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Ausbildung: "Lehrstellensuchende sind zu unflexibel"

Jugendliche sollen sich bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz nicht nur in der Nähe ihres Wohnortes umschauen und sich außerdem nicht auf ein einziges Berufsbild versteifen, fordern Bildungsministerin Bulmahn und andere Politiker.

Wenige Tage nach dem Lehrstellengipfel von Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern steigt der Druck auf Jugendliche und Unternehmen. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) drohte unwilligen Bewerbern mit der Kürzung von Sozialhilfe. Auch andere Politiker und Wirtschaftsvertreter forderten mehr Flexibilität bei der Lehrstellen-Suche. Zudem ist eine Ausbildungsabgabe für Unternehmen, die keine Lehrlinge einstellen, noch nicht vom Tisch. "Wenn am Jahresende noch Zehntausende ohne Lehrstelle sein sollten, drohen Maßnahmen wie Ausbildungsabgaben", sagte Bulmahn dem Magazin "Focus".

Derzeit fehlen nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit bundesweit rund 140.000 Ausbildungsplätze. Mit dem Spitzengespräch am Dienstag hatten Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgeber deshalb eine gemeinsame Ausbildungsoffensive für mehr Lehrstellen gestartet.

Viele seien nicht flexibel genug

"Wir können schon jetzt die Sozialhilfe kürzen und überlegen, das zu verschärfen", sagte Bulmahn nun dem Magazin "Focus". Einige Jugendliche versteiften sich chancenlos auf einen Berufswunsch, ohne eine Alternative in Betracht zu ziehen. Wenn der Berufswunsch nicht in Erfüllung geht, griffen viele zur Sozialhilfe, kritisierte die Ministerin.

"Lieber Metzgerlehrling in Schwaben als ungelernt in Flensburg"

Die grüne Finanzexpertin Christine Scheel schloss sich an: "Wer einen angebotenen Ausbildungsplatz ablehnt, dem sollte rigoros jede staatliche Unterstützung gestrichen werden", sagte sie der "Bild am Sonntag". "Wer in Deutschland etwa in einer Grenzregion keine Lehrstelle findet, sollte sich auch einmal im benachbarten Ausland umschauen", sagte der CDU-Wirtschaftspolitiker Matthias Wissmann dem Blatt. Und FDP-Vize Rainer Brüderle meinte: "Lieber eine Metzgerlehre auf der Schwäbischen Alb als ungelernt und chancenlos in Flensburg."

"Viele wollen nicht mal 20 Kilometer fahren"

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, kritisierte die örtliche Flexibilität der Bewerber: "Viele sind nicht einmal bereit, eine Strecke von 20 Kilometern in Kauf zu nehmen." Das Lehrstellenangebot sei aber nicht überall gleich, argumentierte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Dieter Philipp: "Allein in Baden-Württemberg blieben in diesem Lehrjahr rund 13.000 Stellen unbesetzt. Auch in Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz gibt es offene Stellen."

Ausbildungsabgabe wird vorbereitet

Auch Unternehmen, die keine Lehrlinge einstellen, könnten unter Druck geraten. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, die Vorarbeiten für eine Ausbildungsplatzabgabe hätten bereits begonnen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) habe Bulmahn beauftragt, die Modalitäten einer solchen Abgabe zu erarbeiten. Für das laufende Jahr hatte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) die Abgabe ausgeschlossen.

Nach Ansicht der FDP-Bildungspolitikerin Ulrike Flach hat die Strafgebühr aber "nur den Charme, den einfacheren Gemütern über die vermeintlichen Wohltaten zu Gunsten der Arbeitgeber wegzuhelfen". Wer dem Mittelstand weitere Lasten auferlege, "legt die Axt auch an das kleinste Pflänzchen wirtschaftlicher Wiederbelebung". Auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Harald Schartau (SPD) lehnt eine Ausbildungsabgabe strikt ab und setzt auf Freiwilligkeit bei der Schaffung von Arbeitsplätzen. Das sei Erfolg versprechender als eine Abgabe, sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag".

Der ZDH befürchtet zudem einen dramatischen Abbau von Lehrstellen, wenn Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) seine Pläne zur Streichung von 62 Meisterberufen durchsetzt. "Mindestens die Hälfte der heutigen 120.000 Lehrstellen in diesen Berufen stünde zur Disposition", sagte ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer dem "Tagesspiegel".