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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Der wundersame Wandel der Meckerziege aus dem Dachgeschoss

Mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr könnte man unzählige Wände tapezieren. In der Nachbarschaft von Frank Behrendt vollzog sich am Neujahrstag ein kaum für möglich gehaltener Wandel bei einer alten Dame, der alle im Haus erfreute.

Es war gespenstisch still am Neujahrsmorgen um halb Sieben im weißen Mehrfamilienhaus im Kölner Süden. Nur eine alte Dame machte auf Pantoffeln die Runde durchs spärlich beleuchtete Treppenhaus. Als die Mitbewohner Stunden später vor ihre Türen traten, staunten sie nicht schlecht: Ein Marzipanschweinchen und ein Pikkolo-Fläschchen stand jeweils davor, zusammen mit einer handgeschriebenen Karte.

Geladen wurde zu einem Neujahrsumtrunk und die Formulierung des Absenders sorgte bei allen für ein mehr oder minder breites Grinsen: "Die alte Meckerziege von ganz oben". Weil kaum einer mit einer Einladung der meist unfreundlichen Mitbewohnerin gerechnet hatte, kamen fast alle. Die pure Neugier trieb sie hoch.

Die Gastgeberin, flankiert von Tochter und Schwiegersohn - die halbwüchsigen Enkel kümmerten sich um den Speisen- und Getränkeservice -, begrüßte jeden einzelnen und erklärte sich anschließend. Sie wollte im neuen Jahr einfach versuchen, netter zu sein. Zuvor hatte sie über alles und jeden geschimpft und auch schon mal die Polizei gerufen, als die jungen Leute auf der 1. Etage aus ihrer Sicht allzu fröhlich einen Sieg des FC feierten. Nun wollte auch sie ihren Beitrag zu mehr Miteinander innerhalb der Mietergemeinschaft leisten.

Inspiriert vom kleinen Lord

Unsere Bekannte, die auch in diesem ehrenwerten Haus lebt, stellte die Frage nach dem plötzlichen Sinneswandel. Die Antwort war genauso verblüffend wie die neue Denke der alten Dame: Sie hatte im Fernsehen während der Feiertage den Film "Der kleine Lord" gesehen. Die bemerkenswerte Verwandlung des mürrischen Earl von Dorincourt - gespielt vom famosen Sir Alec Guinness - durch seinen kleinen Enkel Cedric hatte sie angerührt.

Das hatte sie ihrer Familie beim Kaffeetrinken zwischen den Jahren erzählt. Und ihre eigene Enkeltochter hatte ihr dann vorgeschlagen, im neuen Jahr einfach weniger zu meckern und positiver auf die anderen Mieter im Haus zuzugehen. Das hat sie nun erstmals umgesetzt und die Enkelin war mächtig stolz auf Oma.

Der fröhliche FC-Fan im Haus hatte am Ende vorgeschlagen, dass sie den gemeinsamen Neujahrsumtrunk doch im nächsten Jahr wiederholen könnten. Dann sollte die alte Dame aus dem Dachgeschoss aber mit ihrem richtigen Namen unterschreiben, denn die "Meckerziege" wird dann nur noch ein Andenken an die Vergangenheit sein. Die Enkeltochter hat ihrer Oma die DVD des Films bestellt, damit sie ihn regelmäßig anschauen kann und ihre wundersame Wandlung keine Eintagsfliege bleibt. 

stern-Serie Achtsamkeit, Teil 1: Mit Zazen-Übungen zur Ruhe kommen
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