Bilanz Wie gescheitert ist der Ausbildungspakt?


Die Wirtschaft lehnt sich zurück und sagt: Wir haben unser Soll erfüllt. Laut Arbeitsagentur stehen 120.000 Lehrstellen zur Verfügung. Dennoch fehlen rund 30.000 Plätze. Der DGB wiederum glaubt: Der Ausbildungspakt sei gescheitert.

Die Jugendlichen, die jetzt einen Ausbildungsplatz suchen, werden von widersprüchlichen Nachrichten verwirrt. Die Wirtschaftsverbände meldeten jetzt, sie würden ihr Soll von 30.000 neuen Ausbildungsplätzen aller Voraussicht nach erfüllen. Die Bundesagentur für Arbeit nannte 120.000 freie Lehrstellen.

Auf Nachfrage hieß es allerdings in Nürnberg, die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage werde voraussichtlich mit mehr als 30.000 größer sein als 2005. Der Deutsche Gewerkschaftsbund schlägt Alarm und sieht Bedarf für 50.000 außerbetriebliche Ausbildungsstellen. Erwartet wurde in diesem Jahr eine deutliche Besserung des Problems, weil die Konjunktur anzieht. Doch zugleich bewerben sich mehr junge Leute als im vergangenen Jahr um Ausbildungsplätze.

Der Anteil der "Altbewerber" liegt bei rund 50 Prozent, wie die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände mitteilte. Das Durchschnittsalter liege bei 18 bis 19 Jahren. Aus der Bundesagentur für Arbeit hieß es, die meisten Ausbildungsverträge würden erst im Sommer geschlossen, kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres. Ende September könnte die Lücke jedoch etwas größer sein als 2005, sagte Pressesprecherin Ilona Mirtschin. Damals hatten 28.300 Bewerber keine Lehrstelle gefunden, in diesem Jahr könnten es nach BA-Schätzung 30.000 bis 31.000 sein. Die Berufsberater würden sich deshalb jetzt gezielt an die Ausbildungsplatz-Suchenden wenden.

Lehrstellen zielgenau vermitteln

Das Handwerk hat gemeinsam mit dem DIHK das Modellvorhaben "Matching" organisiert, um frei bleibende betriebliche Lehrstellen zielgenau zu vermitteln. Leer ausgegangene Jugendliche haben auch noch später Chancen, etwas zu finden. Die BA-Sprecherin wies darauf hin, dass rund ein Viertel der Ausbildungsverhältnisse während der Probezeit wieder gelöst würden. "Es ist sehr viel Bewegung auf dem Ausbildungsmarkt", sagte Mirtschin. "Allen Unkenrufen zum Trotz: Der Ausbildungspakt bewährt sich auch in diesem Jahr", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Georg Braun. Es gebe bereits fast 159.000 Ausbildungsverträge, womit 3474 Jugendliche mehr als 2005 untergebracht seien.

Das Handwerk wird "mit allergrößter Anstrengung allenfalls die Lehrstellenzahlen des Vorjahres halten können", wie der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Otto Kentzler, sagte. "Der Schlüssel für mehr Ausbildung im Handwerk ist vor allem eine bessere Konjunktur".

Nach Auffassung des DGB ist der 2004 geschlossene Ausbildungspakt gescheitert. "Wir dürfen nicht länger hinnehmen, dass sich junge Menschen teilweise drei, vier Jahre vergeblich bewerben", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. "Die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze ist allein in den letzten drei Jahren um 50.000 gesunken, und die Zahl der Bewerber steigt immer noch."

Doch die DGB-Forderung für eine Umlage und ein staatliches Ausbildungsprogramm stößt in der Politik auf Ablehnung. Dass die Kosten der Ausbildung Betriebe daran hindert, mehr Plätze anzubieten, glaubt der DGB nicht. "Wichtiger als die Vergütung sind zum Beispiel ausbildungsbegleitende Hilfen, Ausbildungsverbünde und der Wegfall der Kammergebühren", so Sehrbrock.

Arbeitgeber wollen Öffnungsklauseln

Die Arbeitgeberverbände fordern einen größeren gesetzlichen Spielraum bei den Ausbildungsvergütungen und Beschäftigungszeiten. BDA-Präsident Dieter Hundt sagte: "Wir möchten Öffnungsklauseln, so das Ausbildungsvergütungen verringert werden können, wenn zum Beispiel ein Betrieb in erheblichem Maße über den eigenen Bedarf ausbildet." Im Handwerk sind die Lehrlingstarife laut ZDH-Präsident Kentzler nicht entscheidend dafür, ob ausgebildet wird - "zumal es gerade im Handwerk eine Vielzahl von Berufen gibt, bei denen die Vergütung der Auszubildenden am unteren Rand liegt", sagte er den "Ruhr-Nachrichten". "Da gibt es keinen Spielraum nach unten."

Das Nachsehen haben in Zeiten starker Nachfrage nach Lehrstellen weiterhin die Jugendlichen ohne Schulabschluss. Der DIHK meldete aber Positives: Das beim Ausbildungspakt geschaffene Instrument der Plätze zur "Einstiegsqualifizierung" habe sich bestens bewährt. Der Handwerkspräsident sagte, es sei auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: "Es kann nicht der Normalfall sein, dass Meisterinnen und Meister die Versäumnisse in Erziehung und Bildung durch Nachhilfe und persönliches Engagement ausgleichen".

Inge Treichel/AP AP

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