HOME

Psycho-Software im Job: Was die Stimme über die Persönlichkeit verrät

Computerprogramme lesen die Stimme in Bewerbungsgesprächen aus - und erstellen ein Persönlichkeitsprofil. So sollen die passenden Mitarbeiter für Jobs gefunden werden. Chefs sind begeistert, Datenschützer entsetzt. 

Von Silke Gronwald

Anhand der Stimme ein Persönlichkeitsprofil

Computeprogramme erstellen anhand der Stimme ein Persönlichkeitsprofil: Nützlich oder risikoreich?

Sven S. sitzt in Jogginghose und Schlabber-T-Shirt zu Hause auf dem Sofa, hat den Hörer am Ohr und antwortet auf die Fragen einer männlich klingenden Computerstimme. Ganz banale Sachen will die Maschine wissen, etwa wie ein typischer Sonntag bei ihm aussieht oder was er in seinem letzten Urlaub gemacht hat. Nach einer Viertelstunde weiß der Rechner offenbar genug, sagt vielen Dank, und Sven S. legt auf. Ein Vorstellungsgespräch wie dieses hat er noch nicht erlebt.
Der 35-Jährige hat sich beim Personaldienstleister Randstad als Vertriebsdisponent beworben. Er hat Zeugnisse und Lebenslauf an die Personalabteilung geschickt, hat ein erstes Telefonat erfolgreich überstanden, und nun muss er noch zeigen, was für ein Typ er ist. Wie belastbar, wie kommunikativ, wie motiviert? Früher hätte er dafür einen Tag zu einem Assessment-Center in eine Randstad-Filiale reisen müssen. Heute reicht ein 15-Minuten-Telefonat mit einem Computer.

Stimme punktet, Inhalt verliert

Das Gespräch wird aufgezeichnet und ausgewertet. Was genau Sven S. während der Viertelstunde erzählt, ist egal. Inhalte zählen nicht. Wichtig ist, wie Sven es sagt. Sein Sprachrhythmus, die Geschwindigkeit, die Betonung, der Satzbau, die Wortwahl – all dies gibt Auskunft darüber, wie er drauf ist. Ob er etwa faul oder fleißig, neugierig oder ängstlich ist. Innerhalb von Sekunden lässt sich ein komplettes Persönlichkeitsprofil anhand seiner Stimmprobe ermitteln – so das Versprechen der neuen Software des Aachener Start-ups Precire Technologies.
Geschäftsführer Dirk Gratzel hat die Analysesoftware mit einem Team von 30 jungen Informatikern, Psychologen und Linguisten entwickelt. Ein Beirat mit Wissenschaftlern der RWTH Aachen, der LMU München und der Uni Hohenheim begleitet das Projekt.
"Zur Decodierung der menschlichen DNA braucht es eine Haarwurzel, zur Erfassung des Charakters eines Menschen müssen wir nur seine Stimme haben" , sagt Gratzel. Es hört sich an wie das Szenario eines düsteren Science-Fiction-Films, wenn er erzählt, was die Wissenschaftler glauben, alles aus der Sprechweise herauslesen zu können. "Wir erkennen, wie ausgeglichen jemand ist, ob er fürsorglich ist oder den Hang zu Depressionen hat", sagt Gratzel, "wir identifizieren seine Motivation, wie er mit Stress umgeht und ob er auf andere sympathisch wirkt."

Tipps für die Jobsuche: Mit diesen Fragen punkten Sie beim Bewerbungsgespräch


Moderne Wissenschaft im Bewerbungsgespräch

Vor drei Jahren, als Gratzel das Unternehmen gründete, hatte der Jurist und Headhunter nur eine grobe Idee, dass es Zusammenhänge zwischen Charakter und Sprache gibt. Zunächst ließ er deswegen 5500 Menschen nach der klassischen psychologischen Diagnostik untersuchen. "Wir haben alles genutzt, was die moderne Wissenschaft zu bieten hat – Fragebögen, Einzelgespräche, Assessment-Ergebnisse", erzählt er. Am Ende hatte er ein psychologisches Profil jedes seiner Probanden. Im nächsten Schritt ließ er sich von allen Teilnehmern eine Sprachprobe geben. Und dann ging es darum, wiedererkennbare Muster zu finden.
500.000 Messwerte analysierte die Maschine dazu. Sie berechnete die Auswahl, Häufigkeit, Sortierung und Struktur von Worten und Sätzen. Wie lang sind die Pausen? Wie viele Wörter haben die Sätze, wie verschachtelt sind sie? "Jede Aufnahme wurde so seziert, als ob sie ein Haar unters Raster-Elektronenmikroskop legen", sagt Gratzel.
Jeder Charaktereigenschaft lässt sich nach den Ergebnissen der jungen Firma ein bestimmtes Sprachmuster zuordnen. "Man darf es sich aber nicht zu einfach vorstellen", sagt Gratzel. Wenn jemand langsam spricht, bedeutet es nicht zwangsläufig, dass er depressiv ist – es ist lediglich einer von vielen Hinweisen. Das endgültige Analyseergebnis besteht aus unzähligen Mosaiksteinchen. "Unsere Treffsicherheit liegt bei über 85 Prozent. Das ist verglichen mit anderen psychologischen Verfahren sehr, sehr hoch", sagt Gratzel.

No-Gos bei der Jobsuche: Diese Fehler sollten Sie im Bewerbungsgespräch vermeiden


Was sagt die Stimme über die Persönlichkeit aus?

Unabhängige Studien, die das bestätigen können, gibt es nicht. Erste Untersuchungen an Hochschulen laufen derzeit, Ergebnisse liegen aber noch nicht vor. Versuche, die Persönlichkeit mithilfe einfacher Methoden zu entschlüsseln, gibt es schon lange. Vor rund hundert Jahren hat Hermann Rorschach, der Erfinder der berühmtberüchtigten Tintenkleckse, behauptet, den menschlichen Charakter anhand der Interpretation wilder Tropfenformen ablesen zu können. Auch Grafologen werden nicht müde, auf den Zusammenhang zwischen Handschrift und Persönlichkeit hinzuweisen. Doch am Ende bleiben bei all diesen Methoden viele Zweifel.

Randstad setzt das von Precire entwickelte Verfahren seit gut einem Jahr ein und hat es inzwischen bei mehr als tausend Bewerbern für Stellen in der eigenen Organisation getestet. "Für uns ist es ein sehr effizientes Instrument für eine erste Vorauswahl", sagt Personalchef Andreas Bolder, "es spart enorm viel Zeit und Kosten." Die Kandidaten müssen nicht extra anreisen, teure Testtage entfallen. Natürlich sei die Teilnahme an der Sprachanalyse freiwillig, jeder Bewerber werde vorher genau aufgeklärt, beteuert Bolder. Aber bislang hätte es keinen Fall gegeben, wo jemand total ablehnend gewesen sei: "Im Gegenteil, die meisten reagieren neu gierig und interessiert."
Christian Götz, Experte für Arbeitsrecht bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, ist deutlich skeptischer: "Ich würde so etwas in tausend Jahren nicht mitmachen. Das ist ja fast so, als müsse sich der Bewerber nackig ausziehen." Die erhobenen Daten griffen ganz weit ins Persönlichkeitsrecht ein, meint der Jurist. Das sei nur zulässig, wenn der Bewerber vorab ganz genau darüber aufgeklärt werde, was alles erfasst wird. Sonst sei der Einsatz dieses Tools mehr als grenzwertig.

Großes Potenzial der Persönlichkeitsprogramme

Das Interesse der deutschen Unternehmen an der neuen Psycho-Technologie ist dennoch groß. Wenn sie hält, was sie verspricht, lässt sie sich nicht nur für die Mitarbeiterrekrutierung einsetzen. Auch das bereits vorhandene Personal könnte auf seine Fähigkeiten und sein Potenzial durchgecheckt werden. Krankenversicherungen könnten vom Burnout gefährdete Patienten im Vorfeld identifizieren und ablehnen, Hausratversicherungen könnten überprüfen, ob der Kunde lügt, wenn er einen Schaden meldet. Die Zahl der potenziellen Einsatzfelder ist gewaltig. Gut die Hälfte der 200 größten deutschen Konzerne hat sich laut Gratzel schon über Precire informiert. "Der Vorstand der Commerzbank hat uns als die Innovation mit der größten Relevanz für seine künftigen Geschäftsprozesse identifiziert." Die Software wird derzeit schrittweise in den Bereichen Risikovorsorge, Kundenerlebnis und Personalentwicklung eingeführt. Das Finanzinstitut selbst möchte sich zu dem Pilotprojekt nicht äußern. Auch die AOK, der Energiedienstleister Ista, die Unternehmensberatung Kienbaum, eine europäische Hotelkette und ein großer Autoversicherer zählen zu den Kunden. Genauere Auskünfte dazu gibt es aber kaum.

Kein Wunder. Denn neben den Vorteilen birgt die Technologie auch ungeheure Gefahren. Datenschützer sind alarmiert. Die Software ist ein weiterer Schritt in Richtung gläserner Mitarbeiter und Kunde.
Daniel Strunk, Sprecher der Behörde für Datenschutz und Informationsfreiheit in Nordrhein-Westfalen, hat sich intensiv mit dem Geschäftsmodell von Precire befasst: "Eine algorithmische Menschenrasterung halten wir gerade im Arbeitsund Versicherungsverhältnis für sehr problematisch. Menschen anhand einzelner Parameter maschinell zu bewerten, kennen wir bislang nur vom Kredit-Scoring – und dort kommt es auch immer wieder zu fehlerhaften Ergebnissen."

Gefahren der Stimm-Software

Was Precire so bedrohlich macht, ist, dass es auch im Verborgenen funktioniert, auch ohne Einverständnis des Betroffenen. Ein Gespräch kann leicht heimlich mitgeschnitten und ausgewertet werden. Natürlich ist so etwas nicht legal, und Dirk Gratzel weist immer wieder darauf hin, dass er seine Technologie nie aus den Händen gibt, sondern immer nur als Dienstleistung für die Unternehmen anbietet. Aber wie ist das genau zu kontrollieren?
Sven S. hat bei seinem Randstad-Test übrigens ein ausgesprochen gutes Ergebnis erreicht. Hochqualifiziert sei er für den Job. Der Computer attestiert ihm ein deutlich überdurchschnittliches Charisma, die Maschine sagt, dass er andere begeistern und sich gut organisieren kann, dass er ausgeglichen ist und eine mittlere Belastbarkeit aufweist. Sie bemängelt allerdings auch, dass sein innerer Antrieb etwas zu wünschen übrig lässt und nur unterdurchschnittlich ausgeprägt ist. Ob er für den Job langfristig geeignet ist? Lässt sich noch nicht sagen. Die Software ist bei Randstad noch im Versuchsstadium. "Erst wenn die Leute, die wir über Precire ausgewählt haben, auch langfristig sich im Unternehmen bewähren, ist der endgültige Lackmustest bestanden", sagt Personalchef Bolder.

Psychologie: In diesen zehn Jobs gibt es die meisten Psychopathen
Beamte als Psychopathen

Auf Platz 10: Ein bisschen Macht und fast pedantisches Arbeiten - so stellt man sich die Arbeit der Beamten in den vielen Behörden gerne mal vor. Und ausgerechnet dort sollen viele Psychopathen sitzen.