen einer rassigen Russin ohne Schwangerschaftsstreifen erliegt - wie beim Nunmehr-Ex-Ehepaar Deimer* aus Hamburg. So etwas kann natürlich auch die beste Agentur nicht verhindern - also engagiert man, so eine Au-pair-erfahrene Ehefrau, "lieber gleich die unscheinbare Moppelige, aber Kinderliebe als so eine langbeinige Sirene".

Können eine große Hilfe sein

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel, Papa von drei Söhnen (5, 10, 12 Jahre), versorgte einst zwei Jahre lang halbtags Haushalt, Kinder, Meerschweinchen und Hund, Ehefrau Andrea ging derweil als Logopädin arbeiten. Inzwischen schaffen beide Vollzeit. Sie empfanden ihre vier Au-pairs als "große Hilfe". "Dann wollten wir vor einem Jahr eigentlich eine Haushaltshilfe einstellen - leider haben wir keine gefunden, die nicht schwarz, sondern sozialversicherungspflichtig arbeiten wollte", sagt Niebel. Nun passt Ex-Au-pair Bibiana aus Kolumbien, heute Studentin, auf die Jungs auf - als Minijobberin.

Für Schichtarbeiter, Alleinerziehende, Witwer, Pendler, Selbstständige ebenso wie für Paare, die beide trotz Nachwuchs nicht jahrelang raus aus dem Job wollen oder können, kann ein Au-pair eine gute Lösung sein - wenn dafür Platz in Wohnung oder Haus ist. Vor allem im Westen der Republik sind Ganztagsbetreuungsplätze rar - und leicht so teuer wie ein Au-pair, aber nicht so flexibel. Eine fest angestellte Kinderfrau kostet wegen der hohen Lohnnebenkosten gar drei-, viermal so viel - erst recht, seit Rot-Grün 2002 die Steuervorteile dafür abschaffte: das von den linken Herren mit Hausfrauen so genannte, angebliche Dienstmädchen-Privileg.

Ein Ausdruck, der nach moderner Sklaverei klingt. Und die gibt es tatsächlich - nicht bei legalen Kinder- frauen, sondern bei illegalen Au-pairs: Im Dezember 2002 erhängte sich Ramona Radulovici im bayrischen Herrieden am Schaukelseil. Am Leichnam der 21-jährigen Rumänin, von den brutalen Gasteltern übers Internet ohne Vermittler angeworben und weder bei Arbeitsamt noch Ausländeramt gemeldet, wurden Brandverletzungen festgestellt, ihr Körper war mit blauen Flecken übersät. Die zuständige Ansbacher Arbeitsagentur machte daraufhin bei anderen Gasteltern unangemeldete Hausbesuche: Da schlief ein Mädchen im fensterlosen Verschlag unter der Treppe, anderen war das Telefonieren nach Hause verboten, viele arbeiteten viel zu viel.

Einige ganz schlimme Fälle

"In manche Familien darf kein junger Mensch mehr vermittelt werden", sagt In-Via-Frau Schmidle. "Wenn wir von schlimmen Zuständen erfahren, teilen wir das der Arbeitsagentur mit - die verweigert solchen Gasteltern dann die Arbeitserlaubnis fürs Au-pair. Unsere Gasteltern sind grundsätzlich einverstanden mit Hausbesuchen."

Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser: Seit Mitte Juni gibt es ein neues, strenges RAL-Gütesiegel für Vermittler, das jede Au-pair-Agentur beantragen kann. Die Einhaltung aller Kriterien sollen un- abhängige Gutachter bis zu zweimal jährlich prüfen - unangekündigt. Die zwei Dachverbände der Agenturen haben bereits eine kostenlose 24-Stunden-Hotline (0800/110-28 72 47) für Katastrophen eingerichtet.

Doch auch in manchen Herkunftsländern sind Schlepper am Werk. Andrea Grote schüttelt es immer noch, wenn sie an ihr marokkanisches Au-pair von 2001 denkt: "Nach vier Wochen war sie einfach weg, samt Ausweis und Ticket; ihre Klamotten sind heute noch auf unserem Dachboden. Mein Ex-Mann musste dann ein Jahr später zur Polizei nach Gifhorn: Man hatte ein totes Mädchen gefunden, er sollte die Leiche anschauen. Aber sie war es nicht." Marokko ist polizeibekannt, weil dort Schleuserbanden angebliche Au-pairs mit entsprechendem Visum nach Deutschland schicken, wo die aber nach kurzer Zeit verschwinden - und vermutlich als (Zwangs-)Prostituierte enden.

Trotzdem: Mütter wie Jeanette Steinkat, Jessica Künz und Andrea Grote glauben an das Au-pair-Modell, an das Flexible und das Internationale. Und ihre Kinder auch, selbst wenn sie traurig sind, dass ihr ausländischer Engel nach zwölf Monaten wieder wegfliegt. Es kommt ja ein neuer, meistens.

*Namen von der Redaktion geändert.

Bettina Schneuer / print