FERNBEZIEHUNGEN Gewollt oder ungewollt im »Zeitalter der Mobilisten«


Für die einen ist die Beziehung auf Distanz perfekt, für die anderen ein nicht zu umgehendes Übel. Immer mehr Paare müssen sich auf den flexiblen Lebenstil einstellen.

Letzte Küsse werden getauscht, bevor sich die Tür des ICE nach Hamburg schließt. Drinnen stehen Männer und Frauen, die ihre Liebsten zurücklassen, um für eine Woche an den jeweiligen Arbeitsort zu fahren. Eine Szene, die sich jeden Sonntagabend am Stuttgarter Hauptbahnhof wiederholt. Während sich die einen in der Woche vor Einsamkeit quälen, genießen andere ihre Fernbeziehung. »Mein Alltag ist so anstrengend, den muss ich nun wirklich nicht teilen«, sagt der 33-jährige, in der Finanzhochburg Frankfurt tätige Wirtschaftsprüfer Ralf Binder. »Am Wochenende habe ich dann richtig Zeit für die Liebe.« Seine Freundin sieht das genauso und denkt nicht daran, ihren Job als PR-Assistentin in Stuttgart aufzugeben.

»Neues Nomadentum«

»Etwa acht Prozent der 18- bis 59-Jährigen leben in einer Fernbeziehung«, sagt Professor Norbert F. Schneider, Soziologe an der Universität Mainz. »Es darf vermutet werden, dass der Trend weiter aufwärts geht.« Darunter finden sich Künstler, Lastwagen-Fahrer, Ärzte, Politiker und Unternehmensberater. Zukunftsforscher sprechen vom »neuen Nomadentum« oder »dem Zeitalter der Mobilisten«. Schätzungen zufolge pendeln derzeit fünf Millionen Menschen in Deutschland zwischen verschiedenen Orten.

Welt der Selbstverwirklichung

Lebenslange Arbeitsstellen sind zur Ausnahme geworden, neue Berufe wie in der IT-Branche erfordern neue Beschäftigungsverhältnisse und Ortswechsel. »Die Welt der Arbeit wird auch zunehmend die Welt der Selbstverwirklichung. Das bedeutet, dass gerade Ich-bezogene Menschen dazu neigen, zur ?Selbst AG? zu werden«, sagt Christiane Friedemann, Geschäftsführerin des Zukunftsinstituts im hessischen Kelkheim.

Neue Berufe entstehen

Die »neuen Nomaden« seien meist sehr stil- und konsumbewusst und kosmopolitisch, sagt Friedemann. Firmen, die von dem »Nomadentum« profitieren, seien Snackhersteller, Produzenten von fertigen oder halbfertigen »Convenience«-Produkten und Transport- sowie Reiseunternehmen. Das Auto der »Nomaden« sei ein Van, er stelle für viele eine Art mobiles Zuhause dar. Auch neue Berufe entstünden, wie etwa Relocation-Manager, die Umzüge organisieren und dafür sorgen, dass Menschen an neuen Orten möglichst schnell ein soziales Netz aufbauen.

Freiwillige und gezwungene Fernliebende

Der Soziologe Schneider unterteilt Distanzbeziehungen in zwei Gruppen: In Living-Apart-Together-Beziehungen (LAT) und Long- Distance-Beziehungen (LD). »?LATs? sind diejenigen, die auf Grund eines Beziehungs-Ideals in getrennten Wohnungen oder Städten leben.« Sie lieben es Single und Paar zugleich zu sein, Freiräume zu haben und ihren Interessen nachzugehen. Die »LATs« machen nach Schneiders Angaben etwa 30 Prozent aus.

Unfreiwillig getrennt durch Jobwechsel

Den überwiegenden Teil der Fernbeziehungen rechne er aber zu den »LDs«. »Diese Menschen wären lieber beieinander, leben aber durch strukturelle Zwänge wie Jobwechsel unfreiwillig getrennt.« Ein Viertel aller Fernliebenden erreichen sich Schneider zufolge in weniger als einer Stunde. Die gleiche Anzahl von Menschen verbringt jedoch mehr als vier Stunden auf dem Weg zueinander in Bahn, Flugzeug oder Auto.

Mobilisten gelten als Vorbild

Warum lassen sich so viele Menschen darauf ein? »Scheinbar können Mobilisten, die immer und überall sind und lange Entfernungen zurücklegen, viel erreichen und gelten als Vorbild«, sagt der Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel von der Universität Kassel.

Freiwillige Fernbeziehungen halten länger

Typische Vertreter der »LDs«, also der gezwungenen Fernliebenden, sind nach Angaben des Soziologen Schneider junge, ledige und kinderlose Männer und Frauen mit überdurchschnittlicher Bildung. »Es gibt Hinweise, dass diese Beziehungen weniger lange halten als die der LATs«, sagt Schneider. Umso tragischer, wenn Kinder im Spiel sind.

Beziehungsfreundliche Personalpolitik rentiert sich

»Unternehmen begreifen immer mehr, dass sie sich auch um die privaten Belange ihrer Mitarbeiter kümmern müssen«, sagt der Mainzer Experte. Studien zeigten, dass sich durch beziehungs- oder familienfreundliche Personalpolitik die Effizienz und Loyalität der Mitarbeiter steigern lasse. Wichtig sei dies besonders für Frauen. »Schockierend ist nämlich, dass 75 Prozent der mobilen Frauen bis zum Alter von 36 Jahren kinderlos sind, aber nur halb so viele Männer in der gleichen Altersgruppe.«

Paar-orientierte Welt

Einen Trend zur Gesellschaft voller Individualisten, die an ihrer Selbstverwirklichung arbeiten und Beziehungen aufs Spiel setzen, sieht Schneider dennoch nicht: »Wir leben in einer Paar-orientierten Welt, daran wird sich wenig ändern.« Verkehrswissenschaftler Holzapfel dagegen wagt keine Prognose: »Ob der Entfernungs-intensive Lebensstil sich immer weiter verstärken wird, oder ob es eine Trendumkehr zu mehr Nähe geben wird, das lässt sich nicht sagen.«

Von Christiane Löll, dpa


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