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INSOLVENZ: Die Pleite, die Schande, die Scham

Die Schneider-Werke waren der größte Arbeitgeber in Türkheim. Ihre Fernseher und Computer »Made in Germany« kannte jedes Kind. Im Januar ging der Konzern in Konkurs. Tausende verloren ihren Job. Die Brüder Schneider schämen sich. Letzte Hoffnung sind Investoren aus China.

Am 25. Januar 2002, kurz vor den »Heute«-Nachrichten, verliert Marianne Gast ihren Glauben an die Menschlichkeit. »Hast du schon in den Videotext geschaut?«, fragt eine atemlose Kollegin am Telefon, »Schneider ist pleite!« Marianne Gast wirft den Hörer hin, drückt die Videotexttaste auf der Fernbedienung und liest: »Die Türkheimer Schneider Technologies AG meldet Insolvenz an.« Ihre Firma? Bei der sie seit 22 Jahren im Akkord schuftet und ihr Mann Josef seit 27 Jahren. »Läuft alles prima«, hatte der Vorstand noch kurz zuvor verkündet. Immer wieder drückt sie die Taste, als könnte sie die Hiobsbotschaft wegzappen. »Sie hätten mir an diesem Freitagabend ein Messer in den Rücken stechen können«, beschreibt die Frau ihr Entsetzen, »es wäre kein einziger Tropfen Blut geflossen.«

Am folgenden Montagmorgen stehen Marianne und Josef Gast vor dem verschlossenen Werkstor in der Silvastraße 1. Sie begreifen: Ihr kleines Glück, das auf 3.850 Euro Monatseinkommen gründete, ist dahin. Ihre Gedanken kreisen: Woher künftig die 2.050 Euro nehmen, um die Alimente aus den ersten Ehen zu zahlen? Müssen wir unsere Hunde weggeben? Wer stellt uns, 51 und 53 Jahre alt, noch ein?

Als der Insolvenzverwalter Michael Jaffé, inzwischen bundesweit bekannt über seinen Einsatz bei Leo Kirch, kurz darauf die Belegschaft über die Abwicklung der Firma informiert, rauschen seine Worte an ihnen vorbei. »Kündigung - Transfergesellschaft - mögliche Investoren.« Marianne und Josef Gast denken an den sozialen Abstieg. Sie schämen sich.

Fast ein halbes Jahr später sitzt Bernhard Schneider in seinem Einfamilienhaus vor einem Stück selbst gebackener Rhabarbertorte und kriegt kaum einen Bissen runter. »Es ist so erniedrigend, wie hier alles zugrunde geht«, sagt der 67-Jährige. Hilflos schaut er zu seinem Bruder Albert, 68, hinüber. Der blickt seelenwund ins Leere.

Ein Affront gegen die Eltern

Endzeitstimmung in der Alpenstraße. 112 Jahre und 353 Tage nach der Gründung sind ihre Schneider-Werke Geschichte. Alle Rettungsversuche schlugen fehl, die komplette Mannschaft erhielt die Kündigung. Mitte der sechziger Jahre hatten die Brüder Schneider den Betrieb für Möbel und Unterhaltungselektronik von ihrem Vater übernommen und zum deutschen Vorzeigeunternehmen ausgebaut.

Für die Schneider-Brüder bedeutet der Fall der Firma, elf Jahre nach ihrem Rückzug aus der Geschäftsführung, die größtmögliche Demütigung. Eine posthume Schmach für Großvater Felix, der das Werk 1889 im Sauerland als Holzwaschmaschinenfabrik eröffnete. Ein Affront gegen die Eltern, die sich für den Betrieb aufopferten, um ihre 13 Kinder durchzubringen. Eine Versündigung gegen die Mitarbeiter, die »erschütternde Schicksale« erleiden. Und eine finanzielle Katastrophe für sie selbst: Die ehemaligen Aktienmilliardäre könnten sich von ihren Anteilen nach dem Kurssturz des Schneider-Papiers nicht mal mehr einen Mittelklassewagen kaufen.

Rund 300 Meter südwestlich von Schneiders Eigenheim passieren ein paar Mitarbeiter das Werkstor. Sie wurden von einer Transfergesellschaft für die Jobsuche trainiert. Einige von ihnen bleiben vor dem Pförtnerhäuschen stehen und reden sich in Rage. Sie schimpfen über die Lügen der Manager, die Ignoranz der Aufsichtsräte, die Arroganz der Banker. Sie verfluchen jede Lohnmark, auf die sie verzichtet, jede Überstunde, die sie geleistet haben, um Schneider doch noch zu retten. Und sie beteuern, dass sie es jederzeit wieder täten, wenn sie nur ihre Arbeitsplätze zurückbekämen.

80 Prozent der Belegschaft, schätzt der Betriebsrat, hat keine Chance, hier im Allgäu einen neuen Job zu finden. Ehepaar Gast ist nach zig Bewerbungen noch immer ohne Perspektive. Selbst eine Krankenhausgroßküche schickte Marianne Gast eine Absage: zu alt zum Kochen - mit 51. Es wird sich auch kein Politiker besonders darum scheren, jetzt, wo nichts mehr zu holen ist. Denn statistisch gesehen ist Schneiders Insolvenz nicht mehr als ein trauriges Viertelstündchen deutscher Wirtschaftsgeschichte. Alle 14 Minuten geht in diesem Jahr eine Firma Pleite. Kirch, Cargolifter, Holzmann - oder eben Schneider.

»Die seelische Belastung ist gewaltig«

Als auch die letzten Mitarbeiter das Gelände verlassen haben, herrscht gespenstische Ruhe bei Schneider Technologies. Die riesigen Produktionshallen wirken, als hätte jemand die Zeit angehalten. Auf den Bändern in der Montagehalle verstauben halbfertige Fernseher, die für Aldi bestimmt waren. Neben der Kabelfertigung warten Kartons mit Steckern darauf,

zu den Behindertenwerkstätten transportiert zu werden, denen Schneider einst Arbeit gab. In einem Regal lagern Geschäftsberichte, die niemand mehr lesen will. Im Raucherraum quellen Aschenbecher über.

Raci Dikkaya, seit acht Jahren Betriebsratsvorsitzender und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, öffnet die gläserne Tür zum kleinen Produktmuseum der Schneider-Werke. In schlichten Regalen lagern Exponate, die den Bayern einst zur Weltgeltung verhalfen. Die Musikvitrine mit Plattenwechsler und verspiegelter Bar aus den sechziger Jahren. Das »Powerpack« aus den späten Siebzigern, eine federleichte Hi-Fi-Anlage mit vielen Leuchtdioden zum Spottpreis. Der erste Schneider-Fernseher von 1983, die Antwort auf asiatische Billigimporte. Der Heimcomputer CPC646, der 1984 den legendären Commodore 64 fast im Markt geschlagen hätte. Der Euro-PC, der Ende der achtziger Jahre 1.300 Mark kostete und die Konkurrenz das Fürchten lehrte. Und natürlich der »Ökovision«, die voll recyclebare Flimmerkiste von 1992.

So richtig freuen kann sich Dikkaya an den Ausstellungsstücken nicht mehr. Auch er ist arbeitslos. »Die seelische Belastung ist gewaltig«, sagt er. Zwei Kinder, neun Monate und drei Jahre alt, muss er ernähren und ein frisch gebautes Haus abzahlen. »Bewerben Sie sich mal irgendwo als Betriebsratsvorsitzender«, sagt der 43-Jährige erschöpft. Der Job bei Schneider, das bedeutete für ihn 21 Jahre lang das große Los. Noch heute verspricht ein Plakat, das am Eingang des Bürohauses hängt, der Mannschaft »sichere Arbeitsplätze«. Wie hat die einst 1.700-köpfige Belegschaft die Momente genossen, als beim Börsengang 1986 die Analysten die Schneider-Aktie als »Spitzenpapier wie Mercedes oder Siemens« feierten. Als »Spiegel«, »Bunte« und »Manager Magazin« Elogen auf die tapferen Schneiderlein verfassten.

Bis 1990 entwickelte sich das Geschäft prächtig. Als nach der Wende Millionen Ostdeutsche die Elektronikläden stürmten, konnte Schneider den Bedarf kaum decken. »Die Ossis rissen uns die Fernseher vom Lastwagen«, erinnert sich Wolfgang Ramerth, der hier als Ausbilder gearbeitet hat und auch im Aufsichtsrat saß. Fast eine Milliarde Mark floss in die Firmenkasse - und es blieb sogar ein kleiner Gewinn. 1991 war die Party schon wieder vorbei. Der Ostboom ging schlagartig zu Ende. Albert Schneider, der Vorsichtige, war durch einen Autounfall angeschlagen und zog sich aus dem Tagesgeschäft zurück. Sein Bruder Bernhard, der Desperado, verzettelte sich im Hi-Fi- und PC-Markt, als der Druck aus Asien stieg. Am Jahresende musste er den Aktionären einen Umsatzeinbruch von 40 Prozent und 68 Millionen Mark Miese vermelden. Schneider warf das Handtuch.

1998 lag das Traditionsunternehmen das erste Mal im Koma

Das war der Anfang vom Ende, das sich über zehn Jahre hinzog. Kreditinstitute übernahmen die Regie, vor allem die Deutsche Bank und die Bayerische Landesbank für Aufbaufinanzierung (LfA). Die Hauptrollen in Vorstand und Aufsichtsrat besetzten sie mit glücklosen Managern, weltfremden Professoren und zu versorgenden Beamten. Als Komparsen agierten arglose Arbeitnehmervertreter. Und als Gaststar, vor allem in Wahlkampfzeiten, schwebte der eine oder andere Politiker ein, vor allem der bayrische CSU-Wirtschaftsminister Otto Wiesheu, der sich gern als rettender Engel geriert.

1998 lag das Traditionsunternehmen das erste Mal im Koma. Die CSU konnte jedoch keine Toten gebrauchen im Jahr der Landtags- und Bundestagswahl. Die Politiker und Banken zwangen die Schneider-Brüder, den Großteil ihrer Aktien und alle Stimmrechte für eine symbolische Mark an die LfA abzutreten. Die Staatsbank wurde Hauptaktionärin und pumpte Millionen in den hoffnungslosen Patienten. Vergebens. Die Steuermillionen mutierten zur Sterbehilfe.

»Geld regiert Deutschland«, resümiert Betriebsrat Dikkaya nüchtern, »die Banken haben die Macht, sie haben uns regelrechte Pfeifen aufgedrückt.« Sein Kollege Ramerth nickt heftig mit dem Kopf: »Alle wollten nur noch an Schneider verdienen.« Warum sie sich als Aufsichtsräte nicht dagegen gewehrt haben? »Wir sind doch kleine Leute.«

So wie viele in Türkheim - einem dieser Orte, in denen die Menschen abends früh zu Bett gehen und trotzdem am Folgetag nicht so richtig wach werden wollen. Fremde kommen selten her. Wer die Autobahn 96 über die naheliegende Abfahrt verlässt, biegt fast immer nach Süden ab - in Richtung des mondänen Kneipp-Kurortes Bad Wörishofen. Im Amtszimmer des Türkheimer Rathauses, das im ehemaligen herzoglichen Schloss untergebracht ist, sitzt Bürgermeister Silverius Bihler hinter seinem Schreibtisch und würde am liebsten gar nichts sagen. Ängstlich sucht er den Blickkontakt zur Muttergottes, die in einer Vitrine seiner Schrankwand eingesperrt ist. Klar, »mit großer Sorge« habe er den Untergang der Firma Schneider verfolgt. »Aber was hätte ich tun sollen?« Es sei halt »die schwäbische Mentalität, sein Schicksal hinzunehmen«. Die Arbeitslosigkeit ist von 4,5 auf 6 Prozent gestiegen - das bedeutet weniger Einkommensteuer. Handwerker müssen ohne die Millionenaufträge Schneiders auskommen. »Die Pro-Kopf-Verschuldung wird von 200 auf über 600 Euro steigen«, fürchtet Bihler.

Vielleicht kommen ja auch die Chinesen

Auf dem Parkplatz der Schneider-Werke zappeln die Fahnen des Konzerns im Wind. Noch immer spielt ein Grüppchen entlassener Schneider-Mitarbeiter die Wenns und Abers durch - Seelenbalsam für den letzten Abschied. »Wenn der Türke oder der Inder nun doch kommt?«, spekuliert einer und meint den türkischen Elektrohersteller Beko und das indische Elektronikunternehmen BPL - zwei mögliche Investoren, mit denen über einen Teileinstieg verhandelt wurde.

Ein anderer wirft ein: »Aber warum sollten Türken und Inder ausgerechnet bei uns ein großes Werk eröffnen?« Vielleicht kommen ja auch die Chinesen, von denen Insolvenzverwalter Jaffé zuletzt sprach. Bis Ende des Monats schon könnten die Verhandlungen abgeschlossen sein.

Solche Ankündigungen glaubt in Türkheim niemand mehr. »Bis Ende des Monats - das haben wir schon oft gehört«, sagt Marianne Gast. »Vielleicht«, meint einer derer, die vorm Werk diskutieren, »rettet uns ja doch noch der Laser.« Schneiders vermeintliches Wunderding aus dem ebenfalls insolventen Schwesterwerk in Gera, mit dem sich allerschärfste Fernsehbilder auf jede beliebige Fläche projizieren lassen. Dessen Kommen der Vorstand zehn Jahre lang angekündigt hat. Das mindestens so erfolgreich werden sollte wie der Videorecorder. Das über 150 Millionen Euro Entwicklungskosten verschlungen hat - mehr als die Bilanzsumme der Firma.

Die Schneider-Leute steigen brav in ihre Autos. »Schreiben Sie«, ruft einer aus dem geöffneten Fenster, »dass die uns fallen gelassen haben wie ein heiße Kartoffel.«

Rolf-Herbert Peters