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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Die "Zerstörung" des guten Benehmens

Der PR-Berater Sachar Klein beklagt in einen Beitrag den Mangel an Höflichkeit im Miteinander. Frank Behrendt hat von seinen Eltern gutes Benehmen ins Stammbuch geschrieben bekommen und gibt es gerne weiter.

Dieses Büchlein von George Washington bekam Frank Behrendt kürzlich von seiner Mutter geschenkt

Dieses Büchlein von George Washington bekam Frank Behrendt kürzlich von seiner Mutter geschenkt

Als mein Vater noch lebte, bekam ich regelmäßig Post von ihm. Dicke Umschläge, immer mit Sondermarken frankiert. Inhalt: Zeitungsausschnitte, die besonders wichtigen Stellen mit Textmarker gekennzeichnet, mal ein Sonderheft eines Magazins oder ein Taschenbuch. "Erziehung ist ein lebenslanger Auftrag", pflegte mein alter Herr zu sagen und auch als meine Geschwister und ich weit über 18 waren, wurden wir weiter mit Impulsen versorgt.

Inzwischen hat diese Aufgabe meine Mutter übernommen und neben ihren eigenen Kindern werden nun auch die Enkelkinder bedacht. Kürzlich erhielt ich ein kleines hellgrünes Büchlein, bei dem mich der Autor irritierte: George Washington, der erste amerikanische Präsident. Seine Amtszeit (1789-1797) ist schon einige Zeit her, aber er traf schon damals Entscheidungen, die für die Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika heute als wegweisend galten und die USA als republikanische Demokratie immer noch prägen.

In dem Taschenbuch werden seine damaligen Benimmregeln aus dem 18. Jahrhundert aufgeführt, garniert mit einem wunderbaren Vorwort von Moritz Freiherr Knigge. Ein köstliches Lesevergnügen. Aber man kommt auch ins Grübeln, denn nicht nur dem amtierenden US-Präsidenten würden Washingtons Ratschläge gut tun.

"Was ist nur los mit uns?", schrieb kürzlich eine Social-Media-Freundin im Rahmen einer Debatte um Hass und Tweets unterhalb aller Gürtellinien. Sie berichtete von einem Freund, der aufgrund einer Meinungsäußerung so massiv beschimpft und bedroht wurde, dass er sich aus den sozialen Netzwerken erst einmal zurückgezogen hat.

Auch Politiker/innen können ein Lied davon zwitschern. Seit dem Rezo-Video dämmert es allerdings auch dem letzten Volksvertreter, dass politische Meinungsbildung künftig vor allem auch im Netz stattfinden wird. Und dort wird - trotz erwünschter Netiquette - wahrlich nicht immer zivilisiert debattiert. Wikipedia skizziert den angestrebten, allerdings rechtlich nicht bindenden Umgang mit den wohlklingenden Worten: "Das gute oder angemessene und achtende (respektvolle) Benehmen in der technischen (elektronischen) Kommunikation."

Gianni Costa, netter Mensch und kompetenter Sportchef bei der Rheinischen Post, twitterte kürzlich bezugnehmend auf mangelndes gutes Benehmen in der realen Welt: "Menschen, denen man freundlich 'Hallo' sagt und die trotzdem grußlos durch einen quasi durchgehen." Kein Einzelfall. Viele Zeitgenossen, so auch meine Beobachtung, erschrecken sich regelrecht - sofern sie die Ohren nicht mit Kopfhörern abgeschottet haben - bei einem unerwarteten Gruß.

In der digitalen Welt ist es meist nicht anders. Auf eine freundliche Anrede oder auf eine verbindliche Grußformel wird oft - offenbar aus Zeitgründen - wie Sachar Klein mutmaßt, verzichtet. Besserung ist bei der Generation WhatsApp eher nicht in Sicht. Aber alles hinzunehmen ist auch keine Lösung, denn eigentlich ist mangelnde Höflichkeit mit Sicherheit kein gewolltes Standard-Verhalten, vieles hat sich langsam eingeschlichen.

Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, immer mal wieder einen Impuls zu setzen. Mein Vater tat es, meine Mutter tut es, geschätzte Social-Media-Freunde machen es im Netz und ich leiste hier gerne auch meinen Beitrag. Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt. Hoffnungslosigkeit war übrigens eine Attitüde, die meinem Vater gänzlich fremd war. Gerne zitierte er in dunklen Zeiten einen Spruch, der dem Kirchen-Reformator Martin Luther zugeschrieben wird: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." 

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