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Erste Bilanz: Was taugt die Ich-AG?

Statistiken darüber gibt es nicht, doch erste Auswertungen zeigen: Gründungen aus der Arbeitslosigkeit sind viel beständiger, als Kritiker glauben.

Viele Vorschläge von VW-Personalvorstand Peter Hartz zur Reform des Arbeitsmarkts sorgen für Ärger. So die Ich-AG, mit der Arbeitslose beim Einstieg in die Selbstständigkeit finanziell unterstützt werden. Während Wirtschaftsminister Wolfgang Clement bereits "eine neue Kultur der Selbstständigkeit" ausmacht, warnt CDU-Wirtschaftsexperte Josef Laumann: "Wir werden noch viel Elend und Pleiten erleben." Und Dieter Philipp, Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks, fordert gar die Abschaffung der Ich-AG. Die Förderung provoziere den Missbrauch öffentlicher Gelder. "Etablierte Betriebe sind gezwungen, über Sozialbeiträge die Konkurrenz gewissermaßen mitzufinanzieren, die dann zu Dumpingpreisen anbietet", sagt Philipp. Wer hat Recht?

Die Bilanz des Anfang 2003 eingeführten Programms fällt positiv aus. Schon im ersten Förderjahr hatten 93.000 Menschen ihre eigene kleine Firma gegründet. Im August 2004 gab es 157.000 Ich-AGs - und es werden jeden Monat mehr. Ob Visagisten, Tauchlehrer, Spediteure oder IT-Berater: Der Sprung aus der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit erweist sich für viele als attraktiv.

Drei Gründe kann es für das Ende einer Ich-AG geben

Doch es gibt auch die ersten Abbrecher. Bundesweit fiel bisher jede sechste Ich-AG wieder aus der Förderung heraus. Warum das so ist, weiß niemand so genau - weil die Bundesagentur für Arbeit (BA) nicht nachfragt, was zu den Abmeldungen geführt hat.

Drei Gründe kann es für das Ende einer Ich-AG geben: Die Geschäftsidee ist gescheitert, der Betreiber hat einen Job in abhängiger Beschäftigung gefunden, die Ich-AG macht mehr als 25.000 Euro Jahresgewinn und bekommt deshalb keine Förderung mehr. Im Oktober will die Bundesagentur eine erste Statistik vorlegen. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass alle bisherigen Abmeldungen durch Pleiten verursacht wurden, läge die Quote mit rund 15 Prozent nicht höher als bei anderen Unternehmensgründungen.

Eine aktuelle interne Auswertung der Bundesagentur liefert wenigstens etwas mehr Aufschluss über den Verbleib einiger Ich-AG-Gründer. Von den 45.000 Personen, die sich in der ersten Jahreshälfte 2003 selbstständig machten, werden 22.800 noch heute gefördert. Rund zehn Prozent, schätzt die BA, seien "echte Austritte", also Pleiten. Über den Rest seien noch keine Aussagen möglich.

Das reine Absahnen der Ich-AG-Förderung ist nicht lukrativ

Zu Alarmismus besteht somit kein Anlass. Und auch der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks Dieter Philipp muss nicht länger um den Schlaf kommen: Trittbrettfahrerei auf Kosten etablierter Handwerker, wie er sie befürchtet, dürfte es kaum geben. Das reine Absahnen der Ich-AG-Förderung ist nicht lukrativ. Schließlich müssen von dem monatlichen Zuschuss von maximal 600 Euro auch die Sozialbeiträge bezahlt werden. Dadurch bleibt schon im ersten Förderjahr kaum etwas zum Leben übrig. Zudem wurde für das kleine Gründerwunder eine neue Hürde errichtet: Seit Anfang September muss auch für Ich-AGs ein Geschäftsplan vorgelegt werden.

2005 könnte die Zahl weiter steigen. Durch Hartz IV (Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe) fallen rund 500.000 Menschen aus der Unterstützung durch das Arbeitslosengeld II heraus, weil ihre Ehepartner zu viel verdienen. Gut möglich, dass diese ebenfalls Gefallen an der Ich-AG finden.

Monika Vosough Mohebbi / print