HOME

Einkommens-Analyse: Hat sich die Emanzipation für die Frauen eigentlich finanziell gelohnt?

Im Vergleich zu den 70ern arbeiten Frauen heute mehr und erzielen ein deutlich höheres Einkommen. Doch ob sie auch einen besseren Lebensstandard erreichen, hängt von anderen Faktoren ab.

Heutzutage ist Erwerbstätigkeit von Frauen der Normalfall.

Heutzutage ist Erwerbstätigkeit von Frauen der Normalfall.

Früher lebten viele Frauen als Nur-Hausfrau und kümmerten sich um die , den Haushalt und den Herren des Hauses. Ihre Töchter arbeiten heute dagegen meist Vollzeit. Die Integration ins Erwerbsleben ist schon an sich ein Fortschritt, es fragt sich aber: Hat sich die Mehrarbeit auch finanziell ausgezahlt?

Die Arbeit des Pew-Projektes – benannt nach dem Gründer der Stiftung – kann anhand der Steuerdaten der USA ökonomische Entwicklungen einer Familie hinweg über Generationen zurück verfolgen. Der jüngste Report fragt, wie viel die Emanzipation der Frau tatsächlich im Portemonnaie bewirkt hat. (Frauenarbeit: Die ökonomische Mobilität von Frauen im Generationenvergleich - Women's Work: The Economic Mobility of Women Across a Generation). Verglichen werden die Werte der von 1970 und ihrer Töchter von 2010. Die Tochter von einst ist also heute eine Frau von über 50 Jahren.

Besser als die Mutter, schlechter als der Vater

Der Grundtenor des Reports sorgt für gemischte Gefühle. Die arbeitenden Frauen von heute – also die Tochtergeneration – verdienen deutlich mehr als ihre Mütter, die allerdings häufiger als Hausfrau lebten. Damals nahmen nur 53 Prozent der Frauen eine Erwerbsarbeit auf. Diejenigen, die es taten, arbeiteten im Schnitt 24 Stunden in der Woche. 2010 lag der Anteil der arbeitenden Frauen dann bei 85 Prozent und sie kamen im Schnitt auf eine 34-Stundenwoche. In diesem Punkt unterscheidet sich die Situation in Deutschland allerdings fundamental von der in den USA: Nach Angaben von Eurostat arbeiteten im Jahr 2015 47 Prozent Frauen im Altersrahmen von 20 bis 64 Jahren in Teilzeit. Diese Zahlen werden ganz anders erhoben, als die Daten des Reports, ein direkter Vergleich ist also nicht möglich. Aber es ist anzunehmen, dass diese hohe Quote von Teilzeit- und Minijobs starke Auswirkungen auf die Einkommen der deutschen Frauen haben wird.

Doch nur sehr wenige Frauen konnten die Einkommensleiter so weit hinaufklettern, dass sie ihre Väter überflügelt haben. Die meisten verdienen weniger. Hier schneiden die Töchter schlechter ab als die Söhne: In dieser Generation lassen die Jungs sowohl Väter als auch Mütter hinter sich.

Mehr Arbeit bedeutet nicht besseres Leben

Ein höheres eigenes Einkommen muss zudem nicht bedeuten, dass die Tochter einen besseren Lebensstandard hat – hier zählt das ganze Familieneinkommen. Und in diesem Punkt stechen Töchter, die in einer traditionellen Familie mit einer Nur-Hausfrau als Mutter aufgewachsen sind, ihre Geschlechtsgenossinnen aus. Sie verfügen heute über das höchste Familieneinkommen. Ursache ist häufig nicht allein ihr eigenes Arbeitsentgelt – das Einkommen ihrer Männer polstert die Familie.

Eine naheliegende Erklärung wäre, dass diese Töchter damals in der klassischen Familiensituation der Mittelschicht und Oberschicht großgeworden sind. Konstellationen, in der Mütter nicht arbeiten brauchten und auch nicht sollten. In diesem Kreis haben sie ihre Partner gefunden. Zudem war es für die Töchter in den 70ern und 80ern ganz normal, ein Studium aufzunehmen. Hier vererbt sich das gute Einkommen über die soziale Schicht. Diese Mittelschichtsfamilien profitieren stark vom Einkommen der Töchter, auch wenn diese hinter ihren Männern zurückbleiben.

Abstimmung

Werden Frauen in den nächsten 40 Jahren beim Einkommen mit den Männern mitziehen können?

Erosion der Familie trifft die Frauen

Erzielt eine Familie heute ein hohes Familieneinkommen, ist dafür trotz aller Forstschritte vor allem das Einkommen der Männer verantwortlich. Bessere Einkommen der Frauen führen leider nicht unmittelbar zu einem besseren Familieneinkommen und damit einem besseren Lebensstandard für sie. Die zunehmende Erwerbsarbeit der Töchter wird in vielen Fällen vom Zerfall traditioneller Familien aufgezehrt. Auch mit einem besseren persönlichen Einkommen als ihre verheiratete Hausfrau-Mutter kann die Familie der alleinerziehenden Tochter weit ärmer sein, als ihre Ursprungsfamilie.

Der schönste Befund bekommt so einen bitteren Beigeschmack. "Arbeitet eine Frau Vollzeit, trägt sie mehr als zur Hälfte zum Familieneinkommen bei" - das hört sich zunächst gut an, bedenkt man aber, dass es auch weibliche Singles gibt, die ihr Leben allein finanzieren, relativiert sich diese Aussage schon. Erfährt man weiter, dass dieses Fraueneinkommen bei Alleinerziehenden über 80 Prozent des Familieneinkommens ausmacht, erahnt man die Schattenseite des Fortschritts.

Reichtum und Armut bleiben kleben

Der Report stellt fest, dass sowohl Armut wie auch Reichtum über die Generationen hinweg sehr beharrlich sind. Wer reich geboren wurde, hat eine sehr gute Chance reich zu bleiben. Doch auch hier bleiben die Töchter hinter den Söhnen zurück. Das gleiche gilt für die Unterschicht. Männern gelingt es eher als Töchtern, der Armut der Eltern zu entkommen. Frauen, die aus ganz armen Familien stammen, verdienen heute deutlich besser als ihre Eltern. Ob es ihnen gut geht, ist damit allerdings nicht gesagt. Nach den Berechnungen des Pew-Teams hat sich die stärkere Erwerbstätigkeit der Töchter aber doch ausgezahlt. Ohne diesen Effekt wäre der soziale Aufstieg weit geringer gewesen oder der Abstieg im einzelnen Fall noch stärker.

+++ Ende des Mittelstands – den Jungen geht es schlechter als ihren Eltern ++

Zukunft wird schwieriger

Der Report betrachtet eine abgeschlossene Epoche. Die Töchter-Generation steht inzwischen im letzten Viertel ihres Erwerbslebens. Ihre Kindheit und Ausbildungszeit haben sie in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts vollbracht. Sie haben an einer wirtschaftlichen Aufschwungswelle teilgenommen, von der alle Schichten profitierten. Und bei allen erreichten Fortschritten konnten sie nicht mit ihren "Brüdern" mithalten.

Die Millennials oder die Enkelinnen, um im Bild zu bleiben, werden in einer Situation groß, in der niemand für die normale Erwerbsbevölkerung noch Einkommenszuwächse gegenüber ihrer Elterngeneration annimmt. Im Gegenteil, es sieht eher so aus, als würden die Enkel und Enkelinnen weniger Einkommen erzielen als ihre Eltern. 

Das sind bittere Aussichten, doch in den sind die Frauen für diesen Abstiegskampf gut gerüstet. Erstmals erreicht die Enkelinnengeneration höhere Schulabschlüsse als Männer. In der letzten Wirtschaftskrise waren Männer mehr als Frauen von Jobverlust und Arbeitslosigkeit betroffen.

Anderes Heiratsverhalten prägt die Zukunft

Die Zukunft wird allerdings auch ein verändertes Heiratsverhalten prägen. Heute achten Männer und Frauen bei der Partnerwahl sehr stark auf Ausbildung und Einkommen der Erwählten. Die Ehe ist als traditioneller Triebriemen der Durchmischung der Schichten und des sozialen Aufstiegs ist in den USA bereits weggefallen. Im Trend liegen Power-Couples, die konsequent zwei hohe Einkommen (und häufig auch entsprechendes Vermögen) miteinander kombinieren. Sie werden auf lange Sicht einen tiefen Graben aufwerfen - zu all den anderen Paaren ohne Power-Faktor und den Aussichten von deren Kindern. 


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren