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Aufsteiger: Platz an der Sonne

Mit den Solarzellen kam das Glück: In einem kleinen Ort bei Bitterfeld entstehen neue arbeitsplätze - und das Tag für Tag.

Von den blühenden Landschaften, die Altkanzler Helmut Kohl den neuen Bundesländern nach der Wende versprochen hat, ist nicht viel zu sehen. Dresden setzt Glanzpunkte mit der gläsernen VW-Fabrik und Computerchips, in Leipzig rollen BMWs und Porsches vom Band - aber der ganze große Rest des Ostens wartet noch immer auf den Aufschwung. Der ganze Rest? Ausgerechnet am Rande des daniederliegenden Chemiestandortes Bitterfeld, wo die Arbeitslosigkeit 22 Prozent beträgt, brennt ein neues, helles Leuchtfeuer.

Im kleinen Ort Thalheim entstehen neue Arbeitsplätze - und das Tag für Tag. Das 1600-Seelen-Dorf entwickelt sich zu einer der Welthauptstädte der Sonnenenergie. Der Motor des Aufschwungs heißt Q-Cells. Die Firma produziert Solarzellen und jede Menge neuer Jobs.

Dass dieser Hoffnungsträger

gerade dort seine Erfolgsstory schreibt, verdankt Thalheim Manfred Kressin. Der 62-Jährige mit dem schlohweißen Haar ist ehrenamtlicher Bürgermeister. Im Hauptberuf leitet er das örtliche Technologie- und Gründerzentrum. Sein Büro befindet sich im ehemaligen Konstruktionsgebäude der Filmfirma Orwo, in dem die Luft trotz der Renovierung irgendwie nach DDR riecht. "Das kriegen wir einfach nicht raus", sagt er mit einem Seufzer und reißt die Fenster auf. "Dafür haben wir aber draußen die Wende geschafft."

Diese begann, als Kressin die vier Gründer von Q-Cells kennen lernte. Die wollten ursprünglich ihr Unternehmen in Berlin aufbauen. Doch dann verfingen sie sich im Genehmigungsprocedere der schläfrigen Hauptstadtbehörden. Thalheims Bürgermeister konnte die Gründer von einem Umzug überzeugen. "Als die Herren zum ersten Mal hier ankamen, waren sie begeistert", sagt Kressin, "keine Spur von Umweltverschmutzung, stattdessen frische Luft und viele freie Flächen, wo sie zügig bauen konnten."

Nun hat auch Thalheim seine Erfolgsstory. Die Einwohnerzahl - zur Wendezeit lebten hier tausend Leute - wächst, neue Firmen siedeln sich an. Der größte Trumpf der kleinen Gemeinde: kurze Entscheidungswege. "Wenn es sein muss", sagt Bürgermeister Kressin, "hole ich meinen Gemeinderat mit dem Fahrrad zusammen." Und der spurt. Was hier binnen einer Woche abgenickt wird, hätte in Berlin zehnmal so lange gedauert, weiß man in der Q-Cells-Chefetage.

Was Kressin besonders freut:

Die Menschen haben wieder eine Berufsperspektive. Zum Beispiel Uwe Schmorl. Der 42-jährige Mechaniker ("Mit Abitur!") aus dem Nachbarort Wolfen war einer der ersten drei Mitarbeiter, die Q-Cells zum Unternehmensstart im Jahr 1999 eingestellt hat. Inzwischen ist Schmorl zum Produktionsleiter aufgestiegen, sein Gehalt hat sich mehr als verdoppelt. "Was hier entsteht, ist ein Traum", sagt er. "In Wolfen gab es einmal 15000 Beschäftigte beim Filmhersteller Orwo, 1500 sind übrig geblieben. Und nun gibt es direkt nebenan ständig neue Arbeitsplätze."

Denn Q-Cells arbeitet in einer boomenden Branche - und macht dort bisher alles richtig. Das Unternehmen stellt kleine Siliziumscheiben her, die das Sonnenlicht einfangen und in Strom umwandeln. Photovoltaik heißt die Technik, mit der Q-Cells in kürzester Zeit groß geworden ist. Mit einem Startkapital von 60000 Euro haben die vier Gründer um den Vorstandsvorsitzenden Anton Milner Q-Cells 1999 ins Handelsregister eintragen lassen und zwei Jahre später mit Fördermitteln der Landesregierung die Produktion in Thalheim begonnen. Heute macht das Unternehmen einen Umsatz von 140 Millionen Euro, die jährlichen Wachstumsraten liegen bei steilen 300 Prozent.

Wer mit Anton Milner sprechen will, muss sich auf dem Weg zu seinem Büro durch Türme von Kartons schlängeln. Die Verwaltung sitzt auf gepackten Kisten, zieht in wenigen Tagen in einen nagelneuen Gebäudetrakt um: ein sechs Stockwerke hoher Würfel, dessen südliche Fensterfront über und über mit Solarzellen versehen ist. "Wir platzen aus allen Nähten", klagt Milner. Der Brite hat früher für Royal Dutch/Shell Rohöl in London gehandelt, bevor er 1999 auf die saubere Energie umschwenkte. Bei Q-Cells ist Milner Umzüge gewohnt. Der dicke Würfel ist mittlerweile Verwaltungsgebäude Nummer drei auf dem ständig wachsenden Firmengelände.

Vor kurzem hat die vierte Fertigungsstraße für Solarzellen ihren Betrieb aufgenommen. "Jeden Tag stellen wir ein bis zwei neue Mitarbeiter ein, die meisten natürlich für die Produktion", sagt Milner und bindet sich flink eine Krawatte um, denn im Besprechungsraum wartet eine Firmendelegation aus Südkorea, die mit ihm über die Lieferung des Rohstoffs Silizium verhandeln möchte.

700 Menschen arbeiten hier, Ende dieses Jahres werden es rund tausend sein. Q-Cells ist dann der größte Arbeitgeber im Landkreis Bitterfeld. Rückenwind für die Expansion erhält das Unternehmen vom Boom auf dem Photovoltaikmarkt, der nach Expertenschätzungen weltweit bis 2010 jährlich um mindestens 25 Prozent wachsen wird. "Unsere Solarzellenfabrik ist schon jetzt die größte Europas, in sechs Monaten stehen wir weltweit auf Platz drei", sagt Milner.

"Anton, hier sind deine Flugtickets", unterbricht die Vorstandsassistentin. Ihr Chef muss sich sputen. Die Koreaner warten, am Abend fliegt der komplette Vorstand nach Barcelona zum internationalen Solar-Kongress. Und außerdem hat Bundeskanzler Gerhard Schröder seinen Besuch angekündigt, um sich im Wirtschaftswunder Ost zu sonnen. "Kriegen wir alles hin, Petra", beruhigt Milner sie.

Was Schröder zu sehen bekommt, ist der neueste Stand der Technik bei der vollautomatischen Herstellung von Solarzellen. "Mit der Fließbandproduktion steht unsere Branche dort, wo die Automobilindustrie im Jahre 1920 war", sagt Q-Cells-Technologievorstand Reiner Lemoine, der gerade den Leistungskurs Chemie des Fichtenberg-Gymnasiums aus Berlin durch den blitzsauberen Betrieb führt. "Wir müssen noch viel herumexperimentieren, um die Qualität zu steigern und die Kosten zu senken. Hier lässt sich noch viel Potenzial heben, doch das dauert."

Dabei stehen die Ingenieure

unter Zeitdruck. Noch wird die Herstellung regenerativer Energien staatlich gefördert - mittels eines Preisaufschlags, den die Versorger für die Einspeisung sauberer Energie in ihr Netz zahlen müssen. Doch damit ist spätestens 2010 Schluss. Und sollte eine neue Regierung die Weichen anders stellen, könnte das stürmische Wachstum von Q-Cells gebremst werden.

Also drückt die Mannschaft aufs Tempo. Und auch die Behörden der Stadt Wolfen geben Gas. Genauer gesagt: Gerd Mennicke, Mitarbeiter im Stab für Wirtschaftsförderung, der auch für Thalheim zuständig ist. Mennicke hat sein Büro in einer ehemaligen Kaserne der Nationalen Volksarmee. Er trägt Jeans, kariertes Hemd und Sandalen, macht seinen Job seit zehn Jahren und sieht sich selbst als Lotse. Er kennt alle wichtigen Leute: Vertreter des Landkreises, Architekten, die Verantwortlichen bei Bauunternehmen und den örtlichen Versorgern für Wasser, Energie und Telekommunikation. "Neue Projekte realisieren wir in Rekordzeit", sagt Mennicke. "Sind alle Unterlagen vollständig, kann nach vier bis sechs Wochen der Bau beginnen. Wir haben doch keine andere Chance bei 20 Prozent Arbeitslosigkeit."

Der Lotse beherrscht sein Netzwerk, Q-Cells-Chef Milner freut sich über die fixe Truppe. "Nur neun Monate dauerte es vom Spatenstich bis zum Start der Produktion der ersten Solarzellen. Wir haben mit Behördenschub die schnellste Fabrik der Welt gebaut."

Und Mennicke krempelt wieder die Ärmel hoch. In Thalheim wächst der nächste Leuchtturm. Auf 50 Hektar Ackerfläche entsteht der "Micro-Tech-Park". Q-Cells baut hier gemeinsam mit der australischen Pacific Solar AG und der US-Firma Evergreen zwei Fabriken für noch leistungsfähigere Solarzellen.

Die Planierraupen ebnen

bereits die Zufahrt durch die Felder, im Graben daneben liegen die Versorgungsleitungen, in spätestens zehn Monaten soll die Produktion starten. Dann werden in Thalheim 5000 Leute in der Solarbranche arbeiten. Die neue Straße, die hier entsteht, hat auch schon einen Namen: "Wir haben sie Sonnenallee genannt", sagt Mennicke. Auf Englisch Sun Alley. "Das fanden die Amerikaner toll." In Thalheim wissen sie sich halt zu verkaufen.

Joachim Reuter / print