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IAB: Daten zum Sprechen bringen

Das wichtigste Beratungsgremium der Regierung, der Wissenschaftsrat, lobt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in höchsten Tönen. Es gehört sowohl national als auch international zu den Spitzeninstituten. stern.de stellt den neuen IAB-Direktor Joachim Möller vor.

Von Peter Ilg

In der Regensburger Straße 104 in Nürnberg sitzen die Bundesagentur für Arbeit und das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Eine Adresse, eine Meinung? Manch einer sieht das IAB als Ableger der Arbeitsagentur. Bestätigung der Politik durch die hauseigene Forschung, lautet deren Vorwurf. Organisatorisch gesehen könnten sie durchaus recht haben. Das Institut ist eine Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit.

Doch kontroverse Debatten mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Arbeitsministerium sind Teil der 40-jährigen Geschichte des IAB. Zum Beispiel wies das Institut in diesem Jahr mehrfach darauf hin, dass Ein-Euro-Jobs teilweise reguläre Beschäftigung verdränge. Das ist eine Botschaft, die von der Arbeitsagentur und dem Arbeitsministerium nicht gerne gehört wird. Doch für diejenigen, die das IAB als eine unabhängige Forschungseinrichtung für den Arbeitsmarkt sehen, ist sie Balsam auf der Seele. Jutta Allmendinger war Chefin am IAB.

"Wir veröffentlichen auch unbequeme Forschungsergebnisse"

Seit April 2007 leitet sie nun als Präsidentin das Wissenschaftszentrum Berlin, die größte sozialwissenschaftliche Denkfabrik Europas. Das IAB hat ihr zu einer großen Karriere verholfen. An ihre Stelle ist am 1. Oktober Joachim Möller getreten. Der verspricht: "Wir veröffentlichen auch unbequeme Forschungsergebnisse."

Auch er hatte wie Allmendinger zuvor eher in der universitären Lehre ein hohes Ansehen, im Wirtschaftsleben waren beide nahezu unbekannt. Allmendinger lehrte an der Universität München, Möller ist Ökonomieprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg. Beide kennen sich aus dem IAB: Möller ist seit 2000 Mitglied im wissenschaftliche Beirat des Instituts. Als Allmendinger sich nach Berlin verabschiedete, legte sie so manchem Mitglied im Beirat nahe, sich für ihren Job zu bewerben. Möller zögerte und stieg erst in der zweiten Runde des Bewerbungsverfahrens ein. Offenbar musste bei ihm zunächst Überzeugungsarbeit geleistet werden. "Verschiedene Leute haben mich bearbeitet", sagt er.

1978 hat Möller sein Studium der Volkswirtschaftslehre in Konstanz abgeschlossen und wurde für die Diplomarbeit mit dem Forschungspreis der Bundesanstalt für Arbeit ausgezeichnet. Das war der erste Kontakt zu seinem heutigen Arbeitgeber. In Konstanz hat er auch promoviert und habilitiert, 1991 ging er als Professor für Volkswirtschaftslehre an die Universität Regensburg.

Möllers Pläne für die IAB

Und immer drehte sich bei ihm alles nur um ein Thema: "Die Beschäftigung mit dem Arbeitsmarkt zieht sich bei mir wie ein roten Faden durch mein gesamtes Berufsleben", so der 54-jährige. Der Arbeitsmarkt mit seinen guten Daten sei ein wirklich wunderbares Forschungsfeld, schwärmt er von der Thematik und bezeichnet sich selbst als "besonders empirisch ausgerichtet". Möller ist kein Theoretiker, sondern legt seinen Forschungsaktivitäten tatsächliche Daten zugrunde. Auch deshalb ist er beim IAB bestens aufgehoben.

Das IAB untersucht zum Beispiel, ob die Arbeitsförderung greift. Was bringen Trainingsmaßnahmen für Arbeitslose oder Lohnkostenzuschüsse?, sind Fragen, denen die Forscher nachgehen. Unter der Leitung von Allmendinger hat sich die Mitarbeiterzahl fast verdoppelt. Heute hat das IAB rund 300 Beschäftigte, davon sind etwa die Hälfte Forscher. Möller hat vor, auf eine starke Internationalisierung hinzuwirken, "damit das Institut die führende Einrichtung für Arbeitsmarktforschung in Europa wird". In Deutschland ist sie schon die Größte.

Ein Schwerpunkt seiner Arbeit wird sein, wie das Bildungsniveau in Deutschland angehoben werden kann, damit mehr junge Menschen studieren. "Wie bisher können wir nicht mehr weitermachen", ist seine feste Überzeugung. Viel zu viel Potential würde vergeudet. Was Kritiker dem Institut vorwerfen, sieht er als Chance: "Wir können die Daten zum Sprechen bringen, und durch die unmittelbare Nähe zur Politik haben wir große Möglichkeiten, Einfluss auf den Arbeitsmarkt zu nehmen." Deshalb hat er den Job angenommen.

Mit dem Rad zur Arbeit

"Die neue Aufgabe war nicht Teil meiner Lebensplanung", gibt Möller unumwunden zu. Er fühle sich in Regensburg sehr wohl. Unter den Kollegen herrsche ein sehr angenehmes Arbeitsklima. Seine Frau ist in Regensburg an einer Grundschule Lehrerin. Zusammen haben sie ein altes Haus renoviert. Von den drei Kindern zieht zwar nun auch die Jüngste demnächst aus: sie beginnt im Wintersemester ein Studium der Elektrotechnik. "So haben wir wenigstens eine, die ausbricht", gibt sich der Vater zufrieden. Die beiden anderen Kinder kommen ganz nach ihm und studieren Volkswirtschaftslehre. Regensburg soll weiterhin der Mittelpunkt der Familie bleiben. Deshalb wird Möller auch nicht nach Nürnberg umziehen.

Eine Stunde täglich dauert die Zugfahrt dahin. Möller wird aber nicht jeden Tag auf den Schienen unterwegs sein. Montags arbeitet er weiterhin als Professor an der Universität und radelt wie gewohnt zu seinen Vorlesungen. Tagein, tagaus, sieben Kilometer hin, sieben zurück, dazwischen ein Berg. "Das hält mich fit", sagt er. Er hofft, auch im fränkischen eine Möglichkeit zu finden, sich körperlich zu betätigen. Falls er mal genügend Zeit für eine ausführliche Radtour hat: Die Straße seines Arbeitgebers führt ihn direkt nach Hause.