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Einkommens-Studie: Ende des Mittelstands – den Jungen geht es inzwischen schlechter als ihren Eltern

Eine Studie aus den USA beweist, was Viele ahnen. Die Nachkriegsgeneration erlebte einen sagenhaften ökonomischen Aufstieg. Heute steigt die junge Generation dagegen ökonomisch ab.

Wenn die Eltern einladen, wird vielen Jüngeren bewusst, dass sie deren Lebensstandard nicht erreichen werden. 

Wenn die Eltern einladen, wird vielen Jüngeren bewusst, dass sie deren Lebensstandard nicht erreichen werden. 

Getty Images

Die Ahnung, dass die Zeiten dauerhaften Wachstums vorbei sind, beschleicht viele junge Leute. Etwa wenn sie mit befristeten Verträgen und einem bescheidenden Einkommen einen Vertrag mit Staffelmiete unterschreiben. Das Gefühl, dass der Satz "uns ging es noch nie so gut" nicht so ganz zutrifft, wird von mehreren Langzeituntersuchungen bestätigt. Wir berichteten, über eine McKinsey-Studie, die die Einkommensentwicklung in 25 Industriestaaten verfolgte. Das Ergebnis war schockierend: Zwei Drittel müssen mit einem realen Nullwachstum oder einem schrumpfenden Budget zurechtkommen. Der länderübergreifende Megatrend heißt Verarmung.

Wem geht es besser: Den Kindern oder den Eltern?

In den USA – einst das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – hat sich die renommierte "New York  Times" ("The American Dream, Quantified at Last") einmal angesehen, wie die Entwicklung der Einkommen wirklich verläuft. Runtergebrochen wurde der amerikanische Traum auf die simple Frage: Werden es die Kinder einmal besser haben als die Eltern?"   

Denn genau das war die Verheißung der Nachkriegszeit. Vorteil dieses Blickwinkels ist, dass jeweils die Entwicklung in den verschiedenen soziologischen Gruppen betrachtet wird. Steigende Durchschnittswerte allein könnten bedeuten, dass es einzelnen Gruppen sehr viel besser geht – etwa den reichsten zehn Prozent – während sich beim Rest gar nichts zu tut.

Der Nachteil: So eine Forschung ist sehr viel aufwändiger, weil die verfügbaren und aufbereiteten statistischen Daten den Familien-Faktor nicht berücksichtigen. Möglich wurde die Untersuchung nur, weil das Team um den Ökonomen Raj Chetty für die Forschung Zugriff auf Millionen von Steuerakten bekam. Die Untersuchung bezieht sich nur auf die USA, andere Studien legen nahe, dass die Entwicklung in Deutschland ähnlich verläuft.

Die goldene Nachkriegszeit

Ein Kind, das 1940 geboren wurde, hatte demnach eine 92 prozentige Chance, ein besseres Einkommen zu erzielen, als die eigenen Eltern. 8 Prozent gelang das nicht, man musste sich also schon anstrengen, um nicht aufzusteigen. Der Grund ist einfach. Die Wirtschaft wuchs stetig und das Wachstum verteilte sich auf Arme, Reiche und die Mittelschicht.

Aber: Dieses Jahrzehnt war die Ausnahme. Mit jedem Jahrzehnt wurde es schwerer aufzusteigen. Die letzte untersuchte Kohorte wurde 1980 geboren und dürfte jetzt 36 sein. Hier gelingt es nur noch der Hälfte, die eigenen Eltern zu überflügeln. Man könnte jetzt sagen, das sei immer noch ein guter Wert: Der Hälfte geht es ja besser! Das ist aber ein statistisches Missverständnis. Tatsächlich bedeutet diese Zahl Stagnation: Einer Hälfte geht es besser als den Eltern, die anderen halten aber nicht deren Standard, sie sinken ab. Ihnen geht es schlechter. Der allgemeine Fahrstuhl nach oben hielt für die 1980 Geborenen bereits an. Mit guter Ausbildung oder harten Ellbogen gelang eine Hälfte nach oben, die andere nicht.

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Entwicklung dürfte sich beschleunigt haben

Für später geborene Generationen gibt es keine harten Daten, doch es gibt keine Anzeichen, dass dieser Trend gestoppt wäre. Im Gegenteil, mehrere Faktoren dürften zu einer Beschleunigung geführt haben. Die Entwicklung der Volkswirtschaft in den USA produziert nicht mehr die alten Überschüsse. Der Zuwachs des Realwachstums kommt in den letzten Jahren im Wesentlichen einer kleinen Elite zu gute. Und nicht zuletzt belastet die zunehmende Verschuldung junger Leute durch die enormen Studienkosten ihre Lebensaussichten. Der klassische Aufstiegsmotor "Studium" hat damit an Kraft verloren. Außerdem gibt es den Aufstieg durch Heirat nicht mehr. Noch in den 60er-Jahren konnten Frauen aus ärmeren Schichten häufig nach "oben" heiraten. Heute gilt: Gleich zu gleich gesellt sich gern. (Wir berichteten: Ehe-Studie: Warum schlaue Frauen sich am Ende den Mann fürs Leben angeln).

Dieser Vergleich frustet

Es spricht also alles dafür, dass die Einkommensentwicklung inzwischen den Rückwärtsgang eingelegt hat: Es also sehr viele Menschen in den USA gibt, die niemals das Einkommensniveau der Eltern erreichen werden. Der amerikanische Traum ist ausgeträumt, und das ist auch jedem bewusst. Die "NYT" weist daraufhin, dass das gefühlte Lebensglück sich aus Vergleichen im Lebensumfeld speist.  "Wir gehen zu unseren Eltern und vergleichen unseren Lebensstandard mit ihren. Die Eltern sind eine der wenigen Konstanten im Leben. Freunde kommen und gehen. Eltern nicht", sagt der Soziologe David Grusky. Dieser Vergleich ist unbestechlich und offensichtlich, und für viele Junge dürfte der Weihnachtsbesuch bei den Eltern eine bittere und deprimierende Wahrheit offenbaren. 

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