Deutsche Bank "Dann geht er freiwillig"


Dem Lieblingsfeind der Kapitalismuskritiker droht der Verlust des Arbeitsplatzes. Vieles spricht dafür, dass Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, wegen der Millionenprämien bei Mannesmann erneut vor Gericht muss. Das dürfte ihn seinen Job kosten.

Es waren keine Gewerkschafter und keine SPD-Wahlkämpfer, die Josef Ackermann rieten, das Land zu verlassen. Es waren die eigenen Freunde, mächtige Männer wie er. "Warum wandern Sie nicht aus?", fragten sie vorletztes Wochenende im gediegenen Ambiente des Seehotels Überfahrt zu Rottach-Egern den Chef der Deutschen Bank. Vor den Fenstern plätscherte der Tegernsee, im Saal sprach Edmund Stoiber über die christsoziale Sicht der Welt und des Wirtschaftens. "Antikapitalistisch" nannten Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz, einem sehr elitären Debattierzirkel, hinterher die Rede des Bayern; Stoiber sei "der schlimmste von allen, kleinstes Karo". Vor den Kritikern des Kapitalismus ist man offenbar nirgendwo mehr sicher in Deutschland.

Ackermann steht unter Beschuss von allen Seiten: Die Linken sehen in ihm den Prototypen des gemeingefährlichen Kapitalisten. Konservative wie Stoiber nennen es eine "Geschmacklosigkeit", wenn er gleichzeitig Rekordgewinne und Massenentlassungen verkündet. Kunden kündigen seinetwegen ihre Konten. Kollegen aus den Vorstandsetagen wie Porsche-Chef Wendelin Wiedeking reden öffentlich schlecht über ihn. Er muss viel aushalten. "Die Kampagne beeindruckt ihn", sagt ein Kollege Ackermanns.

Der Spitzenbanker

aus der Schweiz hat bis jetzt nicht gewackelt. Und er kann auf manche Erfolge verweisen: Die Deutsche Bank ist wieder erfolgreich wie lange nicht. Dennoch spricht manches dafür, dass Ackermann im Herbst stürzt. Nicht über die deutsche Heuschrecken-Debatte oder über Boykottaufrufe aus der SPD. Schon eher über seine ungeschickte Kommunikationspolitik. Selbst seine Aufsichtsräte nehmen ihm übel, dass er vor einigen Wochen die bevorstehende Entlassung von 6000 Mitarbeitern mit dem Gewinnziel von 25 Prozent verbunden hat. Schlimmer wird in ihren Augen dieser "Kommunikations-GAU" noch dadurch, dass Ackermann auf die Verknüpfung trotz intensiver Warnungen seiner Aufsichtsräte und einiger Berater bestanden habe. Die Rede sei zwar "brillant" gewesen, "aber das Herz bleibt kühl", lautet das harsche Urteil über den Bankchef.

Zum endgültigen Verhängnis könnte ihm nun bald eine alte Geschichte aus den Tagen der New Economy werden. Noch in diesem Jahr wird der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) entscheiden, ob er die Freisprüche im Prozess um die Millionenprämien bei der Übernahme von Mannesmann aufhebt und das Verfahren neu aufgerollt wird. Mit Entsetzen haben Ackermann und seine Kollegen bei der Deutschen Bank zur Kenntnis genommen, dass Generalbundesanwalt Kay Nehm die Revision der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft gegen die Freisprüche vehement unterstützt. Haben die Bundesanwälte Erfolg, muss Ackermann erneut auf die Anklagebank.

Eines wäre er dann kaum mehr: Chef der Deutschen Bank. Zwar heißt es offiziell: "Es gibt keine Personaldiskussion." Doch die Überlegungen sind längst weiter. Wohl auch bei Ackermann. Es sei "eine Entscheidung, die zunächst auch Ackermann selbst zu treffen hätte", erfuhr der stern aus der Bank. Es schwebe ein "Damoklesschwert" über ihm. Im Klartext: Entlassen müsste man ihn dann nicht mehr - er ginge freiwillig.

Nichts schreckt

die Deutsch-Banker und ihren Chef so wie ein neuer Prozess. Er hat das alles schon erlebt. 37 quälende Verhandlungstage lang. Es ging um 111 Millionen Mark, die Anfang 2000 nach der Übernahme von Mannesmann durch den britischen Konkurrenten Vodafone an den scheidenden Chef Klaus Esser und viele andere Top-Leute verteilt wurden. Der Vorwurf hieß Untreue in einem besonders schweren Fall, doch am 22. Juli 2004 gab es Freisprüche für alle sechs Angeklagten - auch für Ackermann, der seinerzeit als Mitglied des Aufsichtsratspräsidiums bei Mannesmann an der Verteilung der Millionen beteiligt war.

Dennoch ist bereits jetzt der Schaden erheblich. Zwar sprach die XIV. Große Strafkammer unter der Vorsitzenden Richterin Brigitte Koppenhöfer vor zehn Monaten die Angeklagten frei. Doch gleichzeitig urteilte sie, die Zahlungen hätten gegen das Aktienrecht verstoßen - ein Desaster vor allem für Deutschlands obersten Bankier.

Nun kommt es knüppeldick. In der 55-seitigen Revisionsbegründung, die dem stern vorliegt, nehmen die Juristen der Generalbundesanwaltschaft - sozusagen die Chefankläger der Republik - das Urteil auseinander. Sie mögen allenfalls so weit folgen, dass die Zahlungen unzulässig waren. Ansonsten seien die Freisprüche "rechtsfehlerhaft", die Beweisführung weise "beachtliche Mängel" auf, die schriftliche Urteilsbegründung sei "widersprüchlich".

Im verwinkelten juristischen Gedankengebäude der Revision zeichnen sich zwei tragende Säulen ab, die Ackermann und seinen Rechtsberatern gar nicht gefallen dürften:

- Brigitte Koppenhöfer hatte argumentiert, die Zahlungen seien unzulässig, weil sie nicht im Unternehmensinteresse lägen - aber die "Pflichtverletzungen" der Angeklagten seien nicht "gravierend" und deshalb keine strafbare Untreue. Dass das Kriterium der "gravierenden Pflichtverletzung" erfüllt sein müsse und wann das der Fall sei, glaubte Koppenhöfer aus früheren BGH-Entscheidungen ablesen zu können. Dem widersprechen die Bundesanwälte entschieden: Die alten Urteile seien auf den Fall Mannesmann nicht anzuwenden, die Pflichtverletzungen waren in jedem Fall gravierend. Aber darauf komme es gar nicht an: Die Zahlungen hätten ausschließlich im Interesse der Beschenkten gelegen und nicht in dem Mannesmanns, das Unternehmen sei geschädigt - ein klarer Fall von Untreue.

- Wo selbst Koppenhöfer nicht umhin konnte, eine "gravierende Pflichtverletzung" zu sehen - im Fall der Prämie für den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Joachim Funk, der auf eigenen Wunsch mit sechs Millionen Mark bedacht wurde -, fand sie einen Ausweg, der bei unabhängigen Juristen zu ausgelassener Fröhlichkeit führte: Sie billigte den beteiligten Herren einen "unvermeidbaren Verbotsirrtum" zu. Kurz gesagt, hätten sie nicht wissen können, dass sie Unrecht taten, und es hätte ihnen auch niemand sagen können. Auch diese Konstruktion zerlegen die Bundesanwälte - und sie erinnern daran, dass Ackermann über rechtliche Bedenken der beteiligten Wirtschaftsprüfer informiert wurde.

Die Karlsruher Argumente

wiegen schwer. Am Rande des Verfahrens vor dem Landgericht vor einem Jahr ließen einige Angeklagte und Verteidiger erkennen, dass sie die Düsseldorfer Ankläger für Provinzjuristen hielten. So einfach können sie es sich jetzt nicht machen. Bundesanwalt Gerhard Altvater, der zusammen mit Oberstaatsanwalt Ralf Wehowsky die Revisionsbegründung schrieb, "ist der beste, den die in Karlsruhe haben", wie ein Strafrechtler sagt: "Das sind wirklich Top-Juristen." Und Klaus Tolksdorf, Vorsitzender des zuständigen 3. Strafsenats am BGH, gilt nicht als jemand, der vor den prominenten Angeklagten und ihren hochklassigen Anwälten kuschen könnte.

Rechtsgelehrte, die namentlich nicht zitiert werden wollen, halten die Karlsruher Revisionsschrift für "brillant", der BGH-Senat werde sich ihren Argumenten nur schwer entziehen können, "sehr wahrscheinlich" sei es also, dass die Bundesrichter das Urteil aufheben und den Casus Mannesmann nach Düsseldorf zurückverweisen werden.

Klaus Volk und Eberhard Kempf, die Anwälte Ackermanns, haben wohl nur wenig Hoffnung, sie könnten ihrem Mandanten den Weg zurück in die Niederungen des Landgerichts ersparen. Bereits im vergangenen Sommer waren sie gar nicht begeistert darüber, dass Richterin Koppenhöfer den Angeklagten den Weg in den Freispruch ausgerechnet über die Brücke des "unvermeidbaren Verbotsirrtums" gebaut hat - das die ausgesprochen morsch ist, war den Juristen nicht entgangen.

Hebt der BGH das Urteil auf, bieten sich Ackermann zwei triste Alternativen. Entweder das Verfahren wird ganz von vorne aufgerollt: vor einer neuen Kammer, mit einer neuen Beweisaufnahme, endlosen Verhandlungstagen, denselben Zeugen, Fotografen und der dummen Versuchung, Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen zu spreizen. Und wie der Prozess auch ausginge - am Ende stünde wohl eine erneute Revision. Oder aber Ackermann lässt sich auf einen Handel ein: ein Geständnis gegen einen sehr kurzen Prozess und ein mildes Urteil. Die Bataillone seiner Öffentlichkeitsarbeiter würden dann beteuern, dies sei kein Schuldeingeständnis, sondern die einzige Rettung gegen eine tollwütige Justiz. Eines aber bliebe: ein verurteilter Straftäter an der Spitze der Deutschen Bank.

Kaum vorstellbar.

Zumal Ackermann dringend auf Reputation und Glaubwürdigkeit angewiesen ist. Er kämpft für seine Vorstellungen von Marktwirtschaft. Danach kommt zuerst der Profit - und erst der macht dann soziale Wohltaten möglich. Sätze wie "Keine Rente ohne Rendite" hatten ihm seine Leute für die Hauptversammlung der Bank in dieser Woche aufgeschrieben. Für Ackermann sind das Binsenweisheiten. Warum muss man darum streiten?, fragt er sich. Und warum bekommt er nicht mehr Unterstützung aus den Chefetagen, wo sich viele wegducken?

Stürzt der Chef der Deutschen Bank im Herbst, so mag er es sehen, wäre das ein Signal an die Welt, dass forscher Kapitalismus in Deutschland nicht möglich ist. Statt aber offensiv für seine Grundsätze einzutreten, kapselt sich Ackermann ab. So wies er den Ratschlag zurück, sich über Müntefering beim Kanzler zu beschweren. Stattdessen ergeht er sich in Verschwörungstheorien. So sinniere der Schweizer darüber, ob er als Ausländer gegen eine latente Fremdenfeindlichkeit kämpfen müsse oder, wie ein Gesprächspartner Ackermanns interpretiert, "Mächte am Werke seien, die eine so verfasste Republik nicht mehr wollen".

Noch halten die Aufseher der Bank zu ihm. Aber anders als früher ist die Geduld der Anteilseigner mit ihren Führungskräften begrenzt. Die von Ackermann geforderte Anpassung an internationale Gepflogenheiten könnte ihm selbst zum Verhängnis werden: Wer mehr schadet als nutzt, muss gehen.

Arne Daniels/Stefan Schmitz/Frank Thomsen/Klaus Wirtgen

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