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Trotz Krebs stark durchs Leben

Zeit der Entdecker: Der historische Krimi um den Spion im Kartenraum   

Seekarten waren im Zeitalter der Entdecker peinlich gehütete Staatsgeheimnisse. Die älteste erhaltene portugiesische Karte erzählt von Diebstahl und Spionage, von Handelskrieg und Wirtschaftsmonopol – und der Entdeckung unserer Welt von heute.

Von Matthias Glaubrecht 

Die Cantino-Planisphäre. Die Karte von 1502 ist nach ihrem Dieb benannt – der sie wohl auch gerettet hat.

Die Cantino-Planisphäre. Die Karte von 1502 ist nach ihrem Dieb benannt – der sie wohl auch gerettet hat.

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Endlich lag sie vor ihm. Einen Moment nur nahm sich Alberto Cantino, um einen Blick auf die "Padrão Real" zu werfen – die wohlgehütete Standardkarte der Casa da Índia, in der die jüngsten Entdeckungen der Portugiesen vermerkt wurden. Im Licht seiner Kerze, deren Schein er mit der Hand zu verbergen suchte, folgte er mit den Augen der geschwungenen Küstenlinie nach Süden, um das Kap mit dem Tafelberg herum, hinüber zu jenen Küsten, von denen jetzt die vollbeladenen Gewürzschiffe in die Mündung des Tejo zurückkehrten. In der anderen Hälfte der Karte, jenseits des "Mare oceanus", erkannte er das Grün von Bäumen, darin rot gefiederte Papageien – die kantige Küste einer neuen Welt, von der in den Spelunken am Hafen alle sprachen. Wochenlang hatte Cantino sich dort herumgetrieben, um den Seeleuten zu lauschen. Sie erzählten von Menschen, die beinahe nackt in einer üppigen Natur lebten, die wie das Paradies selbst erschien; und die – Männer wie Frauen – doch das Fleisch ihresgleichen im Feuer brieten und aßen.

 Cantino musste sich losreißen; zu groß war die Gefahr, im Kartenraum entdeckt zu werden. Er hatte gefunden, was er suchte. Die "Padrão Real" ließ er auf dem Tisch. Daneben lag jene andere Karte – fast identisch und beinahe fertig, an der ein Kartograf viele Tage gearbeitet haben musste. Eilig rollte Cantino sie zusammen, verbarg sie in seinem Umhang, verschwand so heimlich, wie er gekommen war. Wieder im Freien, lief er am Tejo entlang, in dem Schutz der Häuser am Hafen. Als er sich umsah, lag die Casa da Índia im Licht des dämmernden Morgens; ihr großes Geheimnis hatte sie ihm preisgegeben. So könnte es sich zugetragen haben.

 Wie genau Alberto Cantino im Jahre 1502 in Lissabon an jene Karte des unbekannten Kartografen gelangte, bleibt ein Rätsel, das sich nicht mehr lösen lässt. Vielleicht kannte er die richtigen Leute, hatte einschlägige Kontakte: Vielleicht konnte er tatsächlich einen Kartografen im portugiesischen Kartenamt bestechen, dort eine Kartenkopie der fortlaufend verfeinerten "Padrão Real" für ihn anzufertigen und offen liegen zu lassen. Wenn es so war, dann nur für viel Geld. Denn peinlich genau wachte Portugal über seine nautischen Karten – und über die geografischen Kenntnisse einer neuen Welt. Keine der jüngsten Entdeckungen sollte an die Konkurrenz gelangen; zu viel stand auf dem Spiel. "Es ist unmöglich, von den Reisen eine Karte zu bekommen", klagte ein italienischer Gesandter, der im Auftrag oberitalienischer Handelsstädte wie Venedig und Florenz in Lissabon an Informationen gelangen wollte.

 Ein Jahr nach dem Cantino-Vorfall, im November 1503, setzt der König von Portugal, Dom Manuel I., es sogar unter Todesstrafe, Karten zu kopieren, die die Küsten jenseits des siebten südlichen Breitengrades zeigten; zudem verbot er den Bau von Weltkugeln. Vielleicht hatte jener unbekannte Kartograf bereits zuvor kalte Füße bekommen und wollte Alberto Cantino die Kopie nicht mehr persönlich aushändigen. Als weiteres Zureden und Bestechen nicht half, blieb diesem vielleicht nur, selbst im Schutze der Nacht ins Kartenamt in Lissabon einzudringen, um die fast fertige Kopie zu nehmen und außer Landes zu schmuggeln.

Ercole d’Este (1431–1505), der Herzog des kleinen italienischen Stadtstaates Ferrara, verfolgte mit Leidenschaft die nautischen Neuigkeiten und Entdeckungen. Notfalls auch per Auftragsdiebstahl auf fremdem Territorium.

Ercole d’Este (1431–1505), der Herzog des kleinen italienischen Stadtstaates Ferrara, verfolgte mit Leidenschaft die nautischen Neuigkeiten und Entdeckungen. Notfalls auch per Auftragsdiebstahl auf fremdem Territorium.

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  Was immer tatsächlich geschah: Die heute nach dem Agenten Cantino benannte Planisphäre blieb als die älteste portugiesische Karte wohl nur deshalb erhalten, weil sie gestohlen wurde. So wenig wir über den wahren Hergang wissen, so mysteriös bleibt auch Alberto Cantino selbst. Für die einen war er ein Diplomat am portugiesischen Hof mit geheimer Mission, ein Spion; für die anderen der Vertreter eines italienischen Handelshauses, der in Lissabon edle Vollblüter kaufen sollte. Jedenfalls dürfte Cantino selbst kein Kartenmacher gewesen sein, der aus Berichten über ferne Küsten die Karte hätte anfertigen können. Sicher ist nur, dass er sich im Herbst 1501 im Auftrag des Herzogs d’Este aus Italien nach Portugal begab.

 Seit dem 13. Jahrhundert herrschte das Haus Este über die kleine Stadt Ferrara, direkt am Po gelegen. Ercole d’Este, ein typischer Renaissance- Fürst, führte nicht nur Krieg gegen das an der Küste gelegene Venedig und sorgte für Wohlstand in der Stadt; er förderte auch Kunst und Wissenschaft. Ferrara lag zu weit vom Meer entfernt, um Seemacht zu sein. Doch der Herzog war ein Kartensammler, fasziniert von den Berichten über die jüngsten spanischen und portugiesischen Expeditionen und interessiert an den neuesten nautischen Entdeckungen in diesem an Entdeckungen nicht eben armen Zeitalter. Er wollte demonstrieren, dass sein Haus Este im kleinen Ferrara sich das neueste Bild von der Welt machen konnte – einer Welt, die sich damals so rasant vergrößerte wie zu keiner anderen Zeit der Geschichte.

 Angeblich also, um Pferde für Ferrara zu erwerben, tatsächlich aber, um die nautischen Nachrichten auszuspähen, war Alberto Cantino nach Lissabon gekommen. Im Hafen sah er die Karavellen und Karacken, die in Gruppen aus dem Osten und vereinzelt von bislang unbekannten Küsten im Westen zurückkehrten. Detailliert berichtete er seinem Herzog über Ladungen aus Indien, "wie in den Büchern der Schiffsschreiber zu sehen"; über die Zusammensetzung der Flotten, die Namen der Schiffe und Kapitäne, über Kaufpreise und Mengen von Pfeffer, Muskatblüten, Kampfer, Ingwer, Zimt und über Perlen. "Alles wird im Indienhaus ausgeladen, welches das neue Zollhaus ist, das eigens für diesen Zweck gebaut wurde."

Die Entdeckung oder besser Unterwerfung und Ausplünderung der Neuen Welt setzte Karten voraus.

Die Entdeckung oder besser Unterwerfung und Ausplünderung der Neuen Welt setzte Karten voraus.

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 Im Hafen am Tejo traf Cantino auch auf die ersten rothäutigen Neufundland- Indianer, die portugiesische Seefahrer verschleppt hatten: "Ich habe diese Leute gesehen, berührt und untersucht, und um mit ihrer Gestalt zu beginnen, erkläre ich, dass sie etwas größer sind als wir im Durchschnitt, mit vergleichbaren, wohlgeformten Gliedmaßen." Cantino sandte kluge Kurzberichte; und dann mit einem Brief, der noch erhalten ist, datiert vom 19. November 1502, jene illustrierte Karte, die Ferrara in Italien kurz darauf erreichte.

 Ercole d’Este war Kenner genug, um sofort zu begreifen, was Cantino ihm da geschickt hatte. Die prächtige Planisphäre, handgezeichnet und koloriert, knapp zweimal einen Meter groß, war auf hauchdünnen gegerbten Tierhäuten im Portolan-Stil anlegt. Nach dem lateinischen Wort "portus" für Hafen benannte man diese Art von Segelkarten, bei denen regelmäßig verteilte Kompassrosen ein Netz aus kreuz und quer laufenden Linien über Land und Meer spannten. Akkurat verzeichnete die Karte die Küsten Afrikas und erstmals die Entdeckungen von Vasco da Gama in Indien. Entlang der bereits unter Heinrich dem Seefahrer entdeckten Route gen Osten waren alle Orte vermerkt, an denen Portugal Handel trieb. Die Augen des Herzogs schweiften von dem kräftig rot gefärbten Meereseinschnitt und dem in blau gehaltenen Persischen Golf mit der umkämpften Straße von Hormus zur Südspitze Indiens. Dahinter lag die gerade von portugiesischen Spähern ausgekundschaftete Halbinsel Malakka – das Tor zum geheimnisvollen "Oceanus orientalis" mit den Gewürzinseln, über deren Lage die Karte indes noch nichts verriet. Dagegen erzählte sie von der portugiesischen Kenntnis einer weit nach Süden reichenden Küste im Westen des Atlantiks, die der Herzog nun zum ersten Mal sah. "Kein Zweifel", notierte Ercole d’Este, "die Kontur eines neuen Kontinents". Dieses Land erstreckte sich offenbar südlich der von den Spaniern entdeckten Inseln der Karibik – der Herzog konnte Hispaniola und Kuba ausmachen – über die Mündung der großen Flüsse Orinoko und Amazonas weit nach Osten in den Atlantik hinein. Eigenartige Bäume und rote Papageien fielen dem Herzog ins Auge. Aus Cantinos Berichten wusste er, dass Brasilholz und Aras in den beiden Jahren zuvor auf den Schiffen Cabral und Coelho nach Lissabon gelangt waren. Und da war, weit im Westen des neuen Landes, diese von Nord nach Süd verlaufende dicke Linie. Nach päpstlichem Willen teilte die Demarkationslinie von Tordesillas die Welt zwischen den iberischen Königshäusern auf.  

Das Tejo-Ufer der portugiesischen Hauptstadt um 1572 mit dem Stadtteil Ribeira im Vordergrund – von hier aus spann die Handelsmacht ihre Fäden um die bekannte Welt.

Das Tejo-Ufer der portugiesischen Hauptstadt um 1572 mit dem Stadtteil Ribeira im Vordergrund – von hier aus spann die Handelsmacht ihre Fäden um die bekannte Welt.

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 Ercole d’Este folgte ihrem Verlauf und erkannte, was ihre neue Lage bedeutete: "Sie schlägt Portugal den größten Teil des neuen Kontinents zu." Schließlich verlief sie weit im Westen der Küsten jener ausladenden Landmasse, die heute als Brasilien bekannt ist. Stolz strich der Herzog mit der flachen Hand über die Planisphäre – das neue Schmuckstück seiner Bibliothek. Und das Bild einer wahrlich neuen Welt; "Il mondo nuovo", murmelte der Herzog von Ferrara.

 Ohne Cantinos Karte hätten wir heute kaum eine Vorstellung von der erstaunlichen Kenntnis der Portugiesen kurz nach ihren Entdeckungen an den Küsten dieser Neuen Welt. Nachdem es Vasco da Gama gelungen war, die Südspitze Afrikas zu umrunden, nachdem Kolumbus den Weg nach Westen über den Atlantik erkundet und die Küsten der Karibik für die spanischen Herrscher in Besitz genommen hatte – damals wurden Karten zu streng gehüteten Staatsgeheimnissen, über die kaum Aufzeichnungen gemacht wurden. Kein Wunder, tobte am Ende des 15. Jahrhunderts zwischen mehreren Ländern im Süden Europas ein Handelskrieg von sich abzeichnender globaler Dimen sion. Und Lissabon war zu dessen turbulentem Zentrum geworden. Spätestens seit an den Landeplätzen am Ufer des Tejo die Schätze aus Indien und Brasilien ausgeladen wurden, spürte man die Wucht jener neuen Dynamik. Seeleute und Glücksritter, Kaufleute und Händler strömen in das kleine Königreich, angelockt vom Duft der Gewürze und dem Hunger Europas nach Luxusgütern. Es war ein Geschäft, das zuvor vor allem Venedig – die Lagunenstadt an der Adria – reich gemacht hatte. Doch mit den neuen Seewegen war das Handelsmonopol der Seerepubliken Venedig und Genua gebrochen; jetzt konnten die Portugiesen Gewürze direkt an der Quelle beschaffen und so die Zwischenhändler umgehen. König Manuel ließ in Lissabon das Hafenviertel als "neues Venedig" im imperialen Stil anlegen.  

 Es sollte die Ambitionen der portugiesischen "Krämerkönige" widerspiegeln, wie die neidvollen Konkurrenten die Herrscher am Tejo nun abfällig titulierten. Bald zog sich das Hafenviertel flussabwärts bis Restelo, wo die Seeleute vor ihrer Ausfahrt den rituellen Segen am Schrein der Jungfrau Maria von Belém empfingen.

  Als Cantino die Planisphäre entwendete, war Portugal gerade auf dem Sprung zu einem kolonialen Weltreich. Im Wettstreit um das Gewürz-Monopol gab der Vorsprung an Informationen den Ausschlag. Und Portugal hatte gelernt, seine Interessen zu schützen. Die Casa da Índia – das "Indienhaus" – war gleich neben dem Königspalast in dem Ribeira genannten Stadtteil am Ufer des Tejo-Flusses errichtet worden; als zentraler Umschlagplatz und Zollamt des portugiesischen Handels und als Zentralbehörde für die Verwaltung aller Territorien in Übersee.

 Ihre Aufgabe war nicht nur die Lagerverwaltung; als Personalbehörde der Seeleute, Militärs und Händler oblag es ihr auch, die Flotten des Ostindien- Handels – die "Armadas da Índia" – zu organisieren; zudem die königlichen Beamten in Übersee zu ernennen und zu überwachen, dass die königlichen Erlasse auch dort verbreitet wurden. Bald war das Indienhaus die wichtigste Institution Portugals; und es diente als Archiv und kartografisches Amt, das die hart erkämpften Vorteile Portugals bei geografischer Information vor Neidern schützen sollte. In atemraubendem Tempo erhielten portugiesische Astronomen und Navigatoren neue Daten. Unter Aufsicht der Krone wurden sie gesammelt und im Indienhaus an die nächsten Expeditionen weitergegeben – ein effektives Informationssystem, bei dem das Zeichnen exakter Karten zum staatlichen Geheim auftrag wurde. Karten sind eine Zusammenstellung all dessen, was andere gesehen und gefunden haben; andere, die sich unter Lebensgefahr in bis dahin unbekannte Weltteile begaben.

 Nicht zuletzt auch, weil die Portugiesen ihre Karten nicht aus der Hand gaben, sollten sie die Welt lange im Griff halten. Die Ereignisse, zu denen es bald danach kam, zwangen dann sowohl die Kartografen als auch die Herrscher Europas, buchstäblich "global" zu denken. Statt auf eine Plattkarte – eine Planisphäre wie der Cantinos, die man auf einem Tisch ausbreiten konnte – mussten sie sich die Welt eher auf einen Globus projiziert vorstellen, um die Größenverhältnisse besser zu verstehen und neue Einflusssphären jenseits der Meere abzustecken. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Während andere portugiesische Karten dieser Zeit verloren gingen, als später Brände und Erdbeben Lissabon heimsuchten, blieb allein die Raubkopie im oberitalienischen Ferrara erhalten – als frühes Zeugnis einer gelungenen Wirtschaftsspionage. Im Jahr 1592 – Ercole d’Este war ebenso wie sein Sohn und Nachfolger längst gestorben – brachte man Cantinos Planisphäre in den Fürstenpalast ins benachbarte Modena. Mitte des 19. Jahrhunderts ging das Original dort kurzfristig verloren, als es während einer Plünderung aus dem Fenster geworfen wurde. Doch kurz darauf tauchte die Karte wieder auf – als Fensterschmuck in einem Fleischerladen in Modena. Seitdem befindet sie sich in der dortigen Biblioteca Estense – als Juwel der portugiesischen Kartografie.

Der Text stammt aus dem Magazin P.M. History. Mehr Informationen finden Sie hier.