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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Erwachsene können sehr viel von Kindern lernen

Als ich vor 30 Jahren im Kollegenkreis in einem Seminarraum saß, da hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich mit unserem damaligen Coach, Dr. Bertold Ulsamer, einmal ein Buch schreiben würde. Genau das haben wir jetzt getan: "Von Kindern lernen" erzählt, wie uns kindliche Perspektiven dabei helfen können, andere Entscheidungen zu treffen.

Frank Behrendt mit seinem früheren Coach und jetzigen Co-Autor Bertold Ulsamer (links)

Frank Behrendt mit seinem früheren Coach und jetzigen Co-Autor Bertold Ulsamer (links)

Im letzten Sommer fand ich meine jüngste Tochter Holly mit hinter dem Kopf verschränkten Armen gemeinsam mit unserer kleinen französischen Bulldogge "Fee" auf dem Rasen liegend und in den strahlend blauen Himmel schauend. Neben ihr stand ihr CD-Player und aus dem dröhnte eine der Hymnen Pippi Langstrumpfs: "Faul sein ist wunderschön, denn die Arbeit hat doch Zeit. Wenn die Sonne scheint und die Blumen blühn, ist die Welt so schön und weit."

Ich habe das Bild oft vor Augen, denn es hat für mich Symbolcharakter. Bertold Ulsamer spricht in diesem Zusammenhang gerne von "Muße und Selbstfürsorge". Er rät, als Break zum heiß laufenden Business-Hamsterrad, auch mal zum Nichtstun. Gerade jetzt, wo viele von uns ohnehin durch die diversen Einschränkungen im normalen Leben deutlich mehr Zeit zu Hause verbringen, ein interessanter Gedanke, den wir durchaus einmal ausprobieren sollten. "Nutzlose Zeit für einen selbst, die nicht sofort wieder als Investition in die eigene Leistung korrumpiert wird", schreibt er in unserem Buch und zitiert dazu den französischen Poeten Anatole France, der es noch schöner sagt, als wir beide zusammen: "Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich."

Seit ich vor Jahren entschieden habe, mein Arbeitsmodell zu modifizieren, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können, habe ich jeden Tag ein besonders wachsames Auge auf meine Kinder. Nicht um sie zu kontrollieren, sondern um von ihnen zu lernen. Was immer sie tun, sie machen viele Dinge anders als wir Erwachsenen. Sie fragen anders, sie denken anders, sie treffen Entscheidungen anders. Natürlich ist jedes Kind verschieden, aber dennoch zeigt sich bei allen Kindern, die noch nicht so tief im Leistungs-, Karriere- und Alltagshamsterrad des Berufslebens wie wir stecken, eine einheitliche Freiheit der Gedanken und Handlungen, die inspirierend ist.

Gerade in jungen Jahren sehen sie oft Dinge, die später leider verloren gehen. Sie interessieren sich für vermeintlich Belangloses, geben ihm Bedeutung. Wenn man selbst mal wieder in die Knie geht und sich auf Augenhöhe mit seinem Nachwuchs die Welt ansieht, dann begegnet man auch "lachenden Marienkäfern" am Wegesrand, wie sie mir meine Tochter begeistert zeigte. Ich habe bisher zwei Bücher geschrieben, alleine. Beide Male hat mir die monatelange Arbeit an den Werken extrem viel Spaß gemacht. Es war jeweils eine Reise zu mir selbst, zurück zu besonderen Momenten, Menschen und Orten. Vieles was in meinem Keller der Erinnerungen verschüttet war, kam wieder ans Tageslicht, wurde poliert und strahlt jetzt wie ein wertvolles Objekt in meiner Lebensvitrine im Hier und Jetzt.

Gemeinsam an einem Buch zu schreiben ist anders. Man reist gemeinsam, jeder gibt Impulse, man reibt sich, man sucht nach dem besten Weg und findet ihn. Bertold Ulsamer und ich haben im "Ping-Pong-Verfahren" geschrieben. Ich habe jeweils eine Impuls-Geschichte verfasst, die auf einem Erlebnis basiert, bei dem mich meine kleine Tochter zum Nachdenken und zum Einleiten von Veränderungsprozessen im privaten und beruflichen Kontext gebracht hat. Bertold hat Hollys Impuls jeweils zum Anlass genommen, um die Hintergründe aus der wissenschaftlichen Perspektive des Psychologen zu beleuchten und spannende Erlebnisse aus seiner jahrzehntelangen Coaching-Erfahrung beizusteuern. Er schickte mir seinen Part und wir tauschten uns dazu aus. Im Anschluss war ich wieder an der Reihe und formulierte einfach umsetzbare Tipps für den persönlichen Alltag der Leserinnen und Leser.

So haben wir uns Kapitel für Kapitel vorgearbeitet und es war eine ganz wunderbare gemeinsame Reise, die uns nach 30 Jahren ein neues Gefühl von Nähe und Vertrautheit beschert hat. Als wir uns dann in Freiburg in einem urigen Wirtshaus am Vorabend einer Podcast-Aufnahme mit der Gründerin der Initiative Global Digital Women, Tijen Onaran, trafen, redeten wir bis tief in die Nacht. Unser Gespräch erinnerte mich an eine Rückblende, wie sie in vielen Filmen verwendet wird. Wir waren wieder in dem Seminarraum auf Sylt, brüteten Jahre später über die Folgen einer gemeinsamen Kinder-Hörspielserie, die wir voller Leidenschaft produzierten.

Und wir saßen gedanklich noch einmal vor einer kleinen Holzhütte auf einer abgelegenen Bergwiese in Bayern und suchten während meiner privaten Krise nach dem Weg zurück zum Glück. Ich habe ihn wiedergefunden. Mit Hilfe des weisen Mannes, mit dem ich jetzt ein Buch schreiben durfte. Seine Klarheit hat mich immer beeindruckt, seine Empathie begeistert. Er war mein Bergführer, mein Leuchtturm, mein Wegbegleiter in dunkler Nacht. Basierend auf einer gedanklichen Reise zurück in meine Kindheit, hat er mit mir ein Fundament für ein Lebenskonstrukt gebaut, das mich und meine Familie für alle Ewigkeit trägt.

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