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Franken-Technik für den Weltmarkt: Tüfteln bis der Asiate kommt

Jürgen Eichner ist ein pragmatischer Mann. Wenn er technische Probleme sieht, sucht er einen Weg, es besser zu machen. Bildschirme zum Beispiel. Mit seiner Firma "Via Optronics" hat er ihre Ablesbarkeit deutlich verbessert. Jetzt wollen sogar die großen asiatischen Hersteller die Technik aus Franken.

Von Mathias Rittgerott

Auf seiner Visitenkarte steht "President". Man könnte jetzt denken: Ganz schon hochmütig - nur 65 Mitarbeiter und schon Präsident! "Die Asiaten mögen das", sagt Jürgen Eichner augenzwinkernd. "Sie können mit dem Begriff Geschäftsführer nichts anfangen." Er hat ihn gleich weggelassen.

Eichner, 48, Nachrichtentechniker aus Schwarzenbruck bei Nürnberg, schickt sich an, mit Nonchalance, fränkischer Schlitzohrigkeit und einer Idee die Welt zu erobern: Er hat herausgefunden, wie man Fotos auf Digitalkameras oder Texte auf Laptops auch bei Sonnenlicht sichtbar macht - ein Problem, das bisher keiner zu lösen vermochte, auch nicht die großen Elektronikkonzerne. "Wir haben mindestens zwei Jahre Vorsprung vor der Konkurrenz", schätzt Eichner. Sein Kniff: Er beschichtet die Displays mit einem optischen Film und hellt sie dadurch auf. Die hauchfeine Laminierung schluckt 99 Prozent der Spiegelungen - man kann die Displays deshalb auch bei grellem Licht ablesen. Zusätzlich werden sie mit einem Schutzglas verklebt. Das macht sie stabil und bruchsicher.

Von Beginn an profitabel

Vor drei Jahren gründete Eichner seine "Via Optronics GmbH". Die veredelt beispielsweise für die Firma Liebherr Displays von Baumaschinen oder für Siemens Kfz-Diagnosegeräte. Sonderanfertigungen in kleiner Stückzahl, denn noch ist die Beschichtung aufwändig und teuer. Aber der Nachrichtentechniker ist sich sicher: "Sobald der erste Kamera- oder Computerhersteller den Startschuss für die Massenproduktion gibt, ziehen alle anderen nach. Wir stehen bereit!"

Schon im ersten Jahr hat seine Firma mit fünf Mitarbeitern Gewinn gemacht. Einen bescheidenen zwar, aber immerhin: 16.000 Euro. Seither scheint es kein Halten mehr zu geben. Für 2008 stehen Aufträge für acht Millionen Euro in den Büchern. "Vom Start an war unser Produkt marktreif und ich kannte die potentiellen Kunden aus dem Effeff", sagt Eichner selbstbewusst. Laufend gewinnt er weitere hinzu. Dabei punktet "Via Optronics" auch mit dem Standort Deutschland. "Die Kunden schätzen die Nähe zu uns."

Doch inzwischen spricht sich auch in Asien herum, was Via Optronics macht. Gerade haben Toshiba und AUO, zwei der weltweit größten Produzenten von Bildschirmen, bei ihm angefragt. "Die wollen ihren Kunden meine Technologie anbieten." Bislang haben die Konzerne ihm das Feld überlassen. Die kleinen Stückzahlen interessierten sie nicht. Mit den beiden Weltkonzernen als Kunden könnte das anders werden.

Pragmatische Standortwahl

Das kleine Unternehmen residiert 25 Kilometer südlich von Nürnberg im fränkischen Dorf Altenthann. Viel Wald gibt es hier. Im Dachgeschoß seines unscheinbaren Wohnhauses am Ortsrand hat Jürgen Eichner Vertrieb und Verwaltung angesiedelt. "Die Wohnung oben stand sowieso leer; daraus Büros zu machen war für den Start am billigsten." In einem der mit Vogel- und Blumendekor tapezieren Räume, in denen im Sommer die Hitze steht, arbeiten vier Frauen, darunter auch Eichners brasilianische Ehefrau Joselene.

Entwickelt und produziert wird nicht in Franken, sondern im 200 Kilometer entfernten Hermsdorf in Thüringen. In weiße Overalls gehüllt schrauben dort 45 Mitarbeiter Bildschirme auseinander, ziehen Folien ein, kleben Schutzglas auf. Viel geschieht in Handarbeit. Die sei im Osten zwar billiger, aber das sei nicht der Grund, weshalb er dort produzieren lässt. "Das war Zufall", sagt Eichner. Ursprünglich wollte er die Firma mit einem Partner gründen, der in Thüringen Räume besitzt. Als die Zusammenarbeit scheiterte, wollte er in Franken nicht nochmals bei Null anfangen und blieb.

"Das kann ich besser"

Jürgen Eichner, eine Frohnatur mit Mecki-Frisur und schwarz-weiß gestreiftem Hemd, ist in Nürnberg aufgewachsen. Hier ging der Sohn eines Postbank-Mitarbeiters und einer Arbeiterin zur Schule, hier machte er seine Ausbildung zum Fernsehtechniker. "Wir Franken verlassen unser Heimatland nur ungern", sagt er. Ein verhockter Provinzler ist er trotzdem nicht. Allenfalls ein Hauch von Dialekt ist bei ihm zu hören.

Nach dem Studium an der Fachhochschule in Nürnberg schickte ihn sein Arbeitgeber, die Firma Diehl, nach Orlando in Florida, um Rechner für die Steuerung von Raketen zu konstruieren. Nach zwei Jahren kehrte er zurück, stieg zum Abteilungsleiter auf und entwickelte Halbleiter.

2001 heuerte Eichner bei einer US-Firma als Europa-Vertriebschef an, die Bildschirme durch Röhren aufhellte. "Eine simple Technik", die allerdings viel Strom fraß, teuer war und dem Tüftler nicht gefiel. "Ich wusste: Das kann ich besser und billiger." Er wollte die Krankheiten der Bildschirme kurieren. Drei Jahren lang experimentierte er privat mit Displays und präsentierte die Ergebnisse potentiellen Kunden. "Als die Interesse zeigten, habe ich gekündigt."

Schwierige Anschubfinanzierung

In den ersten sechs Monaten lebte Eichner vom Überbrückungsgeld des Arbeitsamtes. Dann wurde es "richtig hart". Die Finanzierung der Produktion in Thüringen drohte zum Fiasko zu werden. "Unerfüllbar" seien die Auflagen der Thüringer Förderbanken gewesen: schon vor der Kreditzusage sollte er Material bestellen. "Förderung Ost? Nix da, das ist hoffnungslos", sagt Eichner. Sein Konto rutschte immer tiefer ins Minus. Nachts habe er schlecht geschlafen und gedacht: "Du Idiot, was hast du gemacht?"

Erlösung kam schließlich von der Bayrischen Beteiligungsgesellschaft, einer staatlichen Bank. Die gewährte ihm einen Kredit von einer halben Million Euro für den Aufbau des Werks in Hermsdorf.

Der Chef hat die Ideen

Eichner ist zwar kinderlos, wollte aber trotzdem nie ein Jobnomade sein. Schon als er Manager bei einem Großkonzern war, hatte er "keinen Spaß daran, Menschen für Projekte hin und her zu verschieben." Ein Umzug nach München oder Stuttgart sei gar nicht nötig. "Im Umkreis von 250 Kilometern erreiche ich alle wichtigen Kunden: Autokonzerne und Zulieferer." Wurzeln zu haben findet er wichtig. Er radelt gern, geht Bergsteigen und taucht in bayrischen Bergseen. Aus Naturverbundenheit ist er Fördermitglied bei Greenpeace.

Eichner hat in seiner Firma drei Entwickler zur Seite. Die Ingenieure kaufen Displays, die neu auf den Markt kommen, bauen sie auseinander und suchen nach Schwachstellen. Außerdem entwickeln sie Bildschirme im Kundenauftrag. Die Ideen aber kommen meist vom Chef. Ständig hält er Ausschau, wo es potenzielle Kunden gibt. Zum Beispiel bei der Bahn. Deren Fahrkartenautomaten müssten dringend verbessert werden: "Eine Frechheit, wie schlecht die abzulesen sind".