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Existenzgründung: Viel aufs Spiel gesetzt - und gewonnen

Deutschland wird kapitalistischer, jedem Einzelnen bis hin zu Arbeitslosen wird mehr zugemutet. Das bedeutet mehr Risiko. Aber auch größere Chancen für alle, die sich selbstständig machen.

Nase voll vom Reformstau? Keine Lust mehr auf Jammertal? Dann besuchen Sie doch mal dieses Land: Die Geschäfte dürfen lange öffnen - vielleicht schon bald rund um die Uhr, jedes, wie es will. Handwerker unterliegen nicht altmodischen Standesregeln - ob Meister oder nicht, nur die Leistung zählt. Wer eine gute Idee hat und dafür Geld braucht, ist nicht auf Banken angewiesen - Risiko wird vielerorts honoriert. Eine Pleite ist kein Makel fürs Leben - wer einmal Pech hatte, findet wieder Anschluss. Arbeitslose, egal wie alt, fügen sich nicht in ihr Schicksal - sie nehmen allen Mut zusammen und wagen etwas. Arbeit ist keine Mangelware - 40 Stunden die Woche reichen nicht, es müssen 42 sein, 45 oder einfach so viel, bis alles erledigt ist.

Willkommen in Deutschland 2004. Fast unbemerkt hat sich die Republik gewandelt. Regeln und Verbote - für Handwerker, Anwälte oder Ladenöffnungszeiten - wurden in den vergangenen Jahren gelockert oder gleich ganz abgeschafft. Jedem Einzelnen wird mehr abverlangt, bis hin zu Arbeitslosen, denen bisweilen nur der Weg in die Selbstständigkeit bleibt. Amerika, Heimat der entfesselten Marktwirtschaft, lässt grüßen. Das Klima wird rauer, und schon sehen manche das Land auf Abwegen. "Mehr Markt und mehr Wettbewerb bedeutet für die meisten unterm Strich weniger Geld", unkt Tom Adler, Betriebsrat bei Daimler-Chrysler in Untertürkheim und IG-Metall-Mitglied.

"Ich wollte kein Sozialfall werden"

Doch das große Klagen bleibt aus. Im Gegenteil: Hunderttausende Deutsche aus beinahe allen Bildungsschichten, jung wie alt, sehen in der neuen Eigenverantwortlichkeit neben all den Risiken auch die andere Seite: die Chancen. Sie nutzen die neuen Freiheiten zur Gründung von Ich-AGs, Handwerksfirmen oder High-Tech-Schmieden. Wagemut hat Konjunktur.

Etwa bei Thomas Ajang. Seit sieben Monaten ist der 44-jährige Kieler sein eigener Boss. Ein halbes Jahr lang war er arbeitslos, zuvor hatte sich der ausgebildete Erzieher mit Vertretungen in Grundschulen und Kindergärten durchgeschlagen. Die Idee zum radikalen Neuanfang ("Ich wollte kein Sozialfall werden") kam Ajang während eines Frankreichurlaubs. "Ich liebe französische Spezialitäten", sagt er und klopft sich auf den rundlichen Bauch. Damit sollte sich doch auch im hohen Norden Deutschlands Geld verdienen lassen, wo Hirschpasteten und Wildschweinwürste Mangelware sind. Nun bietet er diese und 300 andere Köstlichkeiten auf Kieler Wochenmärkten an. "On-y-va" (Los geht's) hat Ajang sein Einmannunternehmen getauft.

Neue Chance Ich-AG

Aus der Ferienidee wurde eine Ich-AG, anfangs unter einem Marktschirm, inzwischen mobil in einem zwölf Jahre alten Transporter, in dem es nach Rosmarin und Ziegenkäse duftet. Einmal im Monat fährt Ajang ins Land der Gourmets und deckt sich mit frischen Produkten ein, die französische Freunde für ihn aufspüren. Die Kunden in Kiel danken es ihm. Ajang hat reichlich zu tun. Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker, abends um sieben ist er wieder zu Haus. "Meine Arbeitswoche hat 80 Stunden, doch der Kontakt mit Kunden bringt ungeheuer viel Spaß", sagt der Jungunternehmer.

Neue Chance Ich-AG: Rund 180.000 Arbeitslose haben sich seit Anfang 2003 selbstständig gemacht. Sie wollten nicht mehr, dass sie der Staat versorgt, sondern helfen sich lieber selbst. Ist aus Deutschland das geworden, was sich 1997 der damalige Bundespräsident Roman Herzog wünschte: "eine Gesellschaft der Selbstständigkeit, in der der Einzelne mehr Verantwortung für sich und andere trägt"? Zumindest sind auf dem Weg dorthin ein paar Schritte zurückgelegt. Der Kieler Ajang ist ein typisches Beispiel. Deutlich häufiger als in anderen Ländern kommt es zu eher unfreiwilligen Gründungen - Selbstständigkeit aus der Arbeitslosigkeit oder wegen Unzufriedenheit mit dem bestehenden Job. Dem kann Rolf Sternberg, Kölner Professor für Wirtschaftsgeografie, einiges abgewinnen: "Diese Menschen wollen ihre Situation verbessern und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand."

"Wir stehen am Anfang einer neuen Gründungswelle"

Den Deutschen dämmert, dass sie Abschied nehmen müssen von der guten alten Arbeitswelt. Meinhard Miegel, Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn: "Der Wiederaufbau nach dem Krieg und die geringere Bevölkerungszahl brachten die Vollbeschäftigung. Und mit exzessiven Sozialleistungen hat der Staat die Deutschen für die Demokratie gewinnen können. Das machte die Menschen satt und träge. Doch es war eine Episode. Sie geht jetzt zu Ende, denn wir können sie nicht mehr bezahlen."

Was vor allem Älteren kalt und herzlos erscheint, löst bei vielen Jungen nur Achselzucken aus: Sie wissen, dass ihnen im Zweifel niemand hilft und sie ganz anders gefordert sein werden als die Vätergeneration. Norbert Szyperski, Honorarprofessor in Köln und Geschäftsführer der InterScience Consulting, knüpft große Hoffnungen an die junge Generation: "Da brodelt eine Kraft, selbst etwas zu tun. Wir stehen am Anfang einer neuen Gründungswelle."

Gerade noch arbeitslos - und jetzt selber Chef

Virginie Siems, 33, und Sabine Birk, 35, sind schon mittendrin. Für sie kam vor drei Jahren das Aus als Angestellte. Beide arbeiteten bei einer Hamburger PR-Agentur, Birk als Teamleiterin. Nach der Firmenpleite folgten viele Absagen auf Bewerbungen. Seit Januar beraten sie mit ihrer Firma Positive Relations in Hamburg und München Unternehmen im Umgang mit der Presse, organisieren Firmenveranstaltungen, unterrichten Manager im Umgang mit Medien. Die zwei Ich-AG-Gründerinnen sind froh, dass sie es gewagt haben. "Die Erfahrung, wenn du etwas willst, schaffst du es, ist ungeheuer befriedigend. Jetzt wissen wir, wie die Amerikaner ticken", sagt Sabine Birk.

Wie ticken sie denn, die Selfmademen in den USA? "Die fragen sich zunächst: Was braucht der Kunde? Und für den speziellen Bedarf entwickeln sie ihre Produkte", sagt Sven Dethlefs, der bei der Unternehmensberatung McKinsey den Gründungsbereich betreut. "Bei uns wird oft erst das Produkt entwickelt, und dann schaut man, ob es sich verkaufen lässt." Dienstleistung wird in Amerika groß geschrieben - und auch hierzulande entdecken mehr und mehr Gründer, dass sich auf Service ein Geschäft aufbauen lässt.

Hauptsache, gute Ideen - Kunden kommen dann schon

Heck-Passage in Essen. Inmitten der Fußgängerzone gegenüber vom Schuhhaus Görtz hängt in einem Schaufenster ein großes Plakat mit dem Bild der Justitia und dem Slogan: "JuraXX - Recht geht auch anders". Hier gibt es Rechtsberatung der neuen Art: kein Ehrfurcht einflößendes Messingschild an der Tür, keine dicken Edelholzschreibtische - ein einfacher Laden mit Spielecke für Kinder und einem großen Preisschild im Eingang: Erstberatung ab 20 Euro. Rechtsanwalt Eugen Boss, 48, hatte die Idee: hingehen, wo die Menschen sind, mit einem Produkt, das jeder versteht. Im Oktober 2003 machte JuraXX den ersten Laden auf, heute hat der Anwalts-Aldi zehn Filialen, zum Jahresende sollen es 20 sein - verteilt auf große Städte im ganzen Bundesgebiet. In jeder Filiale arbeiten vier Fachanwälte, spezialisiert auf unterschiedliche Gebiete, die Läden liegen stets in Fußgängerzonen, haben geöffnet von acht bis acht Uhr, Beratung auch samstags, Terminvereinbarung nicht nötig. "So verlieren die Menschen ihre Schwellenangst", sagt Gründer Boss. "Andere Kanzleien mögen die Edelboutiquen sein, wir sind der qualitativ hochwertige Supermarkt."

So kommt das Land von unten wieder in Gang - fernab der großen, trägen Konzerne. Und meist auch ohne Unterstützung der Banken, die ihre Rolle als Motor des Mittelstandes eingebüßt haben. Kreditwünsche blocken sie oft ab. Die kleinen Summen, die viele Gründer brauchen, lohnen sich angeblich nicht für die Geldhäuser. Doch längst springen andere ein: private Geldgeber, aber auch Kommunen, die erkannt haben, dass Gründungen Arbeitsplätze schaffen. Bei der öffentlichen Förderung für Gründer belegt Deutschland im internationalen Vergleich den zweiten Platz. Hamburg etwa zahlt Start-ups, die einen erfolgversprechenden Geschäftsplan vorlegen, Kleinstkredite bis zu 12.500 Euro pro Person. Eine Summe, die für die meisten ausreicht, um auf eigene Füße zu kommen. "Der Anteil der gescheiterten Projekte ist mit 15 Prozent bislang erfreulich niedrig", sagt Rainer Erbe vom Hamburger Amt für Arbeitsmarkt und Strukturpolitik, der einen Topf von 2,5 Millionen Euro verwaltet.

"Wir sind unserem Businessplan schon ein halbes Jahr voraus"

Einen der Kleinstkredite gewährte er Michael Schäfers und Florian Raasch. Was daraus wurde, kann man auf einem Hinterhof in Hamburg-Alsterdorf besichtigen. "Offroad Manufaktur" steht neben einem großen Tor. In der Halle drehen sich Ventilatoren unter der Decke, an der Wand hängen ein Leopardenfell und ein ausgestopfter Kaiman, darunter lädt ein Sofa aus Bali zum Entspannen ein. "Unsere Kunden sollen schon hier die weite Welt riechen können", sagt Schäfers. Zusammen mit seinem Freund Raasch betreibt er eine Werkstatt für Land Rover.

Schäfers ist 38, Diplom-Geologe und hat in australischen Minen und als Leiter von Abenteuerreisen gearbeitet. Der Land Rover war sein ständiger Begleiter. Schon immer hat er gerne daran rumgeschraubt, und so ließ er sich eines Tages zum Mechaniker ausbilden. In einer Werkstatt arbeiteten Schäfers und Raasch Seite an Seite. Irgendwann dachten sie sich: Das können wir in Eigenregie besser. "Land-Rover-Fahrer sind eine verschworene Gemeinschaft", sagt Schäfers. "Die wollen in eine Spezialwerkstatt und nicht zum großen Autokonzern." Bei Banken blitzten sie ab, doch die Stadt Hamburg sagte ja. Der Kleinstkredit legte den Grundstein für das Lager. Inzwischen kann Schäfers jubeln: "Wir sind unserem Businessplan schon ein halbes Jahr voraus."

Geld ist am Anfang ein knappes Gut und muss im Geschäftsbetrieb bleiben

Erste Erfolge, die Sicherheit bringen - und Erfahrung. Deshalb ist der Anschub am Anfang so wichtig. Und deshalb ist das Versagen der Banken so eklatant. "Ich werde kein Unternehmer, wenn ich mein Wissen nur aus Büchern beziehe", sagt Ralph Dommermuth, Vorstandschef von United Internet. Er weiß, wovon er spricht: Aus einem Einmannunternehmen schuf Dommermuth im verschlafenen Montabaur im südlichen Westerwald die erste börsennotierte Internetfirma Deutschlands und ging mit der New Economy auf Berg-und-Tal-Fahrt. Mit seiner Geschäftsidee, E-Mail-Postfächer zu verschenken und kostenpflichtige Zusatzfunktionen anzubieten, setzte er sich durch. Den Börsencrash hat das Unternehmen überlebt, der Gewinn stieg im ersten Halbjahr 2004 um knapp 50 Prozent auf 56 Millionen Euro, United Internet beschäftigt mehr als 4.300 Mitarbeiter. Welche Fehler machen Gründer? "Wenn man das erste Geld verdient, stecken es die meisten in die falschen Dinge: teure Büroeinrichtung, schnelle Firmenwagen", sagt Dommermuth. "Doch Geld ist gerade am Anfang knappes Gut und muss im Geschäftsbetrieb bleiben."

United Internet hat die Krise bewältigt, andere sind auf der Strecke geblieben - und mussten zur Pleite noch Spott erdulden. Doch auch hier wandelt sich die Mentalität. "Eine Pleite ist in Amerika nichts Ungewöhnliches, man startet eben neu durch. Hierzulande folgen Schadenfreude und Ansehensverlust. Aber das beginnt sich zu ändern", sagt Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs HWWA. Und McKinsey-Berater Dethlefs erklärt, weshalb: "Wer in Konkurs gegangen ist, hat Erfahrungen gesammelt - viele Fehler macht man nur einmal im Leben."

"Man muss als Unternehmer auch hart sein können"

Tobias Rink ist so jemand, der Lehrgeld zahlen musste. Mit 30 Jahren gründete der Web-Programmierer 1998 in Karlsruhe mit einem Partner die Agentur für neue Medien. Er konzipierte Internetauftritte, zu den Kunden zählten Faber-Castell, Bertelsmann und Daimler-Chrysler. Ende 2000 standen 30 Mitarbeiter auf Rinks Lohnliste, er schrieb 1,7 Millionen Euro Umsatz und plante den Umzug in ein 800 Quadratmeter großes Bürogebäude. Dann brach die Internet-Euphorie zusammen, die Aufträge blieben aus, im Mai 2002 kam die Insolvenz. "Wir waren zu schnell gewachsen und haben uns dann nicht rechtzeitig von Teilen der Mitarbeiter getrennt", weiß Rink heute. "Man muss als Unternehmer auch hart sein können."

Rink war es nicht, er ging zu Boden. Doch er ist wieder aufgestanden. Mit moralischer und materieller Hilfe von Freunden und Verwandten gründete er die Firma Emotions Effect für Webdesign: klein, aber fein in einem 70 Quadratmeter großen Loft. Rink ist wieder Chef, diesmal ohne Personal, stattdessen arbeitet er mit einem Netzwerk von freien Programmierern. Viele Kunden sind ihm treu geblieben. "Die kennen die Hintergründe und haben damit keine Probleme."

Gründer tragen dazu bei, dass sich Deutschland aus seiner Trägheit befreit

In der brüchiger und individueller werdenden Arbeitswelt hängt es vom Mut und der Durchsetzungsfähigkeit des Einzelnen ab, ob man sich unterkriegen lässt - oder eben nicht. Dass das keine Frage des Alters ist, zeigt ein Fall wie der von Hartmut Baumgärtner. Er war Bauingenieur im Vorstand eines renommierten Planungsbüros in Stuttgart, betreute den Neubau des BMW-Werks in Leipzig, Großprojekte in Frankreich und Saudi-Arabien. Dann blieben Aufträge aus, im März 2004 kam die Insolvenz, 200 Mitarbeiter verloren ihre Jobs, Baumgärtner war einer von ihnen. Als 59-Jähriger hätte er sich bequem in den Vorruhestand verabschieden können, "doch dann wäre vom Know-how und den Kontakten nichts mehr geblieben". So nahm er sein Erspartes und gründete mit zwei Ex-Kollegen die BKSI Ingenieurgesellschaft. Mittlerweile beschäftigt er acht frei arbeitende Ingenieure und Techniker. "So geht das Wissen nicht verloren, und die Mitarbeiter haben wieder eine Zukunft", sagt Baumgärtner. "Ich fühle mich stark nach dem Tief - jetzt will ich es noch mal wissen."

So tragen die Gründer dazu bei, dass sich Deutschland aus seiner Trägheit befreit. Und manche machen die Erfahrung, dass Reformen nicht nur schlecht sein müssen. Uwe Lochen ist ausgebildeter Chemiefacharbeiter. Seit 1987 betrieb der Dortmunder ein kleines Gewerbe für Gebäudereinigung: Fassaden- und Fensterputzen von Gewerbeimmobilien. Sein Problem: Ohne Meisterbrief durfte Lochen laut Gewerbeschein nur "Reinigung nach Hausfrauenart" vornehmen. Auf eine Hebebühne sollte er verzichten, Schaufenster nur mit Lappen und Leder bearbeiten und nicht zum Fensterwischer greifen. "Das war absurd", kann sich Lochen noch heute in Rage reden. Natürlich hat der 45-Jährige Profi-Geräte eingesetzt, aber es war eine Trickserei, von der die Handwerkskammer nichts wissen durfte.

Zwar kein Meister - aber 14 neue Jobs geschaffen

Jetzt ist der Beruf des Gebäudereinigers vom Meisterzwang ausgenommen, wie 52 andere Handwerke auch, und Lochen kann Fenster und Fassaden sauber machen, wie es ihm passt: "Endlich kann ich legal durchstarten und muss keine Angst mehr haben, erwischt zu werden." Befreit von den Fesseln, die vor allem dazu dienten, bereits bestehende Handwerksbetriebe vor neuer Konkurrenz zu schützen, gründete er die Firma Glasklar. Seine erste Bilanz fällt nicht nur für Lochen positiv aus, sondern fürs ganze Land: Er hat 14 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Joachim Reuter / print