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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Wie "Crazy D." mir das Freiheitsgefühl der 70er zurückverkaufte

Wenn Frank Behrendt an seine glückliche Kindheit zurückdenkt, dann ist die zu einem Teil auch orange: Denn das war die Farbe seines damaligen "Bonanza"-Fahrrads. Ein Hit in den 70er Jahren. Jetzt traf er einen Typen, der die Kult-Bikes mit den Originalteilen von früher baut – und hat ihm direkt ein Gefährt abgekauft.

Bonanzarad

Bananensattel, Fuchsschwanz, alles da: Frank Behrendt lässt mit dem Bonanzarad seine Jugend wiederaufleben

Als meine Eltern mit uns drei Kindern in den 70er Jahren aus der Sonne Brasiliens an die windige Nordseeküste zogen, hatten sie vor allem eines im Sinn: Wir Kinder sollten mit Blick aufs Meer, guter Luft und viel Natur aufwachsen. In der Millionenmetropole Rio de Janeiro konnte man schließlich nicht mal eben mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren.

In Otterndorf, dem idyllischen Nordseebad am Weltschifffahrtsweg dagegen schon. Auf den Feldwegen hinterm Deich warteten die Abenteuer. Und wir erlebten sie. Jeden Tag. Ein Gefährt, das für mich damals den Inbegriff meines Freiheitsgefühls darstellte, war das Bonanzarad. Es ähnelte den Choppern, mit denen die Hollywood-Heroen Peter Fonda und Dennis Hopper im Kult-Film "Easy Rider" über die Highways durch Amerika düsten. Das Online-Portal wissen.de beschreibt das Gefährt der lässigen Burschen wie folgt: "Motorrad mit hoher, mittig geteilter Lenkstange und Rückenlehne". Genau das gab es für uns Führerscheinlose dann auch ohne Motor.

Wir hingen mit unseren Schlaghosen zurückgelehnt auf dem Bananensattel und cruisten mit den Händen an den Igelgriffen des Hirschgeweih-Lenkers über die Bürgersteige. Um der Coolness den finalen Kick zu verleihen, durfte ein flauschiger Fuchsschwanz hinten an der Chromblitzenden Lehne nicht fehlen. Am Lenker wurde ein Rückspiegel montiert, um die hinter uns fahrenden Freunde stets im Blick zu behalten. Ein schmucker Tacho - die legendäre "Käseecke" von VDO – komplettierte die Extras. Was für eine Zeit, was für ein Fahrzeug.

Das einzige, was mir leider von meinem geliebten Bonanzarad blieb, ist der markante schwarze Schalthebel von Fichtel&Sachs, den ich kürzlich beim Aufräumen im Keller wiederentdeckte. Ich googelte daraufhin etwas umher und stieß auf "Crazy D." alias Christoph Dieckmann. Ein positiv Verrückter, ein erwachsener Junge aus meiner Zeit. Er bekam irgendwann vor vielen Jahren den Tipp, dass beim Fahrradhersteller Kynast in einem vergessenen Lager in Quakenbrück jede Menge alter Originalbauteile der legendären Bonanzaräder schlummerten. Schaltkonsolen, Federimitatgabeln, Dreigangnaben, Bananensättel. Er setzte sich in seinen quietschgelben VW-Transporter und holte eine Fuhre nach der anderen ab. Anhand der alten Baupläne baut er die Kulträder der 70er nun seit Jahren wieder neu zusammen.

Pünktlich zum 50. Geburtstag der Räder in diesem Jahr schraubt er aktuell an seiner Last Edition. Weitere wird es so nicht mehr geben, denn es gibt keine unbenutzten "NOS-Teile" (NewOldStock - unbenutzte Originalteile der 70er) wie mir Bike-Profi Christoph, der alles über die Räder weiß, etwas wehmütig erklärt. Als ich in seine Werkstatt in Köln-Longerich kam, war ich erstmal sprachlos. Eine Zeitreise zurück in meine Kindheit. Ich bin selbst einer, der alles von früher aufhebt, aber in Crazy D habe ich meinen Meister gefunden.

Kein Wunder, dass sich regelmäßig TV-Sender bei ihm Relikte aus vergangenen Zeiten für ihre Retro-Shows ausleihen. Was für Leute seine Bonanzaräder kaufen, will ich wissen? "Große Kinder wie du", lacht er und ich darf im Hof eine Probefahrt machen. Kribbeln im Bauch, "Born To Be Wild" im Ohr. Nach der ersten Runde fällt die Entscheidung sofort: Next Exit Geldautomat. Ich kaufte mir mein Glück von früher zurück. Als meine Kinder das Gefährt zu Gesicht bekamen, waren sie direkt begeistert und drehten eine Runde nach der anderen. Fürs Wochenende hat sich mein Schwager angesagt und wird auf dem Bananensattel Platz nehmen. Er heißt wie ich Frank und was hatte er in den 70ern? Na klar, ein Bonanzarad. In leuchtendem Orange. 

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